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Olaf Thon wird 60: Legende wider Willen
Schon als Teenager ein S04-Held, später Kapitän, UEFA-Cup-Sieger, Pokalgewinner, dazu Deutscher Meister mit Bayern München, Weltmeister obendrein. Olaf Thon ist eine Legende, wenn auch ungewollt, aber dazu später mehr. Am Freitag (1.5.) wird Schalkes Ehrenspielführer 60 Jahre alt. Und er freut sich, dass die DFL quasi als Geschenk das Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf nicht auf seinen Ehrentag terminiert hat. Das habe ihn nur einen Anruf gekostet ...
Ist natürlich Nonsens, aber wer mit dem Jubilar den verbalen Doppelpass sucht, trifft dabei immer wieder auf den verschmitzten Jungen aus Gelsenkirchen-Beckhausen, der nun tatsächlich die sechste Dekade anbricht. Zum 50. Geburtstag hat er gesagt, noch mal 50 weitere wären ein Traum. Nun ja, zehn wären geschafft, deswegen kreisen seine Gedanken auch nicht um die neueste Rundung: „Das sind nur Zahlenspiele. Ich kann nicht meckern, was die jüngsten zehn Jahre betrifft, es darf gerne so weitergehen.“
Erst am Mittwoch musste der Verein Meisterspieler Manfred Kreuz das letzte Geleit geben. An solchen Tagen darf man durchaus reflektieren: „Es erinnert uns daran, dass irgendwann die Zeit für jeden abläuft“, meint er. „Und 90 Jahre sind ein Alter, was man erreichen möchte.“ Vielleicht rührt daher auch seine Abneigung gegen den Ehrentitel der Legende, denn Legenden sind immer tot, findet er. Dass der Fußballer Olaf Thon aber in einem Atemzug mit Granden von Ernst Kuzorra bis Stan Libuda zu nennen ist, kann er schwerlich verhindern.
Als „Thöni“ Anfang der 80er-Jahre mit Moped und dezentem Flaum unter der Nase zum Training knattert, amüsieren sich die Silberrücken um Klaus Täuber und Bernard Dietz. Von Titelträumen ist er noch ein Stück entfernt, doch den Bengel umgibt eine besondere Aura, auf dem Platz merken sie das alle.
Schmale 17 Jahre jung ist das Mittelfeldtalent beim Debüt im Zweitligaduell gegen den SC Charlottenburg im August 1983. In seiner ersten Saison absolviert er alle Ligaspiele und hat mit 14 Toren keinen geringen Anteil am Aufstieg in die Bundesliga. Bis Mai 1987 verpasst er keinen Einsatz, ehe ihn im 150. Pflichtspiel in Folge beim Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern eine Gelbsperre ereilt. Seine frühe Erhebung in den Heldenstatus hat er da bereits hinter sich.
Am 2. Mai 1984 passiert im Parkstadion jenes – pardon – legendäre DFB-Pokalhalbfinale gegen die eigentlich übermächtigen Münchener Bayern. Einen Tag nach seinem 18. Geburtstag versenkt der damals bekennende FCB-Sympathisant den Ball dreimal im Netz, sodass jeder Augenzeuge das wilde 6:6 nach Verlängerung auf ewig im Herzen trägt.
Präsident Günter Siebert verabschiedet sich zur Saison 1987/1988 lieber von einem halben Dutzend Stammspielern, als sein Juwel zu verjubeln, doch nicht mal der 21-Jährige kann mit erneut 14 Ligatoren Schalkes dritten Abstieg verhindern. Thon folgt dem Lockruf aus München, feiert Meistertitel, wird zum Libero umfunktioniert, triumphiert 1990 mit der Nationalmannschaft in Italien, wo er zuvor im WM-Halbfinale gegen England den letzten deutschen Schuss des Elfmeterkrimis verwandelt hat.
Trotz Erfolgsverwöhnung soll der emotionale Höhepunkt erst folgen. Mit ihrem Routinier und Kapitän fliegen die Eurofighter 1997 im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion sensationell zum UEFA-Cup-Sieg. „Das war mit Abstand das Schönste, weil es völlig unerwartet war“, schwärmt Thon. „Damit hatte nun wirklich niemand gerechnet.“ Es ist die höchste Weihe, die der FC Schalke 04 in seiner bis heute 122-jährigen Geschichte vorweisen kann.
