Lars Gerling: Alles im Blick

Er ist Mitglied des Trainerteams, arbeitet aber eher im Hintergrund. Das macht die Arbeit von Lars Gerling allerdings nicht weniger spannend. Im Interview mit schalke04.de spricht der Spielanalyst der Königsblauen über seinen Aufgabenbereich, den Austausch mit Domenico Tedesco sowie die neu eingeführte Kommunikation zwischen Tribüne und Trainerbank.

Lars, du spielst im Trainerteam von Domenico Tedesco eine wichtige Rolle, stehst bei den Einheiten aber nicht auf dem Platz. Und auch bei den Spielen sitzt du nicht auf der Bank. Was ist dein Aufgabenbereich?
Ich bin vorwiegend für die Spielanalyse zuständig. Zu meinen Aufgaben zählen außerdem die Gegneranalyse, das Scouting und auch die Trainingsbeobachtung.

Haben deine Erkenntnisse auch Einfluss auf die Aufstellung?
Ich bin sozusagen ein Dienstleister für den Trainer, der auf meinen Input zurückgreifen kann und dies auch gerne macht. Vor jedem Spiel schauen Domenico Tedesco, Co-Trainer Peter Perchtold und ich uns die letzten Begegnungen des Gegners unabhängig voneinander an. Danach diskutieren wir gemeinsam über Herangehensweisen und Lösungen, aber auch über mögliche Formationen.

Wie können wir uns das vorstellen?
Jeder von uns zeigt seine Eindrücke, seine Szenen, die er für wichtig hält. Das Ganze ist eine von Vertrauen geprägte Teamarbeit. Das letzte Wort hat dabei immer Domenico. Er ist der Chef-Trainer und entscheidet. Ich kann mich spontan allerdings auch an kein Spiel erinnern, bei dem Peter oder ich im Vorfeld Bauchschmerzen hatten, da wir so gut wie immer auf einer Wellenlänge funken und uns im Team einig sind.

Wir diskutieren gemeinsam über Herangehensweisen und Lösungen, aber auch über mögliche Formationen.

Lars Gerling

Dein Platz bei den Spielen ist auf der Medientribüne. Dort sitzt du mit deinem Laptop. Was schaust du dir dort an?
Die DFL schickt zu jedem Spiel einen Operator, der die Partien für die Analysten filmt. Dieses Signal wird uns während der 90 Minuten live zur Verfügung gestellt. Bei internationalen Spielen müssen wir hingegen selbst filmen. Das übernimmt dann mein Kollege Mirco Schüller, ich nehme parallel das Signal ab und kann damit arbeiten.

Wie hast du dir antrainiert, Auffälligkeiten sofort zu erkennen und unter Zeitdruck aufzubereiten?
Das habe ich mir mit der Zeit einfach angeeignet. Ich habe schon für mehrere Trainer und Sportdirektoren arbeiten dürfen, da bekommt man mit der Zeit eine gewisse Erfahrung.

Deine Eindrücke sind bereits in der Halbzeit gefragt.
Wir haben für jedes Spiel einen Matchplan. Ich schaue während der Spiele vor allem darauf, was funktioniert und was nicht. Was können wir besser machen? Was macht vielleicht gar keinen Sinn? Diese Szenen bereite ich während der ersten Hälfte für unser Trainerteam auf. Das Ganze muss natürlich knapp gehalten werden, da wir nur wenige Minuten für unsere Besprechung haben. Danach spricht Domenico zur Mannschaft.

Präsentierst du deine Erkenntnisse während der Halbzeit auch einzelnen Spielern?
Grundsätzlich zeigen wir der gesamten Mannschaft etwas, weil es die gesamte Gruppe betrifft. Auch wenn es nur um taktische Inhalte eines Einzelnen geht, müssen alle Beteiligten im Bilde sein, da jede Situation im Spiel zu einer Kettenreaktion führt. In Einzelfällen kann es aber auch vorkommen, dass wir explizit nur einem Spieler eine relevante Szene zeigen.

Ein Spiel dauert für die Zuschauer 90 Minuten. Und für dich?
Auch erst einmal 90 Minuten, da ich parallel zum Geschehen arbeite. In der Nachbereitung sind es aber schon einige Stunden. Ich gehe bei meiner Arbeit noch einmal auf einzelne Szenen ein, schneide für die Spieler unterschiedliche Sequenzen zusammen. Diese Aktionen, zum Beispiel taktische Inhalte in gewissen Situationen, stellen wir den Jungs in unserer Cloud zur Verfügung, sodass sie mobil darauf zugreifen können.

