Huub Stevens: Ein ganz komisches Gefühl

Als Hertha BSC am 25. August 2002 zu Gast in der Arena war, stand Huub Stevens bei den Berlinern an der Seitenlinie. Für den S04-Jahrhunderttrainer war es nach sechs erfolgreichen Jahren im Revier die erste Rückkehr ins königsblaue Wohnzimmer. Im Interview mit schalke04.de spricht der 64-Jährige über seine damalige Gefühlslage und Duelle gegen Schalke sowie seine Zeit in der Hauptstadt, seine neue Aufgabe im Aufsichtsrat und den Austausch mit Domenico Tedesco.

Huub, nach sechs erfolgreichen Jahren auf Schalke, in denen du den UEFA-Cup und zweimal den DFB-Pokal gewinnen konntest sowie fast Deutscher Meister geworden wärst, bist du nach der Saison 2001/2002 zu Hertha BSC gewechselt. Bereits am 3. Spieltag gab es ein Wiedersehen. Wie war damals deine Gefühlslage rund um die Begegnung?
Es war komisch. Das war es auch in den Jahren danach, wenn ich als Trainer des Gegners auf Schalke gespielt habe. Wenn man wie ich so lange auf Schalke tätig war, wird ein Verein automatisch zu einer Herzensangelegenheit, zu „deinem“ Club. Als ich damals als Hertha-Trainer in die Arena gekommen bin, wurde ich sehr herzlich begrüßt. Es war ein schönes Gefühl und hat wieder einmal gezeigt, dass die Fans auf Schalke ein ganz tolles Gespür haben.

Kannst du dich noch an das Spiel erinnern?
Es war ein 0:0. Und ich meine, dass das an diesem Tag auch ein gerechtes Ergebnis gewesen ist. Als Trainer war es allerdings immer so, dass ich drei Punkte holen wollte – und nicht nur einen Zähler. Ich bin aber ehrlich: Wenn ich in den Jahren danach mit meinen Mannschaften gegen Schalke gewonnen habe, tat mir das immer leid. Vor allem für die Fans, die etwas ganz Besonderes sind.

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Wie war dein Verhältnis zu den Hertha-Anhängern?
Das kann man nicht mit Schalke vergleichen. Bei den Berliner Fans hatte ich von Anfang an einen schweren Stand. Für sie war ich ein Schalker – und Schalke ist in Berlin nicht gerade beliebt. Ich habe mich bemüht, immer offen auf die Hertha-Fans zuzugehen. Aber das hat irgendwie nicht so richtig funktioniert, sie haben mich nicht akzeptiert. Mannschaftsbetreuer Hendrik Herzog, der Mitte der 90er auch Spieler auf Schalke war, hat mir damals gesagt, dass ihm das sehr leidtue. Er fand den Umgang mit mir nicht fair. Aber auch er konnte es nicht ändern. Nach knapp anderthalb Jahren war das Kapitel in Berlin für mich dann auch beendet, wir sind im Dezember 2003 getrennte Wege gegangen. Nachdem wir in der ersten Saison in den UEFA-Cup eingezogen sind, lief es im zweiten Jahr nicht so gut.

Deine besondere Verbindung zu Königsblau ist über die Jahre immer bestehen geblieben. Und daraus hast du auch kein Geheimnis gemacht.
Wie heißt es doch so schön: Einmal Schalker, immer Schalker! Wenn dich dieser Verein einmal gepackt hat, dann lässt er dich nicht mehr los.

Seit knapp drei Monaten gehörst du dem Aufsichtsrat an. Weshalb hast du dich für diesen Posten zur Verfügung gestellt?
Ich möchte dem Verein helfen. Der Aufsichtsrat ist gut aufgestellt, aber ich glaube, dass ich dem Gremium mit meiner Kompetenz im Fußball immer wieder wichtigen Input geben kann. Gleichzeitig ist es mir ein Anliegen gewesen, Schalke etwas zurückzugeben. Für mich ist es eine Ehre, dem Aufsichtsrat angehören zu dürfen. Dass so viele Schalker bei der Mitgliederversammlung für mich gestimmt haben, macht mich einfach nur stolz.

