Was macht eigentlich … Dario Rodriguez?

Zwischen 2002 und 2008 war Dario Rodriguez einer der großen Publikumslieblinge auf Schalke. Noch heute denkt der Uruguayer gerne an seine Zeit im königsblauen Trikot zurück. Im Interview mit schalke04.de spricht der 45-Jährige über die große Zuneigung der Fans, seine schönsten Erinnerungen und weiterhin bestehende Kontakte nach Gelsenkirchen. Zudem gibt er einen Einblick in seine beruflichen Ziele.

Ehrenrunde von Dario Rodriguez

Dario, wo erreichen wir dich gerade?
In meinem Haus in Colinas de Carrasco, einer Ortschaft im Süden Uruguays. Sie liegt etwa 20 bis 25 Autominuten von der Hauptstadt Montevideo entfernt. Ich komme gerade vom Einkaufen und freue mich sehr über den Anruf aus Deutschland.

In Zeiten wie diesen ist vor allem eines wichtig: die Gesundheit! Wie geht es dir?
Danke der Nachfrage. Bei meiner Familie und mir ist alles gut. In Uruguay gibt es zum Glück nicht allzu viele Corona-Fälle, trotzdem müssen wir aufpassen. Solch aggressive Viren können sich schnell ausbreiten. Wir bleiben deshalb so viel es geht zu Hause und minimieren momentan unsere persönlichen Kontakte. So, wie es die Menschen in Deutschland auch machen. Mit Freunden kann man sich zum Glück heutzutage auf vielen Wegen austauschen. Zum Beispiel in Videocalls oder per Whatsapp.

Torjubel von Dario Rodriguez

Du sprichst noch immer sehr gut Deutsch.
Vielen Dank für das Kompliment, das freut mich. Die Sprache ist nicht ganz einfach, gerade rund um meinen Wechsel zum FC Schalke 04 hatte ich großen Respekt davor. Aber ebenso wie auf dem Fußballplatz war ich auch im Sprachunterricht sehr ehrgeizig und wollte jeden Tag etwas Neues lernen. Nach etwa zehn Monaten konnte ich mich gut verständigen, nach und nach habe ich Deutsch dann verinnerlicht. Das ging sogar so weit, dass ich 2008 nach meiner Rückkehr nach Uruguay in den ersten Wochen in Deutsch geträumt habe (lacht).

Hast du noch Kontakte nach Deutschland?
Natürlich. Schließlich waren die fünfeinhalb Jahre auf Schalke ein wichtiger Teil meines Lebens, in dem ich viele nette Menschen kennengelernt habe, die ich noch heute zu meinen Freunden zähle. Das sind einige ehemalige Mitspieler, aber auch Personen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen. Manuel Martinez zum Beispiel, er war damals als Übersetzer für den Verein tätig und hat mir bei der Integration sehr geholfen. Auch zu den Inhabern der Restaurants „La Scala“ und „Vitali“ in Buer habe ich noch Kontakt, außerdem zu Enrico Heil, der damals schon Zeugwart der Mannschaft war. Ein super Typ, mit dem ich auch in einer Whatsapp-Gruppe bin, in der regelmäßig Nachrichten und Fotos ausgetauscht werden.

Wann immer es passt, schaue ich mir die Schalke-Spiele im TV an.

Dario Rodriguez

Du bist also über das Geschehen auf Schalke noch heute gut informiert?
Auf jeden Fall. Die Bundesliga läuft auch in Uruguay im TV. Wann immer es passt, schaue ich mir die Spiele an. Und natürlich informiere ich mich auch online. In der vergangenen Saison, als die Mannschaft lange unten drinstand, habe ich besonders stark mitgefiebert und die Daumen gedrückt. In diesem Spieljahr läuft es zum Glück besser. Ich finde, dass das Team auf einem guten Weg ist. Gerade die vielen jungen Spieler gefallen mir.

