Jörg Böhmes Erinnerungen an Union: Lauf über den Ball - ich hau ihn rein!

Der FC Schalke 04 und der 1. FC Union Berlin trafen bislang erst in einem Pflichtspiel aufeinander: im DFB-Pokal-Finale 2001, das Jörg Böhme mit zwei Treffern entschied. Im Interview mit dem Schalker Kreisel erinnert sich der 45-Jährige an außergewöhnliche Anhänger und vorlaute Anweisungen für einen Weltmeister.

Jörg Böhme, wie haben Sie die Tage vor dem Endspiel erlebt?
Nach dem dramatischen Bundesliga-Finale mit dem Ausgleich der Bayern in der Nachspielzeit beim HSV waren wir am Boden zerstört. Tags darauf hatten wir Training – und das war rückblickend das Beste, was uns passieren konnte, selbst wenn keiner von uns Bock auf Fußball hatte. Ich erinnere mich genau an den Moment, als wir aus der Kabine gekommen sind und Tausende Fans sahen, deren trotziger Applaus uns bis zum Platz begleitet hat. Vergleichbares habe ich nie wieder erlebt. Die Menschen haben sich gegenseitig Halt gegeben und uns nach Berlin getragen.

Wie hat Chef-Trainer Huub Stevens die Mannschaft eingestellt?
Er war erfahren genug und spürte, dass er nicht viel sagen muss. Wir waren heiß auf die Partie. Diese tolle Saison durfte nicht ohne Titel enden. Zudem standen abgezockte Jungs wie Oliver Reck, Jiri Nemec oder Ebbe Sand auf dem Rasen, die wussten, wie man Endspiele bestreitet.

Trotzdem wirkte die Mannschaft in Hälfte eins nervös.
Die Angst, am Ende mit leeren Händen dazustehen, hat uns vielleicht etwas gelähmt. Zudem hatte Union nichts zu verlieren. Die Berliner sind mit dem Schwung des Zweitliga-Aufstiegs beherzt aufgetreten und haben uns in Bedrängnis gebracht. Nach der Pause haben wir uns deutlich gesteigert.

Ich erinnere mich genau an den Moment, als wir aus der Kabine gekommen sind und Tausende Fans sahen, deren trotziger Applaus uns bis zum Platz begleitet hat. Vergleichbares habe ich nie wieder erlebt.

Jörg Böhme

Und sind schnell in Führung gegangen. War es klar, dass Sie den Freistoß in der 53. Minute ausführen würden?
Nein. Tomasz Hajto, Andreas Möller und ich standen am Ball. Die Position war eigentlich ideal für Andy, doch Tomasz wollte unbedingt schießen. Die Laberei ging mir auf den Keks, also habe ich zu ihm gesagt: „Du bist raus. Andy, lauf über den Ball – ich hau ihn rein! Fertig.“

Wie hat Möller reagiert?
Er hat mich etwas verwundert angeschaut, es dann aber zum Glück gemacht. Später hat er mal gesagt: „Ich hätte in dieser Situation auf keinen anderen Spieler der Welt gehört.“ Keine Ahnung, was mich damals geritten hat. Andy ist Welt- und Europameister, hat in seiner Karriere fast jeden Titel gewonnen, und ich kleine Nummer erzähle ihm, was er tun soll. Ich habe mit ihm später oft über diese Anekdote gescherzt und ihn aufgezogen: „Zum Glück hast du beim Drüberlaufen nichts falsch gemacht!“ (lacht)

Die Frage nach dem Schützen kam beim Strafstoß kurz darauf vermutlich nicht mehr auf.
Ich hatte in der Saison fast alle Elfmeter geschossen und größtenteils verwandelt. Als ich am Punkt stand, wollte ich ein Zeichen setzen, um den Berlinern den Zahn zu ziehen. Also habe ich den Ball mit voller Wucht aufs Tor gedroschen – und das sogar ziemlich platziert. Mit dem 2:0 war das Finale entschieden.

Und Sie konnten sich auf die Pokalparty konzentrieren, die ausgelassen gewesen sein soll …
Mag sein, aber ich kann mich kaum noch an den Abend erinnern. Der beste Teil der Feier begann sowieso mit der Rückfahrt im Zug. Richtig realisiert, was wir in der Saison geleistet haben und was dieser Pokalsieg den Menschen bedeutet, habe ich erst bei der Ankunft in Gelsenkirchen. Diese unvorstellbare Menge an Fans und die Begeisterung haben mich überwältigt. Man darf nicht vergessen, dass uns vor der Saison niemand auf dem Zettel hatte. Wir haben es allen gezeigt!

Diese unvorstellbare Menge an Fans und die Begeisterung haben mich überwältigt.

Jörg Böhme

Welche Verbindung haben Sie heute zum S04?
Einmal Schalker, immer Schalker – das gilt auch für mich. Der Verein hat mich nie losgelassen. Ich schaue mir alle Spiele der Profis an und verfolge auch die Entwicklung der Knappenschmiede, in der ich bis 2016 als Co-Trainer der U23 gearbeitet habe. Außerdem halte ich engen Kontakt zu ehemaligen Mitspielern wie Tomasz Waldoch oder Gerald Asamoah, die noch heute beim S04 tätig sind.

Sie sind aktuell ohne Trainerposten. Wie sieht Ihr Alltag aus?
Ich wohne mit meiner Familie in Steinhagen in der Nähe von Bielefeld und halte den Markt im Blick. Ich schaue mir viele Spiele in verschiedenen Ligen an, um auf dem Laufenden zu bleiben, und bilde mich fort. Vergangene Saison habe ich vor dem Derby beim BVB erstmals als TV-Experte gearbeitet und den Schalker Sieg vorausgesagt. In dieser Funktion bin ich also anscheinend auch zu gebrauchen (lacht).

Außerdem in der exklusiven App-Ausgabe des Schalker Kreisel zum Heimspiel gegen Union Berlin: Bastian Oczipka über Frustbewältigung, Bewegungsdrang sowie seine Arbeit als Botschafter, eine „Tanne“ im Bilderwald und 30 Schalker auf der Reise ins Herz der Finsternis.

Der Weg zum digitalen Kreisel

Voraussetzungen sind die S04-Mitgliedschaft sowie die kurze Anmeldung auf: store.schalke04.de

Der schnellste Weg führt dann über die Schalke 04 App und den Navigationspunkt „Schalker Kreisel“, wo Königsblaue eine kurze Beschreibung sowie die Links zu den Stores (App Store, Google Play Store) finden. Dort kann die App direkt aufs Smartphone oder Tablet heruntergeladen werden.

Der Login erfolgt mit Benutzernamen und Passwort. Beim Benutzernamen handelt es sich in der Regel um die E-Mail-Adresse, also dieselben Zugangsdaten, die auch für den Login auf store.schalke04.de verwendet werden. Sollte das Passwort nicht mehr auffindbar sein, hilft die Funktion „Passwort vergessen“, um sich ein neues zuzulegen.

Alternativ zur Schalke App können Fans die Schalker Kreisel App direkt im jeweiligen App Store ansteuern – einfach in der Suche „Schalker Kreisel“ eingeben.

Schalker Kreisel App

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