Mit Beginn der Saison 2018/2019 ist, wie zuletzt auch bei der Weltmeisterschaft in Russland zu sehen war, die Kommunikation zwischen Spielanalyst auf der Tribüne und der Trainerbank am Spielfeldrand erlaubt.
Ich finde das sehr spannend. Bei den regelmäßigen Treffen der Spielanalysten aller Bundeslisten haben wir immer wieder über die Kommunikation zwischen Tribüne und Bank diskutiert, jetzt ist es erlaubt und Neuland für jeden Verein. Ein guter Freund von mir spielt Hockey, dort ist das Ganze schon seit längerer Zeit erlaubt und wird auch angewendet.

Ich finde die neu eingeführte Kommunikationsmöglichkeit zwischen Tribüne und Trainerbank sehr spannend.

Lars Gerling

Wie können wir uns das technisch vorstellen?
Erlaubt sind drei Endgeräte auf der Bank. Das können ein Smartphone, ein Tablet oder auch ein Laptop sein. Ich habe die Möglichkeit, meine Eindrücke, die ich über das DFL-Signal bekomme, an den Spielfeldrand zu senden. Domenico wird künftig aber nicht mit Headset auf der Bank sitzen. Ich werde mit Peter Perchtold oder unserem Torwart-Trainer Simon Henzler kommunizieren. Beide sitzen ja direkt neben Domenico. Ein Headset ist übrigens nicht zwingend erforderlich, es geht auch über einen kleinen Empfänger im Ohr, der nicht ganz so auffällig ist.

Hast du schon ein Gefühl dafür, wie häufig das neue technische Hilfsmittel während der 90 Minuten eingesetzt werden wird?
Ich finde, es sollte eher spärlich genutzt werden. Ansonsten sehe ich auch die Gefahr, dass die Kommunikation eher ablenkt. Die kommenden Wochen und Monate werden zeigen, wie es wird.

Mittlerweile gehört es auch zum Standard, dass jede Trainingseinheit gefilmt wird.
Genau, das macht Mirco Schüller. Ich bin während des Trainings meistens im Büro und nutze die Zeit und auch die Ruhe für die Vorbereitung auf den kommenden Gegner. Ich schaue mir jede unserer Trainingseinheiten aber im Nachhinein noch einmal an.

Hast du für die Torhüter im Vorfeld wertvolle Tipps über die gegnerischen Elfmeterschützen?
Auch da sind wir gut vorbereitet. Allerdings möchte ich hier explizit Mirco Schüller und Simon Henzler nennen. Beide sind bei den Schützen der anderen Clubs bestens im Bilde und geben dieses Wissen an Ralf Fährmann, Alexander Nübel und Michael Langer weiter.

Wie sieht die Ausbildung für deinen Job aus? Gibt es einen speziellen Studiengang für Spielanalysten?
Als ich angefangen habe, gab es das nicht. Seit wenigen Jahren wird in England aber ein Master-Studiengang angeboten, in Köln gibt es das mittlerweile ebenfalls. Ich bin in den Job eher reingerutscht, wenn man das so sagen kann. Fußball war schon immer meine große Leidenschaft. Mich haben schon immer gerade die Dinge rund um ein Spiel interessiert.

Und dann hast du dir als Ziel gesetzt, Spielanalyst zu werden?
Ganz so war es nicht. Ich habe Sportmanagement in Heidelberg studiert. Im Zuge des Master-Studiengangs musste ich ein Praxissemester mit Sportbezug absolvieren. Mein Dozent war damit einverstanden, dass ich dieses in der Analyse beim 1. FC Köln mache. Wenig später ergab sich für mich die Möglichkeit, zum FC Augsburg zu gehen. Diese Chance habe ich ergriffen und war damit mittendrin!

Dein Arbeitstag besteht zu 100 Prozent aus Fußball. Hast du nach Feierabend eigentlich noch Lust, privat ein Spiel zu schauen?
Ja, aber ungern allein. Ich gucke gerne gemeinsam mit Freunden. Fußballspiele sind immer ein netter Anlass, um sich zu treffen.

Erwischst du dich manchmal dabei, in der Runde mit Freunden vor dem TV analytisch zu denken?
Nein, mir geht es dann tatsächlich um die Zeit mit meinen Freunden und nicht um das Stellungsspiel der Dreier- oder Viererkette von Mannschaft A oder Team B. Da stehen ganz klar der Spaßfaktor und die Geselligkeit im Vordergrund.

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