Manfred Kreuz wird 90: Meister mit Moral

Mit seinem Finaltreffer zum 3:0 gegen den Hamburger SV besiegelt Manfred Kreuz 1958 die bislang letzte Deutsche Meisterschaft des FC Schalke 04. Am Samstag (7.3.) feiert der ehemalige Offensivspieler, zudem Ehrenspielführer und Mitglied des Ehrenpräsidiums, seinen 90. Geburtstag. Was Königsblau in der Neuzeit auf dem Rasen treibt, verfolgt er weiterhin regelmäßig in der VELTINS-Arena.

Schwarz-weiß-Spielszene der Partie 1. FC Köln gegen FC Schalke 04 vom 27. April 1957. Zu sehen ist Schalkes Manfred Kreuz, der mit dem Ball einem grätschenden Gegenspieler enteilt. Zwei weitere Gegner links und rechts können nur zuschauen. Der S04 siegt am Ende mit 4:2.

Ein ganz normaler Junge aus Gelsenkirchen sei er, das ist ihm immer wichtig gewesen. Vereinslegende Ernst Kuzorra und Trainer Edi Frühwirth erspähen das Talent 1954 fast vor der Haustür im Trikot des SC Hassel. Der bullige Jugendspieler absolviert parallel eine Lehre beim Finanzamt Gelsenkirchen Nord und arbeitet dann in Borken: 5.45 Uhr in die Straßenbahn, abends um halb acht zurück. „An Training war nicht zu denken“, hat er dem Schalker Kreisel mal erklärt, weshalb er mit seinen 18 Jahren erst gar nicht zum S04 wechseln mag. Er solle zur Oberfinanzdirektion nach Münster fahren und ihn aus Borken loseisen, bestellt der Kicker dem großen Kuzorra.

Zum 1. Juli 1956 wird Kreuz tatsächlich nach Buer versetzt, sitzt morgens am Schreibtisch und trainiert nachmittags auf Schalke für eine monatliche Vergütung von 80 D-Mark. Mit Mannschaftskollege Willi Koslowski nimmt er meist die Straßenbahn, oder sie radeln zur Glückauf-Kampfbahn und gönnen sich auf dem Rückweg ein Bierchen am Berger See. Stein des Anstoßes für den späteren Meistertrainer Frühwirth, dem Kreuz‘ gut gepolsterte Rippen auffallen. Daheim erwischt der Coach ihn in flagranti beim Vertilgen von Mutters deftigen Reibekuchen und gibt Nachhilfe in Ernährungskunde.

Manfred Kreuz bejubelt hüpfend den Siegtreffer im Bundesliga-Spiel von Schalke 04 gegen den 1. FC Nürnberg am 6. November 1965 in der Glückauf-Kampfbahn. Er trägt blaues Hemd und weiße Hose und tätschelt dem geschlagenen Torwart Roland Wabra tröstend den Kopf.
Bekanntes Bild: Manfred Kreuz beim Torjubel, hier 1965 gegen den 1. FC Nürnberg.

Nach gelungener Abspeckkur ist auf halblinks tatsächlich einer der Schnellsten im Team unterwegs. Letztlich Richtung Hannover. Im Niedersachsenstadion kämpfen die Knappen 1958 als Westmeister um die „Deutsche“. Beim 3:0 im Endspiel gegen den HSV leitet er das 2:0 von Doppeltorschütze Berni Klodt mit ein und macht durch seinen Treffer zehn Minuten vor Ende den berühmten Deckel drauf. Kreuz entert 13 Meter vor dem Tor halbrechts den Strafraum, legt sich den Ball vom rechten auf den starken linken Fuß und knallt ihn unhaltbar halbhoch ins lange Eck. Startschuss zur kollektiven königsblauen Ekstase. Dabei wertet er diesen sportlichen Höhepunkt später in gewohnter Bescheidenheit nicht mal als größtes Spiel seiner Karriere.

Das folgt erst sechs Jahre später in der Glückauf-Kampfbahn. Die Premierensaison der Bundesliga beschließt Schalke 1963/1964 als Achter. „Zu dieser Zeit fing die Geldgrabscherei an“, kritisiert Kreuz, der 1962 das Kapitänsamt übernimmt. „Vor der Einführung der Bundesliga sind die Spieler wegen Arbeitsplätzen gewechselt, jetzt ging es nur noch um Kohle. Einige haben gar nicht mehr bemerkt, dass wir immer schlechter wurden, bis wir in der Folgesaison auf einem Abstiegsplatz standen.“

Oberliga-Mannschaftsbild aus der Saison 1961/1962 mit Trainer Georg Gawliczek. Die elf Spieler haben sich in drei Reihen aufgeteilt, in der hintersten steht Manfred Kreuz und blickt wie alle ernst in die Kamera.
Schalker Elf: das S04-Team 1961/1962 mit Trainer Georg Gawliczek und Kreuz (hintere Reihe 04. v. l.).

