Hertha BSC: Selbstbewusst ins spannende Lehrjahr

Auf die Fertigstellung ihres Flughafens wollten sie nicht warten. Schon jetzt begeben sich die Hauptstädter auf internationale Reisen – bislang jedoch ohne Erfolg. Das Selbstvertrauen holt sich die Hertha aus Berlin dagegen zu Hause. Denn dort fühlt sie sich am wohlsten.

Es fehlte nicht viel und Hertha BSC hätte die Partie gegen den Rekordmeister komplett gedreht. Salomon Kalou scheiterte in der 58. Minute allerdings aus kurzer Distanz an Sven Ulreich. Doch auch so fühlte sich das 2:2 gegen Bayern München „an wie ein Sieg“, wie Geschäftsführer Michael Preetz empfand. 0:2 lagen die Berliner bereits zurück, zwei Minuten vor seiner vergebenen Großchance sorgte Kalou für den Ausgleich. „Die Mannschaft hat einen tollen Charakter und eine starke Reaktion gezeigt“, lobte Pal Dardai.

Lob verdient der Trainer jedoch auch selbst. Seit seinem Amtsantritt im Februar 2015 hat er die Hertha stetig weiterentwickelt. Nach Platz sieben im Vorjahr schloss der Club die vergangene Saison als Sechster ab. „Das war nicht normal mit unserem Budget und unserem Kader“, ist sich Dardai der Leistung bewusst. Der Ungar hat ein eingespieltes Kollektiv geformt, das vor allem im heimischen Olympiastadion zu überzeugen weiß. So punktete das Team bereits im Frühjahr gegen die Bayern (1:1) – einer von insgesamt 37 Punkten, die es zu Hause einfuhr.

Der Lohn der starken Saison: der erste Einzug in die Gruppenphase eines Europapokals seit acht Jahren. Abgesehen von dem Quali-Aus gegen Bröndby IF in der vergangenen Spielzeit, betreten die meisten Akteure damit Neuland – inklusive Dardai, der für den Hauptstadt-Club in 42 Europacup-Spielen auf dem Platz stand: „Als Spieler kenne ich das, aber als Trainer nicht. Ich muss auch dazulernen.“ Eine der wenigen Ausnahmen im Kader ist Kalou, der 2012 mit dem FC Chelsea die Champions League gewann. „Uns fehlt etwas die Erfahrung. Die kommt aber nur über die Spiele. Im Fußball gewinnt nicht immer die bessere Mannschaft. Das werden wir lernen müssen“, hatte der Ivorer bereits eine böse Vorahnung.

Die sollte sich – bislang zumindest – bestätigen. Denn dem 0:0 zu Hause gegen Athletic Bilbao folgte am zweiten Spieltag der Europa League trotz eines dominanten Auftritts eine 0:1-Niederlage beim schwedischen Vertreter Östersunds FK. „Ich bin stolz, dass wir dabei sind. Das zeigt unsere Entwicklung. Aber der wichtigste Wettbewerb bleibt die Bundesliga“, so Dardai, der Regeneration, Schlaf und Ernährung daher als zentrale Herausforderungen ansieht. Sein Stürmer Vedad Ibisevic mahnt: „Es gibt genügend Beispiele aus der Vergangenheit, die uns eine Warnung sein müssen.”

Ein solches finden die Herthaner auch in ihrer eigenen Vereinsgeschichte. Am Ende der letzten Europacup-Saison 2009/10 fand man sich in der Zweitklassigkeit wieder. Preetz versprüht dennoch Optimismus: „Wir wollen den Beweis antreten, dass man durch die Doppelbelastung nicht unbedingt Schwierigkeiten bekommen muss.” Dardai dagegen äußerte sich zu Saisonbeginn vorsichtig: „Es wäre gut, wenn wir diese Belastung so steuern könnten, dass wir an Weihnachten unter den ersten Zehn der Liga sind.”

Genau dort, auf Platz zehn, steht die inzwischen 125 Jahre alte Dame dank des Punktes gegen den FCB nun. Garant dafür ist wieder einmal die Heimbilanz, die noch keine Niederlage aufweist. Jedoch scheinen die Hauptstädter auch ihre Auswärtsschwäche über die Sommerpause konserviert zu haben. In der Fremde gelang im Jahr 2017 erst ein Sieg. An Selbstvertrauen mangelt es den Blau-Weißen aber nicht. „Es wäre mehr drin gewesen”, sagte Dardai nach dem Bayern-Spiel mit Blick auf Kalous Großchance. Der Angreifer selbst hat große Ziele: „Ich bin überzeugt, dass wir besser abschneiden als in der Vorsaison. Warum sollten wir jetzt nicht Vierter werden?” Nur in der Gruppenphase der Europa League wollen sie diesen Platz unbedingt vermeiden.

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