Ein Schalker in Ungarn: Gänsehaut trotz Torflaute

Wenn der Paketdienst klingelt, verdreht Renata Schmidt die Augen. Sie ahnt, dass mal wieder Post mit königsblauem Inhalt im ungarischen Györ gelandet ist. Ihr Mann Andras ist glühender Schalke-Fan. „Sie hat mich so kennengelernt“, sagt der 40-Jährige lächelnd und präsentiert nebenbei seine königsblauen Schätze: T-Shirts, Trikots, Jacken, Knöpfe, Müsli-Schale ... Oder wie seine Frau es mit einem Augenzwinkern ausdrückt: „Es wird immer schlimmer.“

Fußball ist Andras‘ Leben. Bereits als kleiner Junge drückte er den Kickern aus seinem Heimatort Györ die Daumen, die Anfang der 1980er-Jahre zweimal hintereinander die Meisterschaft errangen. Zehn Jahre später entdeckte Andras die Schalker Knappen. Zum 18. Geburtstag bekam er eine Reise nach Deutschland zu seinem Onkel geschenkt. Bei seinem Besuch in Rathenow schaute er mit Ingo, dem Schwager seines Onkels, Fußball, und der war begeisterter Schalker. „Die Fans, die Geschichte: Ich war sofort interessiert“, erklärt er. „Beim UEFA-Cup-Sieg fünf Jahre später war ich längst großer Schalke-Fan.“

Sein erstes Live-Erlebnis mit dem S04 feierte er in Flensburg. Damals absolvierte Andras ein Praktikum in Glücksburg und Schalke ein Testspiel im hohen Norden. 2003 fand er dann endlich den Weg in die Arena. Ein 0:0 gegen Stuttgart. Doch das war für den Besucher aus Ungarn nebensächlich. „Ich kann dieses Erlebnis kaum beschreiben. Das war für mich unglaublich“, erinnert er sich. „Die Fans, das Umfeld, das Museum – ich hatte die ganze Zeit Gänsehaut.“ Bereits 300 Kilometer vor Gelsenkirchen waren ihm auf der Autobahn und an den Raststätten die vielen Schalker aufgefallen. „Das hat mir gezeigt, dass ich mir den richtigen Verein ausgesucht habe.“

Sein zweites Mal auf Schalke ist erst ein paar Monate her, und irgendwie scheint Andras dem S04 nicht viel Glück zu bringen: 0:5 gegen den FC Chelsea. „Trotzdem war es beeindruckend, wie die Fans die ganze Zeit Gas gegeben haben“, findet er. „Hier zählt nicht nur der Erfolg, und das Motto ,Wir leben Dich’ ist super.“ Aller guten Dinge sind drei: Beim nächsten Arena-Besuch will er endlich ein S04-Tor sehen.

Erfolgserlebnisse mit Königsblau hatte der Ungar indes schon viele. Von 2010 bis 2012 lebte er mit seiner Frau und den beiden Kindern Andras und Csenge in Ingolstadt, wo er für einen Autokonzern arbeitete. Die Jahre in Deutschland haben die Schmidts sehr genossen. „Wir wurden super aufgenommen. Das war eine tolle Zeit.“ Andras nutzte sie, um viele Spiele der Königsblauen zu schauen. In Nürnberg, in Augsburg und bei den Bayern. „Da habe ich unseren 1:0-Sieg im Pokal erlebt mit dem Kopfballtor von Raul. Das war mein tollstes Schalke-Erlebnis!“ Richtig lustig geriet der nächste Arbeitstag: „Viele meiner Kollegen sind Bayern-Fans. Aber nach dem Sieg war ich der König.“

Mittlerweile leben die Schmidts wieder in Györ. Dort leitet der Familienvater in einem der größten Motorenwerke der Welt die Logistik. Zwei Millionen Motoren produzieren gut zehntausend Mitarbeiter pro Jahr. „Uns geht es sehr gut hier. Der Konzern hat viel für die Stadt und die Umgebung getan“, sagt Andras.

Ich hatte die ganze Zeit Gänsehaut.

Am freien Wochenende konsumiert er „so viele Spiele wie es geht live“, erklärt das S04-Mitglied, das Theorie und Praxis beherrscht: Andras spielt Fußball bei den Altherren, im Mittelfeld, im königsblauen Dress und imposant: „Ein toller Pass ist mir wichtiger als ein Tor.“ Auch in Ungarn ist Fußball die Sportart Nummer eins. „Seit 1954 liegt die Latte sehr hoch, wir wollen unbedingt Weltmeister werden“, betont Andras. „Aber davon sind wir meilenweit entfernt.“ Noch weiter als die 1100 Kilometer von Györ nach Gelsenkirchen.

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