1905 | Ernst Kuzorra

Der 16. Oktober 1905 ist wolkenverhangen. In der Nacht hat es Bindfäden geregnet. Als viertes von sieben Kindern erblickt an jenem Tag Ernst Kuzorra in der Blumenstraße 33 in der Nähe des Schalker Markts das Licht der Welt. Seine Mutter Berta kümmert sich um den Haushalt, Vater Karl arbeitet als Bergmann.

Bereits als kleiner Junge hat Ernst eine Leidenschaft: „Ich konnte keinen Stein und keine Blechdose auf der Straße liegen lassen. Jeden Tag gab es nur Fußball, Fußball.“ In der Woche nach seiner Konfirmation besucht er das Spiel Schalke gegen Erle. Die Schalker sind nicht vollzählig. Ein Schulkamerad Kuzorras ruft dem Jugendleiter zu: „Nehmen Sie den Kleinen da, der kann was.“ Kann er! Mit vier Toren schießt der Bengel Schalke zum Sieg und wird freudig aufgenommen. Zu Hause setzt es hingegen eine Tracht Prügel, weil die neuen Konfirmationsschuhe hinüber sind.

Mit 15 heuert Kuzorra auf der Zeche Consolidation an, mit 16 arbeitet er unter Tage als Schlepper, der die Loren bis zum Förderkorb bringt. 1922 wird er Lehrhauer. Doch seine Gedanken kreisen meist um den Fußball. Unter Tage haben sie eine Abmachung: Kuzorra holt für Schalke die Punkte, die Kumpel hauen für ihn die Kohlen. Mit 17 rückt er in die erste Mannschaft auf. Sein erstes Spiel bestreitet er im April 1923 gegen die Sportfreunde 07 aus Essen.

1927 will Kuzorra beruflich die Branche wechseln und bewirbt sich bei der Polizeischule in Münster. Die Zusage zeigt er seinen Mitspielern beim Training. „Tullux“ Valentin zerreißt kurzerhand den Brief mit den Worten: „Du bleibst bei uns.“ Als der Dortmunder SC 95 ihn mit einer Anstellung in einer Brauerei weg von Schalke locken will, lehnt er freiwillig ab, zumal Königsblau ja nun im eigenen Stadion spielt. Einmal Schalke – immer Schalke.

Statt Polizist oder Brauer zu werden, eröffnet Kuzorra einen Tabakladen. Zunächst in der Gewerkenstraße im Stadtteil Schalke. Später zieht er an den Schalker Markt neben die Vereinsgaststätte Thiemeyer. Nach dem Krieg findet die Familie auf der König-Wilhelm-Straße, heute Kurt-Schumacher-Straße, eine Bleibe und eröffnet dort erneut ein Tabakgeschäft. Anfang 1975 verpachtet er den Laden aus Altersgründen an Reinhard „Stan“ Libuda.

Die Epoche, in der Ernst Kuzorra die Schalker als Kapitän führt, ist die erfolgreichste des Clubs. 1929 gewinnt Kuzorra mit 23 Jahren den ersten Westdeutschen Titel. Deutscher Meister wird er das erste Mal mit 28 im Jahr 1934. „Sonne Fahrt wie von Berlin nach Hause hab ich nie wieder mitgemacht“, erinnert sich Kuzorra später. „In Gelsenkirchen bekamen wir vor lauter Menschen kein Bein auf die Erde.“ Von 1933 bis 1942 steht Kuzorra neunmal im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, sechsmal bringen die Schalker die Viktoria, die Meister-Trophäe, nach Gelsenkirchen. 1937 wird er Double-Sieger.

Kuzorra ist der erste Schalker in der Nationalmannschaft. Sein Debüt gibt er am 20. November 1927 gegen die Niederlande. Seine Karriere ist nicht von langer Dauer. Als Trainer Otto Nerz im Oktober 1933 gegen Belgien nicht aufstellt, gibt Kuzorra vor, er sei verletzt. Er reist zwar zum Treffpunkt, kündigt aber an, nur dann zu genesen, wenn Nerz seinen Schwager Szepan nachnominiere. Manche Chronisten schreiben, dass er den bekannten Götz von Berlichingen-Spruch nachgeschoben habe. Nur noch zweimal läuft Kuzorra anschließend für Deutschland auf. Seine Karriere ist nach dieser Begebenheit beendet.

Nach dem Krieg hilft er aushilfsweise noch in der Ersten Mannschaft mit. Im November 1950 bestreiten Kuzorra und Szepan ihr Abschiedsspiel gegen den brasilianischen Meister Belo Horizonte. Kuzorra hat mittlerweile 34 Spieljahre auf dem Buckel und schon das ein oder andere Pölsterchen auf den Rippen.

Er bleibt dem Verein auch nach Karriereende treu. 1952 wird er Obmann der Vertragsspieler, hat ein kurzes Gastspiel im Präsidium. 1969/1970 springt er als Strohmann für Slobodan Cendic, der noch keine DFB-Lizenz besitzt. Kuzorra hat bereits 1952 den Lehrgang zum Fußball-Lehrer erfolgreich absolviert.

Sein Stammplatz hat Ernst Kuzorra in der Vereinsgaststätte an der Glückauf-Kampfbahn. Hier gibt er mit schnodderiger Schnauze Dönekes zum Besten, wenn Spediteur Franz Siefert wie so sooft zum Mittagessen einlädt oder Bürgermeister Gerhard Rehberg im Zigarren mitbringt. Seine Nichte Elli Gehring beschreibt ihn jedoch als meist still und in sich gekehrt. An Neujahr 1990, ein wolkiger Tag wie zu seiner Geburt, stirbt die Schalker Legende, die den Mythos vom Schalker Markt maßgeblich mitbegründet hat.