Du bist im Sommer 2002 als frischgebackener WM-Teilnehmer ein Knappe geworden. Welche Erinnerungen hast du an deinen Wechsel von Penarol Montevideo zum FC Schalke 04?
Für mich war es ein großes Abenteuer. Ein neues Land, eine fremde Sprache. Aber auch eine reizvolle Herausforderung, auf die ich mich riesig gefreut habe. Bereits beim ersten Gespräch mit Rudi Assauer und seinem damaligen Assistenten Andreas Müller hatte ich ein gutes Gefühl. Sie haben mich spüren lassen, dass sie mich unbedingt verpflichten möchten. Gerade Rudi Assauers Auftreten hat mir imponiert. Er war eine große Persönlichkeit, sehr intelligent mit einem feinen Gespür für sein Gegenüber.

Dario Rodriguez und Gustavo Varela

Wenige Tage nach deiner Verpflichtung lotste Rudi Assauer mit Gustavo Varela einen zweiten Uruguayer ins Revier.
Als ich davon hörte, war ich begeistert, denn so war ich nicht allein. Klar, der Verein hat alles für mich gemacht, mir geholfen, wo er nur konnte. Aber wenn du einen Landsmann an deiner Seite hast, ist gerade in der Anfangszeit in einer neuen Umgebung vieles einfacher. Man fühlt sich ein Stück weit sicherer. Auch Anibal Matellan war gerade in den ersten Wochen und Monaten ein wichtiger Ansprechpartner für mich. Er kannte sich bereits ein wenig aus, da er ein Jahr zuvor aus Argentinien zu Schalke gewechselt war. Trotzdem war ich stets bestrebt, nicht nur im kleinen Kreis Spanisch zu sprechen. Ich wollte mich schnell integrieren, meine Mitspieler und Mitmenschen kennenlernen.

Die Fans haben dein Engagement auf und auch neben dem Platz stets honoriert. Du bist schnell zu einem der Publikumslieblinge aufgestiegen. Warst du darüber selbst überrascht?
Wenn ich an die Schalke-Fans zurückdenke, bekomme ich noch heute eine Gänsehaut. Sie haben mir so viel gegeben, das war unglaublich. Schalke und die Fans, das ist wie eine Familie.

Wenn ich an die Schalke-Fans zurückdenke, bekomme ich noch heute eine Gänsehaut.

Dario Rodriguez

Hast du eine Erklärung für deine große Beliebtheit?
Ich habe immer gekämpft, mich nie aufgegeben. Und ich glaube, dass den Fans das imponiert hat. Sie haben gesehen, dass ich hart arbeite, dass ich mich für den Verein zerreiße und ihn lebe. Das war schon immer meine Mentalität. Ich war stets ein Kämpfer. Das wird Gustavo Varela bestätigen können (schmunzelt).

Wieso?
Gustavo war früher häufig mein Gegner. Er hat bei Nacional Montevideo gespielt, ich bei Penarol – wir liefen also für rivalisierende Clubs auf, die sich stets packende Derbys geliefert haben. Doch das ist noch nicht alles: Gustavo hat zumeist rechts vorne gespielt, ich links hinten. Er war also mein direkter Gegenspieler, da gab es auf dem Platz so manch hartes Duell. Auf Schalke sind wir dann aber richtig gute Freunde geworden. Er ist für mich so etwas wie ein Bruder.

Fahne Dario Rodrigues

Die Fans widmeten dir damals sogar einen eigenen Song: „Come on, Mr. Uruguay, Dario Rodriguez, grätsch‘ die Gegner von hinten um! Erst ein‘, dann zwei, dann drei, dann vier, Schienbeinbruch, wir danken dir“ hallte es in regelmäßigen Abständen immer wieder durchs Stadion!
Davon erzähle ich meinen Freunden in Uruguay noch heute. Und manch einer mag es noch immer nicht glauben. Als ich das Lied im Stadion zum ersten Mal wahrgenommen habe, wusste ich zunächst nicht, was die Fans singen. Es war mitten im Spiel, ich war hochkonzentriert und verstand erst einmal nur „Mr. Uruguay, Dario Rodriguez“. In der Halbzeit kam dann ein Mitspieler zu mir – ich glaube, es war Manuel Neuer – und erklärte mir den Hintergrund. Und er sagte, dass es etwas ganz Besonderes sei, wenn einem einzelnen Spieler ein eigener Song gewidmet wird. Da war ich mächtig stolz.

