Klaas-Jan Huntelaar: Hier gehören alle zusammen

Rund sieben Jahre und 126 Pflichtspieltore nach seiner Vorstellung bei den Königsblauen verlässt Klaas-Jan Huntelaar den Club. Im ersten Teil seines Abschiedsinterviews blickt der Hunter auf seine ersten Tage sowie seine schönsten und schlimmsten Momente auf Schalke zurück.

Klaas-Jan Huntelaar, am 8. September 2010 reiste Bundespräsident Christian Wulff in die Schweiz, der deutsche Außenminister hieß Guido Westerwelle und Sie …

Ich hatte meinen ersten Tag auf Schalke! Ich kann mich daran erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Ich bin mit dem Auto ins Stadion gefahren worden, wir haben sogar noch eine Runde gedreht. Dabei habe ich meinen Blick über die Tribünen schweifen lassen, bin durch den Spielertunnel hoch und dann zu der Pressekonferenz, mit der mich der Verein vorgestellt hat. Danach musste ich zum Training.

  • Aber Sie wissen nicht mehr, was Felix Magath an dem Tag auf dem Programm hatte, oder?

    Doch, doch. Wir haben Positionsspiel trainiert. Ich weiß sogar noch, wo ich auf dem Platz gestanden habe und wie die Übungen abgelaufen sind.

    Hut ab, immerhin ist das fast sieben Jahre her.

    Ich habe ein ganz gutes Gedächtnis, was den Fußball anbelangt, da ich vom ersten Tag meiner Profikarriere versucht habe, jedes noch so kleine Detail bewusst aufzusaugen.

    Dennoch erlauben Sie uns, die Zeit ein bisschen Revue passieren zu lassen. Sie haben vor einiger Zeit gesagt, der Wechsel zu Schalke sei damals wie eine Rückkehr nach Hause für Sie gewesen.

    Das hatte viele Gründe. Zum einen war da die geografische Nähe zu meinem Heimatort. Ich konnte wieder zu Hause leben und hatte meine Familie um mich herum. Zum anderen war Schalke nach den Stationen bei Real Madrid und beim AC Mailand gefühlt ein Schritt zu meinen fußballerischen Ursprüngen. Es ist wieder eine Art Normalität eingetreten, die es heutzutage auf dem Niveau im Profifußball kaum noch gibt.

    Woran machen Sie das fest?

    In Spanien und Italien waren wir komplett abgeschirmt von der Außenwelt. Wir Spieler waren immer nur unter uns. Hier bei Schalke sind alle ganz nah dran. Alle gehören zusammen. Wir sehen täglich die Menschen, für die wir spielen und auf dem Platz alles geben. Zum Beispiel gibt es dieses ältere Paar, das quasi seit meinem ersten Tag bei fast jeder Einheit in Schalke-Sachen am Platz steht, oder eine Frau, die jeden Tag zuschaut, herzlich lacht, mich immer ganz genau ansieht, wenn ich vom Platz komme, aber nie ein Wort sagt. Solche Fans geben der Verantwortung ein Gesicht, die du hast, wenn du das Schalke-Trikot trägst. Wenn es gut läuft, verleiht es zusätzliche Energie, in schlechten Phasen verstärkt es die negativen Gefühle. Aber das ist Schalke. Die Fans leben ihren Verein – mit allem, was sie haben.

    Nach sieben Jahren kennen Sie also jeden Schalke-Fan, der regelmäßig zum Training kommt …

    Oh, da müsste ich noch einmal alle durchgehen, nicht dass ich jemanden vergesse (lacht). Aber im Ernst, die meisten kenne ich bestimmt. Du baust eine andere Verbindung zu den Fans auf, wenn sie ein Gesicht haben, dir zwischendurch ein paar aufbauende Worte sagen, dich auch mal kritisieren, wenn du schlecht gespielt hast. Das ist so ehrlich. Damit konnte ich mich identifizieren, das passte zu mir.

