Clemens Tönnies: So lange ich hier bin, bleiben wir ein e.V.

Auf der Mitgliederversammlung zog Clemens Tönnies ein Resumee des vergangenen Jahres, zudem blickte der Aufsichtsratsvorsitzende in die Zukunft des FC Schalke 04.

Clemens Tönnies über ...

… die vergangene Saison:

Wir haben unsere Ziele nicht erreicht und in den letzten Spielen einen grottenschlechten Fußball gespielt. Er war nicht zum Ansehen. Wir haben den falschen Trainer verpflichtet, Fehler gemacht. Auch ich habe Fehler gemacht, ganz eindeutig. Das Ergebnis war Platz sechs in der Bundesliga und nicht der wiederholte Einzug in die Champions League.

… eigene Fehler:

Ich bin Schalker durch und durch. Und sicherlich habe ich mich in meinem Übereifer zu viel in die Tagespolitik eingemischt. Es macht mich nämlich irre, wenn auf Schalke was brennt und es nicht so läuft. Ich kann da nicht ruhig bleiben. Ich habe, wie alle anderen Schalker, ein scheiß Wochenende, wenn wir verlieren. Nach vielen Spielen habe ich nachts wach gelegen und mich gefragt: „Was machen wir?“ Das habe ich in den 14 Jahren Aufsichtsrat und 20 Jahren Schalke so manches Mal gehabt: dass ich mich verrückt mache und mich selber frage, wie es mit Schalke weitergeht. Aber wir haben immer eine Lösung gefunden. Wer die vergangenen Wochen aufmerksam verfolgt hat, erkennt, dass ich mich aus der Öffentlichkeit total zurückgezogen habe. Mir ist völlig klar, dass die öffentliche Kommunikation in den jüngsten Monaten kein großes Glanzstück war. Ob ich alleine dafür verantwortlich bin? Dazu stelle ich mich gerne der Diskussion. Aber ich bin entschlossen, das zu verbessern und meinen Beitrag dafür zu leisten. Wenn ich Fehler erkenne, stelle ich sie ab. Nicht nur bei anderen, auch bei mir. Ich bin weder beratungsresistent noch uneinsichtig.

… die wirtschaftliche Genesung:

Peter Peters hat in seinem Bericht erfreulicherweise mitgeteilt, dass wir einen Gewinn erzielt haben. Wir vom Aufsichtsrat stellen nicht den Gewinn in den Vordergrund, sondern die wirtschaftliche Gesundung des Vereins. Da haben wir in den vergangenen vier, fünf Jahren riesige Fortschritte gemacht. Wir haben die Konsolidierung nach vorne gestellt, wir haben entschuldet. Wir müssen unseren Laden gesunden, weiter konsolidieren, gleichzeitig guten Fußball spielen und gute Trainer und Spieler verpflichten.

… den e.V.:

Wir Schalker sind eine große Familie. Mit exakt 136.205 Mitgliedern sind wir hinter Bayern München, Benfica Lissabon, dem FC Barcelona, Manchester United und dem FC Arsenal der sechstgrößte Sportverein der Welt. Ich möchte mit einer Mär aufhören, die von bestimmten Leuten ständig verbreitet wird – ich habe ja nicht nur Freunde im Verein – und diese ein für alle Mal begraben: Ich bin nicht für die Ausgliederung. Ich bin dafür, alles zu tun, dass wir ein eingetragener Verein bleiben. Solange ich auf Schalke bin, bleibt Schalke ein eingetragener Verein. Das ist eine feste Zusage.

… den Dialog unter Königsblauen:

Wir Schalker haben eine Tugend. Wir reden wahnsinnig viel übereinander, aber nicht miteinander. Ich habe viele Fangruppen gefragt, ob es Gesprächsbedarf gibt. Es waren welche dabei, die intensiv mit mir gesprochen haben. Und es waren welche da, die gesagt haben: „Mit Leuten wie Ihnen unterhalten wir uns nicht.“ Ich finde, das ist kein Miteinander. Darüber müssen wir sprechen. Wir müssen in den Dialog eintreten, damit wir keine Fehler machen und an einem Strang ziehen.

