Das Spiel meines Lebens: Kobiashvilis Sternstunde in der Königsklasse

233 Pflichtspiele absolvierte Levan Kobiashvili für den FC Schalke 04 – zwei davon sind vielen Fans der Königsblauen besonders in Erinnerung geblieben. In unserer neuen Interview-Reihe „Das Spiel meines Lebens“ blickt der Georgier auf seinen unvergesslichen Auftritt gegen die PSV Eindhoven zurück. Zudem spricht er über einen der denkwürdigsten Momente seit Bestehen der VELTINS-Arena, für den er mit einem fulminanten Schuss gesorgt hat.

Levan Kobiashvili

Levan, am 23. November 2005 haben wir gegen die PSV Eindhoven in der Champions League mit 3:0 gewonnen. Dreifacher Torschütze: Levan Kobiashvili. Wie sind deine Erinnerungen an diese Partie?
Es war ein sehr besonderes Spiel. Ich habe nicht mal drei Tore in einer Trainingseinheit erzielt, aber dafür dann in einem Champions-League-Spiel (lacht). Ich kann mich noch sehr gut an die Partie erinnern und weiß auch noch, wie die Tore gefallen sind. Es waren zwar zwei Elfmeter dabei, aber es ist in so einem wichtigen Spiel nicht einfach, an den Elfmeterpunkt zu gehen und sicher zu verwandeln. Ich hatte mich an diesem Tag gut gefühlt und das Vertrauen der Mannschaft und des Trainerteams gespürt. Wir haben ein sehr gutes Spiel absolviert und auch insgesamt – trotz des „Abstiegs“ in den UEFA-Cup – eine sehr gute Gruppenphase gespielt.

Wie kam es dazu, dass du zu unserem Elfmeterschützen wurdest?
Wir hatten sehr viele gute Spieler in der Mannschaft, die allesamt exzellente Elfmeterschützen waren. Ich hatte zuvor bereits den einen oder anderen Strafstoß geschossen und verwandelt. Ralf Rangnick, unser Trainer, hatte vorher mit uns besprochen, wer zum Elfmeterpunkt gehen würde. Zum Glück habe ich beide Male die Chance genutzt und verwandelt.

Levan Kobiashvili

Sind dir sonst noch mal drei Tore in einem Spiel gelungen?
Nein, ich habe meistens in der Defensive gespielt, entweder als Linksverteidiger, im defensiven Mittelfeld und ab und zu vielleicht mal etwas offensiver als Achter. Tore zu schießen war nicht unbedingt eine meiner Stärken.

Du bist in der 89. Minute unter großem Beifall ausgewechselt worden.
Es sind alle Schalke-Fans im Stadion aufgestanden und haben geklatscht, das war ein ganz besonderer Moment für mich – nicht nur in meiner Karriere, sondern in meinem ganzen Leben.

Es sind alle Schalke-Fans im Stadion aufgestanden und haben geklatscht, das war ein ganz besonderer Moment für mich.

Levan Kobiashvili

War dieses Spiel gegen Eindhoven dein bestes Spiel für Schalke?
Wenn man nach so vielen Jahren auf ein Spiel schaut und sieht, dass ein Spieler drei Tore in einer Partie gemacht hat, wird schnell gesagt, dass er der beste Spieler auf dem Platz war. Aber auch meine Mannschaftskollegen habe eine tolle Leistung abgerufen. Insgesamt hatten wir ein sehr starkes Team. Während meiner Zeit auf Schalke gab es auf jeden Fall Partien, in denen ich spielerisch besser war als an diesem Tag.

Das Achtelfinale haben wir trotz dieses Sieges aufgrund der 2:3-Niederlage in Mailand verpasst. Wie sind deine Erinnerungen an das Europapokaljahr 2005/2006?
Ich würde sagen, dass dies das beste Europapokaljahr während meiner Zeit auf Schalke gewesen ist. Es war sehr bitter, dass wir in der Champions League nicht eine Runde weitergekommen sind. Am letzten Spieltag in Mailand hat nur ein Tor gefehlt. Entscheidender war aber die unglückliche 0:1-Niederlage zum Auftakt in Eindhoven. Für viele Spieler – auch für mich – war es das erste Spiel in der Königsklasse. Man hat gesehen, dass uns dort ein wenig die Erfahrung gefehlt hat.