Der große FC Schalke 04 steigt 1965 als Tabellenletzter ab. Eigentlich. Ein gewiefter Jurist findet in der DFB-Spielordnung einen Paragrafen, nach dem alle Absteiger gleichbehandelt werden müssen. Weil Mitabsteiger Karlsruher SC wegen Transferverstößen von Hertha BSC erfolgreich opponiert hat, stockt der DFB die Bundesliga von 16 auf 18 Mannschaften auf, und so bleibt auch der S04 drin.

Die Mannschaft ist da leider längst in alle Winde verstreut: Willi Koslowski gen Rot-Weiss Essen, Stan Libuda zum BVB, Willi Schulz zum Hamburger SV, Waldi Gerhardt zu Fortuna Düsseldorf und Hans Nowak zu Bayern München. Es bleiben vier Mann mit Friedel Rausch, Hannes Becher, Günter Herrmann und Manfred Kreuz, dessen „Arbeitszeitmodell“ ohnehin kaum einen Wechsel zugelassen hätte.

Der Klassenerhalt war für mich bedeutsamer als die Deutsche Meisterschaft.

Manfred Kreuz

Trainer Fritz Langner bringt das nur mit Jugendspielern und Zugängen aus der Region ergänzte und als Abstiegskandidat in die Saison gestartete Team auf Vordermann – mit Fokus auf Fitness. Er scheucht seine Mannen über die Kampfbahn-Stufen und schleift den halbtägigen „Schreibtischtäter“ im Einzeltraining. Das Team richtet sich am Spielführer wieder auf, der 1965/1966 außer Torhüter und Rechtsaußen alle Positionen mal bekleidet. Die ehedem vergrätzten Fans feuern ihren S04 wieder an, und am 32. Spieltag sichert Königsblau den Klassenerhalt.

Den Endstand von 2:0 gegen Borussia Neunkirchen besorgt der Routinier kurz vor Schluss selbst. Als ein kleiner Junge während des laufenden Spiels mit einem Blumenstrauß auf den Platz läuft, um sich bei ihm zu bedanken, bricht er in Freudentränen aus: „In dem Moment wurde mir bewusst, was wir für den Verein erreicht hatten. Der Klassenerhalt war für mich bedeutsamer als die Deutsche Meisterschaft. Plötzlich war der Schalke-Geist wieder da: Das ganze Stadion sang ,So ein Tag, so wunderschön wie heute’, und es herrschte wieder eine Einheit zwischen den Malochern aus dem Pütt und dem Verein.“

Manfred Kreuz sitzt 2016 im Lokal Charly's Schalker an der S04-Geschäftsstelle und gibt ein Interview für den Schalker Kreisel. Er trägt einen roten Pullover über einem rötlich karierten Oberhemd, eine Brille und lacht herzlich. Im unscharfen Hintergrund hängen Urkunden und Fotos, die ehemalige Schalker zeigen. Zu sehen ist auch eine Hand des Interviewers samt Smartphone zur Aufzeichnung des Gesprächs.
Erfrischend sympathisch: Manfred Kreuz bei einem früheren Interview mit dem Schalker Kreisel.

Drei weitere Jahre stemmt sich Schalke gegen den Abstieg, bis der auch moralisch immer vorausgehende wie nun leider oft verletzungsgeplagte Kapitän seine Karriere 1968 mit 32 Jahren beendet. „Ich hatte mein Werk vollbracht“, meint er. „Der Verein stand wieder auf sicherem Boden. Und Günter Siebert begann mit seinem Diamantenauge eine Mannschaft zusammenzustellen, die wenige Jahre später um die Spitze mitspielen konnte.“

Insgesamt 135 Partien in der Oberliga absolviert Kreuz für seinen Verein und erzielt dabei 42 Tore. Hinzu kommen sieben Duelle um die Deutsche Meisterschaft, zwölf Pokalspiele (vier Tore), vier Europapokal-Einsätze und 83 Bundesliga-Begegnungen (16 Treffer). Einen späten Titelgewinn feiert er in einer anderen Sportart: Im Tennis-Finale der B-Klasse für Senioren besiegt er seinen Kontrahenten aus Dortmund, also quasi im Derby, und gewinnt zum zweiten Mal in seinem Leben eine Deutsche Meisterschaft.

Auf Schalke bleibt der Gelsenkirchener Junge nicht nur mit dem Herzen stets präsent, trainiert viele Jahre die Amateure, gehört von 1999 bis 2013 zum Schalker Ehrenrat, wird Ehrenspielführer und Ehrenpräsidiumsmitglied. In die mediale Öffentlichkeit zieht es ihn höchst selten, selbst seinen Siegelring vom Triumph 1958 trägt er nur zu besonderen Anlässen spazieren. Und wenn er bei den Heimspielen seines S04 rund um die Ehrenpräsidiums-Loge unterwegs ist, werden viele nicht mal wissen, dass sie soeben den letzten lebenden Meisterspieler passiert haben, der damals auf dem Platz stand. Der Legende selbst wird es wohl ganz recht sein.

Der FC Schalke 04 gratuliert Manfred Kreuz herzlich zum 90. Geburtstag. Glück auf!

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