SV Wehen Wiesbaden: Weckruf für den Riesen

Das Ziel, die 3. Liga zu verlassen, hätte der SV Wehen Wiesbaden in den vergangenen beiden Saisons jeweils fast erreicht - allerdings anders als geplant. Nach zwei Jahren Abstiegskampf hofft der neue Trainer auf den „Nagelsmann-Effekt”. Dieser scheint bislang einzutreten. Die Euphorie in der Stadt hält sich allerdings in Grenzen.

Das Anschlusstor von Sandro Schwarz in der 85. Minute kam zu spät. Der Hamburger SV brachte seinen 2:1-Vorsprung in der Schlussphase problemlos über die Zeit und zog in die Vorschlussrunde des DFB-Pokals ein. Das Viertelfinale bei den Hanseaten im März 2009 – eines der größten Spiele in der Vereinsgeschichte des SV Wehen Wiesbaden. Überhaupt erlebte der Club damals seine erfolgreichste Zeit. Von 2007 bis 2009 spielte er in der 2. Bundesliga, zum Derby gegen den 1. FSV Mainz 05 (0:2) kamen im Frühjahr 2009 knapp 12.000 Fans in die BRITA Arena.

Es sollte bis heute das letzte Mal gewesen sein, dass das 2007 eröffnete Stadion ausverkauft war. Im neunten Jahr spielen die Hessen nach dem Abstieg nun in der 3. Liga, dort haben sie sich inzwischen auf Rang zwei der ewigen Tabelle vorgeschoben. Dabei wurde das Punktekonto in den vergangenen beiden Jahren nur sparsam gefüttert. Nach dem Last-Minute-Klassenerhalt 2016 drohte dem SVWW auch in der vergangenen Spielzeit ein ungemütlicher Frühsommer. Als der Verein Anfang Februar auf Platz 19 abgerutscht war, nahm Trainer Torsten Fröhling seinen Hut.

„Da waren wir fast schon tot. Das Team hatte eine mentale Blockade”, sagte Rüdiger Rehm. Der ehemalige Zweitligaprofi wusste diese als Fröhling-Nachfolger zu lösen und führte die Mannschaft noch auf Platz sieben. Mit Akribie und harter Arbeit verpasste Rehm, der einst die SG Sonnenhof Großaspach als Trainer in die 3. Liga geführt hatte, dem SVWW seine Handschrift, die er wie folgt beschreibt: „Wir wollen aus einer guten Defensive heraus mit Tempo in die Spitze spielen. Der Ball muss schnell unterwegs sein – also müssen wir dies auch mit den Beinen sein.”

Julian Nagelsmann hatte damals in Hoffenheim eine ähnliche Situation.

SVWW-Trainer Rüdiger Rehm

In der Sommerpause hatte der 38-Jährige die Gelegenheit, die taktischen Abläufe zu festigen. Der Vergleich zu einem Kollegen aus der Bundesliga liegt für ihn daher nahe. „Julian Nagelsmann hatte damals in Hoffenheim eine ähnliche Situation: Nach dem Klassenerhalt konnte er mit der Mannschaft weiterarbeiten. Die Situation, die wir jetzt haben, ist die beste, die man sich vorstellen kann”, sagte Rehm vor der Saison, um jedoch gleich zu betonen: „Es macht überhaupt keinen Sinn, jetzt in den Mai 2018 zu schauen. Ich spreche nie über Ziele.”

Dabei scheint der „Nagelsmann-Effekt” tatsächlich einzutreten. Nach 13 Spieltagen stehen die Landeshauptstädter mit 26 Zählern auf Platz vier. Damit kann Rehm, der in der vergangenen Saison ein kurzes und erfolgloses Intermezzo bei Arminia Bielefeld gab, nach 29 Partien als SVWW-Coach einen Schnitt von 1,97 Punkten pro Spiel vorweisen. Garant des Erfolgs ist die mit nur acht Gegentoren beste Defensive der Liga. Insgesamt 16-mal stand unter Rehm die Null.

Dass die Mannschaft auch in der Lage ist, Rückschläge wegzustecken zeigt die Reaktion auf das 0:1 gegen den SV Meppen, für das sich der Hessenpokalsieger 2017 jüngst mit einem 5:0-Sieg bei Zweitliga-Absteiger Würzburg rehabilitierte. Manuel Schäffler steuerte zu diesem Erfolg seine Saisontreffer sieben und acht bei. Und der Stürmer weiß, wie sich ein Pokalfinale anfühlt. 2011 stand er für den MSV Duisburg 90 Minuten lang gegen die Knappen auf dem Feld. Gegen den FC Erzgebirge Aue reichte es vor zwei Monaten in der ersten Pokalrunde auch ohne Schäffler-Tore zu einem verdienten 2:0-Sieg – das erste Weiterkommen im Pokal seit der Viertelfinal-Saison.

Ein Erfolg, der zeigt, dass das Zweitliga.Kapitel in Wiesbaden nicht für alle Zeit geschlossen sein muss. Rehm erkennt genügend Potenzial im Umfeld des Vereins: „Wenn ich die Infrastruktur sehe, wenn ich das Stadion sehe oder die Stadt Wiesbaden mit fast 300.000 Einwohnern, dann hast du schon die Möglichkeiten, etwas zu bewegen. Man muss den Riesen langsam aufwecken.” Der Weg dahin wird jedoch lang. Aktuell verlieren sich kaum mehr als 2.000 Zuschauer in die BRITA Arena – nur das Team von Werder Bremen II zieht weniger Fans an. „Die Mannschaft hat sicherlich mehr Zuschauer verdient“, bedauert der Coach. Dass es anders geht, zeigt die zweite Pokalrunde: Gegen die Königsblauen wird die Spielstätte erstmals seit mehr als acht Jahren wieder ausverkauft sein.

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