Nach der Champions League ging es im UEFA-Cup weiter.
Dort sind wir souverän bis ins Halbfinale gekommen. In diesem Wettbewerb waren der FC Sevilla und wir die besten Mannschaften – das wäre das verdiente Endspiel gewesen. Zu Hause haben wir gegen Sevilla gut gespielt, leider hat Mladen Krstajic die Rote Karte gesehen, sodass wir am Ende nicht mehr den Druck aufbauen konnten, die Partie zu gewinnen. Auch das Rückspiel war speziell – ein tolles Stadion, ausverkauftes Haus. Leider haben wir in der Verlängerung den Gegentreffer kassiert und sind ausgeschieden.

Levan Kobiashvili

Rund ein Jahr später, am 5. November 2006, hast du für einen der größten Gänsehaut-Momente seit Bestehen der VELTINS-Arena gesorgt. Die Fans hatten 19 Minuten und 04 Sekunden geschwiegen – und nur Sekunden nach Ablauf dieses Boykotts hast du getroffen.
Wenn ich mir diesen Treffer anschaue, bekomme ich auch heute noch Gänsehaut. In den Tagen zuvor war Unruhe im Verein, wir haben nicht gut gespielt und schlechte Ergebnisse eingefahren. Die Fans waren zu Recht sauer. Vor diesem Spiel gegen Bayern München gab es die eine oder andere Änderung, Manuel Neuer ist beispielsweise ins Tor gerückt. Es war eine große Anspannung zu spüren. Gegen die Bayern haben wir dann sehr stark angefangen, Peter Lövenkrands hat nach toller Kombination das 1:0 erzielt. Kurz darauf kam mein Tor. Zum ersten Mal habe ich diese enorme Lautstärke in diesem fantastischen Stadion bewusst wahrgenommen. Normalerweise bist du als Spieler voll auf das fokussiert, was auf dem Platz geschieht. So laut wie in diesem Moment habe ich es nie erlebt.

Beschreibe die Szene zum Tor für uns noch einmal.
Die Zuschauer haben angefangen zu klatschen. Dann habe ich den Ball bekommen und einfach draufgeschossen. Es war etwas ungewöhnlich für mich, von außerhalb des Sechzehners abzuziehen, ich habe eher den Kombinationsfußball gesucht. Durch die Lautstärke der Zuschauer beim Klatschen habe ich Gänsehaut bekommen, der Ball kam zu mir und ich habe das Tor erzielt. Ein wahnsinnig emotionaler Moment.

Durch die Lautstärke der Zuschauer beim Klatschen habe ich Gänsehaut bekommen, der Ball kam zu mir und ich habe das Tor erzielt. Ein wahnsinnig emotionaler Moment.

Levan Kobiashvili

Du bist nach deinem Wechsel von Freiburg zu Schalke im Sommer 2003 schnell einer der Fan-Lieblinge geworden. Was glaubst du, warum dich die Fans so schnell ins Herz geschlossen haben?
Ich war nie jemand, dem es wichtig war, in der ersten Reihe zu stehen. Vielleicht war ich nicht unbedingt der beste Spieler, aber ich war ein sehr guter Mannschaftsspieler. Ich konnte mit meinen ganz eigenen Qualitäten zum Erfolg des Teams beitragen. Ich habe meine Arbeit für Verein und Mannschaft verrichtet. Das haben die Fans erkannt und mich daher so geschätzt.