Domenico Tedesco hat verraten, dass er sich gerne mit dir austauscht.
Das macht mich stolz. Er war der erste neue Trainer überhaupt, der Kontakt zu mir gesucht hat, um sich über Schalke und das Umfeld zu informieren. Vieles kannte er zwar bereits, aber vielleicht ist es manchmal doch ganz hilfreich, wenn man jemanden spricht, der das alles schon einmal erlebt hat. Weil Domenico meine Telefonnummer damals noch nicht hatte, hat er übrigens meinen Sohn Maikel angerufen und gefragt, ob er helfen könne.

Wie lief euer allererstes Treffen ab?
Domenico und ich haben fast zwei Stunden lang über die Fans, den Verein, die Spieler und vieles mehr gesprochen. Das war noch in der Vorbereitung, also kurz nach seinem Amtsantritt. Ich hatte das Gefühl, dass ihm der Austausch gutgetan hat. Nach unserem ersten Gespräch haben wir uns noch einige weitere Male getroffen und telefonieren noch immer regelmäßig miteinander. Domenico hat mir übrigens einmal verraten, dass er meine Arbeit als Trainer sehr geschätzt hat. Er ist ein toller Mensch, er lebt Schalke so wie ich.

Bittet er dich manchmal auch um deine Sichtweise eines Spiels oder eines Spielers?
Das kann schon einmal vorkommen. Manchmal sprechen wir tatsächlich über Spielsysteme und Taktiken. Grundsätzlich ist Domenico aber am großen Ganzen interessiert. Er wollte zum Beispiel wissen, wie es mir damals gelungen ist, so schnell eine gute Basis mit den Fans zu finden. Schließlich war auch ich damals ein noch recht junger und in Deutschland nahezu unbekannter Trainer, als ich auf Schalke angefangen habe.

Welchen Rat hast du ihm gegeben?
Dass er sich selbst treu bleiben soll und niemanden kopieren darf. Er ist Domenico Tedesco, ich bin Huub Stevens. Wichtig ist immer und überall, dass man authentisch bleibt. Und das ist Domenico seit seinem ersten Tag auf Schalke. Er verstellt sich nicht. Seine Arbeit und sein Auftreten beeindrucken mich sehr, er bleibt seiner Linie immer treu und geht seinen Weg.

Kommen wir zurück zur Hertha. Hast du noch Kontakte zu ehemaligen Weggefährten aus deiner Berliner Zeit?
Kaum. Vor Kurzem habe ich Dieter Hoeneß (damals Manager bei Hertha BSC, Anm. der Redaktion) getroffen und mit ihm auf die alten Zeiten zurückgeblickt. Der Anlass unseres Wiedersehens war allerdings ein sehr trauriger: Es war die Beerdigung von Schalkes ehemaligem Team-Betreuer Reiner Kübler, mit dem ich hier zusammenarbeiten durfte. Er war früher auch einige Jahre bei den Berlinern im Marketingbereich tätig. Weitere Kontakte außer diesem Treffen mit Dieter Hoeneß gab oder gibt es kaum, aus meiner Zeit bei Hertha BSC ist auch kaum noch jemand im Verein tätig. Trotzdem habe ich eine ganz spezielle Verbindung zu Berlin. Und die wird auch immer bleiben.

Weshalb?
Mein Sohn ist mit einer Berlinerin verheiratet, beide haben zwei wunderbare Kinder, deren stolzer Opa ich bin. Sie leben noch immer im Großraum Berlin.

Zeit mit der Familie ist dir sehr wichtig. Wirst du trotzdem am Sonntag im Stadion sein?
Grundsätzlich möchte ich bei jedem Heimspiel in der VELTINS-Arena vor Ort sein, um die Daumen zu drücken und die Mannschaft zu unterstützen. Deshalb bin ich auch gegen Hertha BSC dabei, wenn nichts Außergewöhnliches dazwischenkommt.

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