So robust Olaf Thon zu Beginn seiner Karriere ist, so treu begleiten ihn später schwere Verletzungen und mehr als zehn Operationen: „Dass ich heute überhaupt noch laufen kann, verdanke ich vielen guten Ärzten von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt bis Thorsten Rarreck“, betont der 60-Jährige. „Ich hatte gute Operateure, die mich immer wieder zusammengeflickt haben, sodass ich drei Marathons absolvieren durfte und bis heute mit unserer Traditionsmannschaft Fußball spiele.“
Den September-Ausklang im Jahr 2000 hat er deutlich vor Augen. Eine Woche nach dem spektakulären 4:0 im Auswärtsderby kann er den Platz des Hamburger SV nur auf der Trage verlassen. Der Anfang vom Ende der Laufbahn. Der Libero hat sich gerade erst wieder in die Mannschaft gekämpft, da knickt ihm sein rechtes Sprunggelenk nach innen und außen weg. Auf den ersten Blick nicht so schlimm denkt er, „aber es hat mir doch gezeigt: Jetzt ist es vorbei. Mein Körper war nicht mehr in der Lage, auf höchstem Niveau zu spielen.“
Er könnte mit einer Krönung abtreten. Saisonfinale 2001, Fernduell mit den Bayern in Hamburg, Schalke daheim gegen die Spielvereinigung Unterhaching. Thon kommt beim Stand von 2:3 rein, leitet den Umschwung mit ein und erzielt sogar einen Treffer, den der Schiedsrichter ihm aberkennt. „Eigentlich ein reguläres Tor“, meint er, „mit VAR wäre er gegeben worden, dann hätten wir 6:3 gewonnen.“ Am Ende nützt es alles nix, wie die Omma immer sagte. „Meister der Herzen“ ziert bis heute keinen Briefkopf.
Es wäre der Höhepunkt auch für ihn gewesen. „Dreimal Meister mit Bayern wird jeder“, wirft Thon gewohnt charmant ein. Er hätte es vor allem den anderen gegönnt, von Assauer und Stevens über Möller und Böhme bis Asamoah, Sand und Reck: „Bei vielen wäre das der Höhepunkt fürs Leben gewesen. Sehr bitter, doch da muss man durch. Wer Großes erreichen will, muss manchmal große Niederlagen einstecken.“
Königsblau holt sich eine Woche später wenigstens den Pokal, ebenso 2002, wo Olaf Thon den Siegerschluck aus dem Pott nur im Vereinsanzug statt in kurzer Hose zu sich nimmt. Es ist nun endgültig Schluss. Ein halbes Jahr später bereiten ihm mehr als 60.000 Schalker im Januar 2003 ein gebührendes Tschüss bei seinem Abschiedsspiel in der Arena. Für Stargast FC Bayern läuft ein Jungspund namens Schweinsteiger auf, den in Gelsenkirchen noch keiner kennt. Inzwischen ist auch der schon im Fußballerruhestand. Zeit vergeht.
Er hat mich aufs Zimmer geschickt, und ich durfte erst wiederkommen, als der Bart komplett weg war.
Übrigens ist der Rekordmeister aus München auch schuld daran, dass mit den Jahren Thons dichter gewordenes Gesichtshaar auf der Strecke geblieben ist. Mehmet Scholl wünscht sich zu einem Geburtstag die Rasur, worauf der Adressat mit nur halb geopfertem Schnäuzer zum Abendessen erscheint. Chef-Coach Jupp Heynckes lacht am wenigsten: „Er hat mich aufs Zimmer geschickt, und ich durfte erst wiederkommen, als der Bart komplett weg war“, erinnert sich der 60-Jährige schmunzelnd. „Das wäre auch was für Huub Stevens gewesen. Der hätte ihn mir wahrscheinlich direkt selbst abrasiert.“
384 Pflichtspiele mit 75 Toren vereint Olaf Thon in seiner S04-Vita. Langweilig wird’s ihm danach nicht: Er wird für eine Amtszeit Aufsichtsratsmitglied, führt die Traditionsmannschaft an, arbeitet als Schalke-Repräsentant, schreibt Kolumnen im „kicker“, ist als TV-Experte gefragt und wird demnächst im Frühstücksfernsehen das WM-Treiben in den USA, Kanada und Mexiko einordnen.
Seine neueste Rundung begeht der Jubilar in drei Akten: Donnerstag standen ein Essen mit Ehefrau Andrea sowie den Töchtern Julia und Anika plus kurzes Reinfeiern im kleinen Kreis auf dem Programm. Freitag macht das Geburtstagskind den Grillmeister für die Familie: „Ich hatte überlegt, was Größeres zu machen, aber ich bin ja einen Tag später im Stadion – da feiere ich dann mit 60 Jahren und 60.000 Schalkern.“
Der FC Schalke 04 gratuliert ganz herzlich: Glück auf, Olaf!