VfB Stuttgart: Zurück mit großen Zielen

„Der VfB ist wieder da“ skandierte die Cannstatter Kurve nach dem ersten Bundesliga-Heimsieg seit fast anderthalb Jahren. Rund 50.000 Fans feierten in der Mercedes-Benz Arena nach der Partie gegen den 1. FSV Mainz 05 die Rückkehr des VfB Stuttgart in das Fußball-Oberhaus. Dass sie darüber hinaus drei Punkte bejubeln konnten, war vor allem zwei Akteuren zu verdanken, die im vergangenen Jahr noch das königsblaue Trikot trugen.

Der beste Zuschauerschnitt in der Zweiten Bundesliga aller Zeiten, 4.000 Fans beim Trainingsauftakt und ein neuer Dauerkartenrekord: Die Euphorie kennt beim VfB Stuttgart nach dem direkten Wiederaufstieg kaum Grenzen. Doch so einfach, wie es die am Ende souveräne Meisterschaft vermuten lässt, verlief die erste Zweitligasaison nach 39 Jahren Erstligazugehörigkeit nicht.

Nach nur vier Spielen räumte Jos Luhukay seinen Trainerstuhl, Olaf Janßen wurde als Interimslösung installiert. Kurz darauf zauberte der VfB Hannes Wolf aus dem Hut. Der 36-Jährige hatte als Jugendcoach in einem Ort nahe Gelsenkirchen auf sich aufmerksam gemacht. Mit 57 Punkten in den verbleibenden 28 Spielen zahlte der gebürtige Bochumer das Vertrauen zurück und durfte am 21. Mai vor 60.000 Fans seinen bislang größten Erfolg feiern. Zur Belohnung wurde sein Vertrag im Sommer bis 2019 verlängert.

Abseits der Trainerposition wurden im Schwabenland dagegen grundlegende Veränderungen vorgenommen. Am 1. Juni sprachen sich die Mitglieder mit einer Mehrheit von 84,2 Prozent für die Ausgliederung der Profiabteilung aus. Die Daimler AG erwarb für 41,5 Millionen Euro 11,75 Prozent der Anteile, weitere Investoren sollen folgen. „Wir können ein neues Kapitel in der Vereinsgeschichte des VfB aufschlagen. Wir wollen in drei bis vier Jahren im ersten Drittel der Bundesliga stehen und wieder zur Top-Adresse im deutschen Nachwuchs werden“, möchte Präsident Wolfgang Dietrich das Geld ausschließlich in den Sport investieren.

Seinen „Urknall” (kicker) erlebte der VfB jedoch erst Anfang August. Die Entlassung von Sportvorstand Jan Schindelmeiser überraschte nicht nur Trainer Wolf („krasse Entwicklung”). Dietrich sah keine „Vertrauensgrundlage” mehr gegeben und präsentierte wenig später Michael Reschke, bis dato Kaderplaner bei Bayern München, als Nachfolger. Als letzte Amtshandlung schloss Schindelmeiser mit Holger Badstuber die Baustelle in der Innenverteidigung. Zuvor hatte der Manager neben Torwart Ron-Robert Zieler ausschließlich junge Spieler mit Potenzial verpflichtet – unter ihnen ein 22-jähriger Brasilianer mit dem klangvollen Namen Ailton.

Badstuber, der bereits in der Jugend zwei Jahre lang das Trikot mit dem roten Brustring getragen hatte, möchte seine Routine aus 131 Bundesligaspielen, davon zehn in der abgelaufenen Rückrunde für den FC Schalke 04, an die junge Garde weitergeben. „Ich sehe es als meine Pflicht an, den vielen jungen Spielern zu helfen. Sie haben großes Potenzial, ihnen fehlt aber auch noch ein bisschen die Erfahrung, die du in der Bundesliga brauchst“, übernimmt der 31-malige Nationalspieler Verantwortung.

Dass der 28-Jährige für die Stuttgarter in weitaus mehr Punkten wertvoll sein kann, zeigte er gleich bei seinem ersten Startelfeinsatz. Gegen den 1. FSV Mainz 05 glänzte Badstuber nicht nur als verlässlicher Organisator der Abwehr, sondern auch als goldener Torschütze – unter freundlicher Mithilfe eines weiteren Ex-Knappen. Dennis Aogo, von 2013 bis zum Sommer auf Schalke aktiv und kurz nach Badstuber zum VfB gewechselt, fand per Eckstoß den Kopf seines Ex- und Neu-Teamkollegen, der seinen zweiten Bundesligatreffer erzielte – 2822 Tage nach dem ersten.

Nach dem glücklichen Weiterkommen im DFB-Pokal (6:5 nach Elfmeterschießen gegen Energie Cottbus) und der 0:2-Auftaktpleite bei Hertha BSC scheinen die Schwaben nun also in der Saison angekommen zu sein. Kurz vor Transferschluss vermeldete der VfB die Rückkehr eines echten „Stuttgarter Jung“. Andreas Beck kam von Besiktas Istanbul zurück ins Ländle. Gemeinsam mit den gehaltenen Leistungsträgern um Torschützenkönig Simon Terodde geht der neunmalige Nationalspieler nun die Mission Klassenerhalt an. Wolf gibt die Marschroute vor: „Wir wollen ein echter Aufsteiger sein – mit all der Arbeit, mit dem vielen Laufen, mit der Kampfkraft und mit dem Leuchten in den Augen.“ Damit die Cannstatter Kurve in Zukunft nicht noch einmal die Rückkehr des VfB besingen muss.

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