Nach 142 Pflichtspielen im S04-Trikot bist du Anfang 2008 wegen des Todes deines Vaters nach Uruguay zurückgekehrt.
Meine Familie hat mich in diesem Moment gebraucht. Fußball war und ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, aber über allem steht die Familie. Ich konnte sie in diesem Moment nicht allein lassen. Mir fiel es aber unglaublich schwer, den FC Schalke 04 zu verlassen. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich mit dem damaligen Manager Andreas Müller gesprochen und um eine Vertragsauflösung gebeten habe. Aber er hatte vollstes Verständnis für meine Situation.

Bei Penarol habe ich zwar ein schwarz-gelbes Trikot getragen, aber durch meine Adern floss stets königsblaues Blut.

Dario Rodriguez

In einem Testspiel gegen den FC Basel bist du am 25. Januar 2008 in der VELTINS-Arena offiziell verabschiedet worden. Welche Erinnerungen hast du an den Tag?
Er zählt zu den emotionalsten in meinem ganzen Leben. Fast 40.000 Fans waren an diesem kalten Winterabend im Stadion – bei einem Testspiel! Nach dem Abpfiff, wir hatten durch ein Tor von Gerald Asamoah knapp mit 1:0 gewonnen, sangen die Schalke-Anhänger minutenlang meinen Namen. Auf einer großen Ehrenrunde durch das Stadion nahmen mich meine Mitspieler auf die Schultern, dabei flossen bei mir viele Tränen. Schalke war für mich zu einer zweiten Heimat geworden. Deshalb bin ich glücklich, dass ich danach noch einige Male vor diesen tollen Fans spielen durfte: 2011 beim Abschiedsspiel von Marcelo Bordon, 2015 bei „Asa seine letzte Schicht“. Und zuletzt 2017 beim großen Wiedersehen der Eurofighter. Bei dieser Partie war ich ein Teil des „All-Star-Teams“. Darüber hinaus war ich noch weitere Male zu Gast in Gelsenkirchen, um alte Freunde und Bekannte zu treffen.

Auf die Zeit auf Schalke folgte eine Rückkehr zu Penarol Montevideo. Jenem Club, für den du bereits von 1998 bis 2002 sehr erfolgreich am Ball gewesen warst. Musstest du dich wegen der Trikotfarben eigentlich wieder umstellen?
In Uruguay sind Schwarz-Gelb nunmal meine Farben (lacht). Damals, als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich sehr schnell gelernt, dass diese Farbkombination in Gelsenkirchen nicht gern gesehen ist. Das war aber kein Problem für mich. Königsblau hat mir auch direkt gut gefallen. Bei Penarol habe ich zwar ein schwarz-gelbes Trikot getragen, aber durch meine Adern floss stets königsblaues Blut.

Dario Rodriguez im Trikot von Penarol

Nach zwei weiteren Meisterschaften 2010 und 2013 – zuvor warst du bereits 1999 einmal uruguayischer Meister geworden – hast du deine aktive Laufbahn vor fünfeinhalb Jahren beendet. Was folgte danach?
Ich habe einen Trainerlehrgang erfolgreich abgeschlossen und konnte bereits erste Erfahrungen als Assistent sammeln. Zunächst bei Penarol, danach beim kolumbianischen Verein América de Cali und zuletzt bei Defensor Sporting, ebenso wie Penarol ein Club aus Montevideo. Mein künftiges Ziel ist es, als Chef-Trainer für einen Verein tätig zu sein. Solch eine Aufgabe würde mir große Freude bereiten.

Große Freude würde auch herrschen, wenn du uns bald wieder in Gelsenkirchen besuchen kommst.
Meine nächste Reise nach Deutschland hatte ich bereits grob geplant – aber dann kam Corona. Wenn diese schwierige Zeit vorüber ist, möchte ich unbedingt wieder für ein paar Tage nach Gelsenkirchen kommen. Ich verspreche: Wir sehen uns wieder!

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