… die Fans:

Ich verstehe, dass Fans sich ärgern und ihrem Ärger Luft machen. Viele geben viel Geld für ihre Liebe Schalke 04 aus. Von euch wird am Arbeitsplatz auch der volle Einsatz erwartet. Das ist uns abgegangen. Wir erwarten von den Spielern zurecht, dass sie alles geben. Und selbst wenn es mal sportlich nicht reicht, man Pech hat oder einfach auf einen übermächtigen Gegner stößt: Ich verlange, dass alle kämpfen und sich bis zur letzten Sekunde den Hintern aufreißen. Kritik gehört dazu. Aber es war kein Ruhmesblatt, wie ihr mit der Mannschaft gegen Paderborn umgegangen seid. Fair zu sein heißt auch, fair mit der Mannschaft umzugehen. Wenn Gesänge angestimmt werden: „Außer Fährmann könnt ihr alle gehen“, dann sollten diejenigen, die das anstimmen und mitsingen, sich über ihre Ehre Gedanken machen. Wir haben viele junge Spieler in der Mannschaft, die zumeist aus der Knappenschmiede stammen und stolz sind, unser Trikot zu tragen. Denkt mal darüber nach, wie sich ein 19-Jähriger bei solchen Gesängen und nach einem Grottenkick fühlt, auf den er garantiert nicht stolz ist. Ich habe mich dafür geschämt, dass sich ein Teil unserer Fans dazu hat hinreißen lassen. Ich hoffe, dass wir alle in der kommenden Saison wieder in einer Familie an einem Strang ziehen. Die Voraussetzungen sind nicht schlecht.

… die Knappenschmiede:

Anfang der 2000er-Jahre hieß es, wir müssten die Aufwendungen für die Jugendarbeit um die Hälfte reduzieren. Wo wären wir da heute? Wir haben im Aufsichtsrat aber entschieden, nicht die Hälfte aufzuwenden, sondern das Doppelte. Ich bin in die Bresche gegangen und habe gesagt, dass in der Jugend die Fundamente unserer Zukunft liegen. Ich bin stolz, dass wir damals diese Entscheidung getroffen haben. Um ein paar Namen zu nennen, die für diesen Erfolg stehen: Kaan Ayhan, Julian Draxler, Ralf Fährmann, Marvin Friedrich, Benedikt Höwedes, Thilo Kehrer, Sead Kolasinac, Joel Matip, Max Meyer, Maurice Multhaup, Felix Platte, Leroy Sane. Das sind zwölf Spieler, die nächste Saison bei uns unter Vertrag stehen, die vergangene Saison schon Stammspieler waren oder neu dazugekommen sind. Das ist das Ergebnis unserer Jugendarbeit, um die uns die ganze Bundesliga beneidet.

… die kommende Saison:

Ich freue mich, dass Horst Heldt mit Andre Breitenreiter einen klasse Typen als Trainer verpflichtet hat. Seine stete Aufwärtsentwicklung beobachten nicht nur wir Schalker schon länger. Nicht nur vor der sportlichen Entwicklung des Trainers habe ich Respekt. Seine Art, Spieler besser zu machen wird uns auf Schalke viel Freude bereiten. Mir gefällt seine bodenständige Art. Die steht uns auf Schalke gut zu Gesicht. Ich bin mir sicher, sie wird auch bei den Fans ankommen. Er wird diese junge Mannschaft auf ihrem Weg durch die Bundesliga und die Europa League führen. Die Champions League hat uns besser gestanden. Aber vielleicht ist es für die junge Mannschaft der richtige Weg. Wenn ich sehe, wer sich für diese Europa League alles qualifiziert hat: Liverpool, West Ham United, Neapel, Bilbao, Tottenham oder Marseille. Es gibt schlechteren Umgang. Ich bin davon überzeugt, dass wir ganz schnell wieder auf den Erfolgskurs zurückkommen, wenn wir alle miteinander unsere Fehler korrigieren.

… den Aufsichtsrat:

Uns im Aufsichtsrat wurde in den jüngsten Jahren immer wieder vorgeworfen, wir hätten nicht den nötigen sportlichen Sachverstand. Kaufleute hätten wir genug. Darauf haben wir reagiert. Wir haben gesagt, dass wir uns Sachverstand beibringen wollen. Und zwar mit einem sportlichen Beirat. Ich freue mich ganz besonders, dass Huub Stevens, Mike Büskens und Ebbe Sand sich dafür bereit erklärt haben. So pflegen wir Schalker unsere Tradition und binden wertvolle Kompetenz an unseren Verein. In die neue Saison starten wir mit drei Leitlinien, die den Verein in den 111 Jahren immer wieder geprägt haben: Mit der Pflege unserer Tradition und zugleich dem Mut, neue Wege zu gehen. Mit der Fairness im Umgang bei gleichzeitiger Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Mit dem Fleiß, der Bodenständigkeit und dem Optimismus, der die Menschen hier immer ausgezeichnet hat. Lasst uns diesen Weg gehen, vereint in der Zuneigung zu unserem FC Schalke 04.

… Clemens Tönnies:

Diejenigen im Verein, die die Plakate mit der Aufschrift „Clemens Tönnies, wir überleben dich“ hochhalten, möchte ich nur sagen: Stellt mich nicht so groß dar und nicht so wichtig. Schalke ist 136.204-mal größer als Clemens Tönnies.

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