    Glauben Sie, dass das neben Ihren Toren einer der Gründe ist, warum Sie ein Fan-Liebling sind?

    Das müssen Sie die Fans fragen. Ich kann nur sagen, dass ich sie sehr gut verstehen kann. Sie wollen einfach nur mal Kontakt, ein kurzes Gespräch mit den Jungs, für die sie so viel geben. Für mich ist das eine Selbstverständlichkeit, so bin ich erzogen worden.

    Mit dem Treffer zum wichtigen Ausgleich gegen Rasenballsport Leipzig haben Sie 126-mal für den S04 in Pflichtspielen eingenetzt. Fühlt sich ein Tor heute noch genauso an wie zu Ihrer Anfangszeit?

    Im ersten Moment fühlt sich jedes Tor gleich an, es ist ein Gefühl völliger Ekstase. Für den Moment sind Tore das Wichtigste, das Größte. Ich will in jedem Spiel treffen, das hat sich nie verändert. Aber der Umgang damit hat sich verändert, besonders nach dem Abpfiff.

    Inwiefern?

    Du lernst, Misserfolge schneller zu verarbeiten. Früher habe ich mir noch tagelang Gedanken gemacht, wenn ich mal in ein, zwei Partien nicht getroffen habe. Ich war unruhig, sauer und fing an, auf dem Platz impulsiv andere Sachen zu machen, die ich nicht so gut beherrschte. Das kostet nur unnötig Energie und hilft dir nicht. Heute weiß ich, dass es immer das Beste ist, sich auf seine Stärken zu konzentrieren und sie bestmöglich zu nutzen, unabhängig von Toren. Das Gefühl auf dem Platz muss immer positiv sein.

    In der Saison 2011/2012 konnten Sie immer mit gutem Gefühl auf den Platz gehen. Mit 29 Bundesliga-Treffern sicherten Sie sich nicht nur die Torjäger-Kanone, sondern erzielten wettbewerbsübergreifend in Liga, Pokal und Europa League 49 Tore in 48 Spielen und gaben zudem 14 Assists. Ihre beste Saison auf Schalke?

    Das kann man schon so sagen. Was aber ganz bestimmt nicht nur an mir lag. Neben mir agierte mit Raul ein unglaublicher Mitspieler, dazu standen Leute wie Farfan und Draxler auf dem Platz. Es passte einfach Vieles, und ich war der Profiteur in vorderster Front. Meine liebste Erinnerung liegt aber noch ein Jahr davor.

    Der DFB-Pokalsieg?

    Ja, das war mein absolutes Highlight. Ich habe noch nie so viele Menschen so glücklich gesehen wie an dem Tag und den Tagen nach dem Triumph. Man konnte jedem einzelnen Gesicht ablesen, dass wir den Menschen etwas ganz Besonderes geschenkt hatten. Diese Emotionen waren einmalig für jeden von uns.

    Und Ihr schlimmster Moment auf Schalke?

    Das Heimspiel gegen Paderborn am 33. Spieltag der Saison 2014/2015.

    Der S04 hat die Begegnung 1:0 gewonnen, …

    Aber für den Augenblick die Herzen der Fans verloren. Das war der schmerzhafteste Moment, den ich je in diesem Trikot erlebt habe. Die Fans sangen: „Außer Fährmann könnt ihr alle gehen!“ Diese Situation war für mich persönlich so unglaublich schmerzhaft und intensiv. Ich fühlte mich hier zum ersten Mal fehl am Platz. Die Tage danach waren die einzigen in meiner Zeit auf Schalke, an denen ich darüber nachgedacht habe, den Verein zu verlassen. Das waren sehr schwere Momente.“

    Nochmals durchpusten. Eine Kaffeelänge später führen wir das Gespräch weiter, und das wieder äußerst heiter. Schließlich überwiegen beim Niederländer die positiven Momente um ein Vielfaches. Schnell kehrt sein gewohntes Lachen zurück.

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