2005 und 2007 waren die Chancen da, um Deutscher Meister zu werden. Trauerst du diesen vergebenen Gelegenheiten heute noch hinterher?
Es war mein großer Traum, Deutscher Meister zu werden. Wir haben vor allem in der Saison 2006/2007 eine sehr gute Chance gehabt, diesen Traum zu realisieren. Nach dem 1:0-Sieg gegen Stuttgart hatten wir einen komfortablen Vorsprung, vielleicht hat der eine oder andere bereits gedacht, dass wir schon durch sind. Dann kamen die beiden Auswärtsspiele in Bochum und Dortmund. Ich war sechseinhalb Jahre auf Schalke und in dieser Zeit haben wir dort sonst nie verloren – ausgerechnet in dieser Saison dann aber beide Auswärtspartien. Das waren sehr bittere Tage und es ist bis heute sehr schmerzhaft.

Du hast 351 Bundesligaspiele absolviert, einzig Claudio Pizarro und Naldo können als Legionäre mehr Partien vorweisen. Wie stolz bist du auf diese Zahl?
Ich freue mich darüber. Es ist schön, auf die Zeit damals zurückzuschauen – denn es war eine sehr tolle Zeit. Schalke ist etwas ganz Besonderes. Als Sportler, aber vor allem auch als Mensch habe ich sehr viel gelernt. Die Fans sind einzigartig. Auch wenn wir auswärts gespielt haben, hat es sich für uns wie ein Heimspiel angefühlt. Insgesamt bin ich mit dem Verlauf meiner Karriere sehr glücklich.

Levan Kobiashvili

Du bist mittlerweile Präsident des georgischen Fußballverbandes und Mitglied des georgischen Parlaments. Wie kam es dazu, dass du in der Sportpolitik eine solch bedeutende Rolle einnehmen wolltest?
Als ich 2015 nach Georgien zurückgekehrt bin, wollte ich meine Erfahrung, die ich in Deutschland gesammelt habe, einbringen, um hier etwas aufzubauen. Denn der georgische Fußball hat eine schwierige Zeit hinter sich. Es war mir bewusst, dass es eine große Herausforderung sein wird. Die Arbeit ist sehr stressig, aber sie macht auch sehr viel Spaß. Gleichzeitig kam die Chance, in der Politik Fuß zu fassen. Wir bauen ein neues Stadion, eine neue Akademie, neue Fußballplätze – da benötigt man die Unterstützung der Regierung.

Georgien hat die Chance, sich mit Siegen gegen Weißrussland und den Gewinner der Partie Nordmazedonien gegen Kosovo für die EM zu qualifizieren. Was würde dieser Erfolg für das Land bedeuten?
Seitdem feststeht, dass wir im Halbfinale der Playoffs stehen, wartet das ganze Land auf dieses Spiel. Wir haben eine gute Chance, diesen Traum, bei einer EM dabei zu sein, zu realisieren. Für ganz Georgien wird es eine besondere Partie sein.

Wir haben eine gute Chance, diesen Traum, bei einer EM dabei zu sein, zu realisieren. Für ganz Georgien wird es eine besondere Partie sein.

Levan Kobiashvili

Welche Entwicklung siehst du allgemein im georgischen Fußball?
Wir haben gute Nachwuchsmannschaften und dadurch schaffen es viele junge Spieler in die Nationalmannschaft. Zudem haben wir Akademien gebaut, in denen die Spieler sich entwickeln können. Das Team ist generell jünger geworden. Ganz wichtig ist, dass rund 90 Prozent der Spieler im Ausland spielen – größtenteils in West- oder Mitteleuropa. Sie spielen zwar nicht in den absoluten Top-Ligen, aber in Österreich, der Schweiz, Niederlande oder Belgien. Dort machen sie weitere Schritte nach vorne.

Kommen wir zurück zu Schalke: Du warst sechseinhalb Jahre ein Königsblauer. Wie groß ist die Verbundenheit heute noch?
Es ist sehr schön, dass ehemalige Spieler immer wieder vom Verein eingeladen werden. Ich verfolge jede Partie des S04. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Mannschaft wieder weiter nach oben kommen wird. Ich drücke dafür fest die Daumen.

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