Tim Latka im Interview: „Möchte in der FIFA-Szene nur noch Gutes bewirken“

Zum Start der FIFA 21-Saison gab unser FIFA-Profi Tim Latka bekannt, auf FIFA Points zu verzichten und damit einen großen Nachteil bei sämtlichen E-Sport Wettbewerben in Ultimate Team in Kauf zu nehmen. Die dafür von S04 Esports vorgesehenen 2.000 Euro wurden an die Robert Enke Stiftung gespendet. Wir haben mit Tim über die ersten Monate ohne FIFA Points, Reaktionen aus seiner Community und die Entwicklung in der FIFA-Szene gesprochen.

Hallo Tim! Seit Beginn der FIFA 21-Saison verzichtest du darauf, FIFA Points für den schnelleren Aufbau eines starken Teams in FIFA Ultimate Team Anspruch zu nehmen. Wie erging es dir damit in den ersten Saisonmonaten?

Tim Latka: Sehr gut. Es macht mir weiterhin mehr Spaß und mittlerweile habe ich mir auch längst ein konkurrenzfähiges Team erspielt.

Wie war die Reaktion deiner Community auf diesen Schritt?

Extrem positiv. Auch jetzt – einige Monate danach – bekomme ich weiterhin Nachrichten von Leuten, die meine Entscheidung gutheißen. Das zeigt mir immer wieder aufs Neue, dass ich den richtigen Weg gegangen bin. Mein Content auf YouTube und Twitch ist außerdem mehr als je zuvor auf die Zuschauer zugeschnitten. Dadurch, dass ich kein Geld mehr in FIFA Points investiere, sind meine Tipps noch glaubwürdiger und besser – und die Community kann sich mehr für ihr eigenes Spiel abschauen.

Würdest du sagen, dass sich deine Community vergrößert hat?

Ja – aber nicht nur das! Sie ist auch stärker und interaktiver geworden. Ich gehe sogar so weit, dass ich nicht mehr von meinem, sondern von unserem FIFA Account spreche. Bei der Teamzusammenstellung höre ich viel auf die Community, die mir ständig hilfreiche Ratschläge für neue Spieler gibt. Die Leute schauen nicht nur zu, sondern entscheiden mit, wenn ich streame. Das erhöht für alle Beteiligten den Spaßfaktor.

Einige Mitglieder meiner Community haben damit aufgehört, FIFA Points zu kaufen. Darauf bin ich schon stolz.

Tim Latka

Würdest du sagen, dass unter anderem durch deinen mutigen Entschluss bereits eine positive Entwicklung in Bezug auf FIFA Points Investments stattgefunden hat?

Insgesamt leider nicht. Es gibt weltweit weiterhin deutlich zu viele Spieler, die Unmengen an Geld für FIFA Points ausgeben. Aber in dem Bereich, den ich selbst beeinflussen kann, hat durchaus ein Umdenken stattgefunden. Einige Mitglieder meiner Community haben damit aufgehört, FIFA Points zu kaufen. Darauf bin ich schon stolz. Ich sehe es als meine Verantwortung an, so viele FIFA-Spieler wie möglich davor zu warnen, ihr Geld sprichwörtlich zum Fenster hinauszuwerfen.

Dass man auch ohne Echtgeld-Investments in FIFA performen kann, hast du am vergangenen Wochenende durch deine erste makellose Weekend League in FIFA 21 mit 30 Siegen eindrucksvoll bewiesen. Glückwunsch dazu! Was bedeutet dir dieser Erfolg?

Es ist einfach eine persönliche Bestätigung dafür, dass ich meine Ziele auch mit einer „Road to Glory“ – also ohne FIFA Points – erreichen kann. In FIFA 20 war mir das mit meinem „RTG“-Account auch schon einmal gelungen. Damit möchte ich vor allem den vielen Hobbyspielern zeigen: Ein Überteam zu haben, ist nicht alles. Mehr Geldinvest führt nicht unbedingt zu mehr Erfolg. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall: Mit einem schwächeren Team können Konzentration und Siegeswille höher sein.

Man sollte immer auch darüber nachdenken, was man mit seinem Handeln bewirkt. Ich für meinen Teil möchte in der FIFA-Szene nur noch Gutes bewirken.

Tim Latka

Glaubst du, dass du durch solche Ergebnisse in der Weekend League noch mehr Leute davon überzeugst, auf den Kauf von FIFA Points zu verzichten?

Ich hoffe es zumindest. Die 30 Siege sind ein gutes Statement, die meinen Weg unterstreichen. Im Endeffekt muss zwar jeder für sich selbst entscheiden, wie viel Geld er für FIFA Points in die Hand nehmen möchte. Aber ich kann nur sagen: Sich über mehrere Monate hinweg ein starkes Team zu erspielen, dabei stetig Fortschritte zu erzielen und am Ende an sein Ziel zu gelangen, ist deutlich erfüllender, als es der kurzfristige Glückseffekt eines zusammengekauften Teams je sein wird.

Welche weiteren Gründe sprechen dafür, eine komplette Saison ohne FIFA Points zu bestreiten?

Da man mit FIFA Points nicht direkt Spieler oder Items kaufen kann, sondern sie bloß in Packs oder Teilnahmen am Spielmodus FUT Draft investiert, hat es vor allem mit Glück zu tun, ob sich der Invest auch wirklich lohnt. Der Geldaufwand steht in keinem Verhältnis zum Ertrag. Deshalb kann man besonders die Casual Spieler, für die FIFA nur ein Hobby ist und die keine finanzielle Unterstützung von professionellen E-Sport Teams erhalten, nicht häufig genug vor dem FIFA Points-Kauf warnen. Außerdem möchte ich auch den moralischen Aspekt anführen: Zunächst einmal ist die Chancengleichheit nicht gewährleistet, wenn ein Spieler tausende von Euros für sein Team ausgibt, und der Gegner keinen Cent. Hinzu kommt, dass man ein schlechtes Vorbild für eine insgesamt sehr junge Zielgruppe ist, die sich bei den Profis und Content Creatorn vieles abschaut. Man sollte immer auch darüber nachdenken, was man mit seinem Handeln bewirkt. Ich für meinen Teil möchte in der FIFA-Szene nur noch Gutes bewirken.

Kurz erklärt: Das Problem mit den FIFA Points

Schon seit einigen Jahren werden die meisten E-Sport Turniere in FIFA im Spielmodus Ultimate Team ausgetragen, in dem man sich aus allen im Spiel verfügbaren Spielern sein Dreamteam zusammenstellen kann. Ultimate Team ist mit Abstand der beliebteste Spielmodus und begeistert die Community. Das Problem: Wer echtes Geld investiert, verschafft sich einen Vorteil. Mit FIFA Points, einer virtuellen Währung, können Ingame-Käufe getätigt werden. Je mehr FIFA Points man investiert, desto schneller gelangt man an ein Top-Team. Der Pay2Win-Faktor ist enorm.

Die Entwicklung in den letzten Jahren hat gezeigt: Die Investments in FIFA Points werden immer größer, um im FIFA E-Sport mit der Konkurrenz mithalten zu können und keinen Nachteil in den Turnieren zu haben. Eine ausgeglichene Ausgangssituation für alle Spieler existiert nicht mehr. Außerdem besteht die Gefahr, dass Fans der E-Sportler das Kaufverhalten adaptieren und ebenfalls viel Geld ausgeben.

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