Ralf Fährmann: Jedes Spiel für diesen geilen Club ist ein Geschenk

Gegen 1899 Hoffenheim bestritt Ralf Fährmann am Samstag (17.2.) sein 150. Bundesligaspiel im königsblauen Trikot. Grund genug für schalke04.de, in einem ausführlichen Interview mit dem Schlussmann auf dessen bisherige Laufbahn zurückzublicken. Dabei entwickelte sich ein interessantes Gespräch über erfüllte Träume, große Rückschläge, schlaflose Nächte und blau-weiße Wünsche.

Ralf, lebst du deinen persönlichen Traum, den du als 14-Jähriger bei deinem Wechsel in die Knappenschmiede hattest?
Definitiv! Als ich mich als Jugendlicher für den Schritt aus Chemnitz nach Gelsenkirchen entschieden habe, war es mein großes Ziel, einmal ein Spiel in der VELTINS-Arena zu bestreiten. Mich macht es wahnsinnig stolz, dass ich mittlerweile seit mehreren Jahren das Tor dieses geilen Clubs hüten darf. Ganz ehrlich, manchmal muss ich mich noch kneifen, um all das zu begreifen. Wenn ich fit bleibe, werde ich in wenigen Wochen auch mein 100. Bundesligaspiel am Stück bestreiten. Das wäre eine weitere großartige Marke.

Kannst du dich noch an dein erstes Bundesligaspiel erinnern?
Es gibt einige Spiele, an die wird man sich sein Leben lang erinnern. Dazu zählt natürlich das Bundesligadebüt. Aber auch unabhängig davon, dass es meine Premiere war, werde ich diese 90 Minuten niemals vergessen. Derby. Auswärts. Wir führen 3:0. Müssen eigentlich das vierte oder sogar fünfte Tor erzielen. Dann dreht sich das Spiel. Es gibt zwei Platzverweise gegen uns. Wir kassieren ein Abseitstor, dazu ein Handelfmeter gegen uns, der mehr als fragwürdig war. Endstand: 3:3. In dieser Partie war wirklich alles dabei.

Als 20-Jähriger bist du zu Eintracht Frankfurt gewechselt, da du auf Schalke hinter auf Manuel Neuer zu diesem Zeitpunkt nahezu keine Aussicht auf Einsätze hattest. Für die Hessen bist du 18 Mal in der Bundesliga aufgelaufen – unter anderem hast du auch einmal in der VELTINS-Arena gespielt. War es damals eigentlich komisch für dich, als Schlussmann des Gegners im königsblauen Wohnzimmer anzutreten?
Das kann ich nicht in einem Satz beantworten (denkt kurz nach). Es war eine Rückkehr zu dem Verein, wo alles begann. Zu dem Club, den ich seit Kindertagen in meinem Herzen trage. Deshalb habe ich mir bei meinem Wechsel zur Eintracht auch eine Ausstiegsklausel für den Fall, dass ich zum S04 zurückkehren kann, zusichern lassen. An dem Tag, als ich mit Frankfurt in der VELTINS-Arena gespielt habe, wäre ich am liebsten in die Heimkabine gegangen. Und vor dem Anpfiff hätte ich am liebsten die vielen bekannten Gesichter in der Nordkurve begrüßt. Das ging natürlich alles nicht.

Einige Monate später bist du ins Revier zurückgekehrt. Und dein Start war nicht gerade unspektakulär mit einem gehaltenen Elfmeter gegen Kevin Großkreutz im Finale des Supercups gegen die Schwarz-Gelben und dem anschließenden Titelgewinn!
Das Drehbuch hätte man nicht besser schreiben können! Denn die Vorbereitung auf die Saison war für mich persönlich nicht ganz einfach. Unser damaliger Trainer Ralf Rangnick hat immer gesagt, dass ich mich erst einmal beweisen und mir das Vertrauen erspielen müsse. Es stand sogar im Raum, dass noch ein weiterer Schlussmann verpflichtet werden könnte. Als Torwart benötigt man aber Sicherheit. Deshalb war ich vor dem Derby schon sehr angespannt.

Was ging dir nach dem Schlusspfiff durch den Kopf?
Ich wusste, dass Ralf Rangnick mich nicht mehr rausnehmen kann (lacht). Wir hatten gewonnen, die Fans haben mich gefeiert und Raul hat mich auf seinen Schultern durch die VELTINS-Arena getragen. Vielleicht war das alles ein bisschen viel, aber es tat unheimlich gut. Am Tag nach dem Spiel war ich mit meinem Vater und meinem Bruder bei einem Formel 1-Rennen am Nürburgring. Aber das hätten wir uns in der Nachbetrachtung auch sparen können, da wir 90 Minuten lang nur über Fußball gesprochen haben (lacht erneut).

Nach starkem Beginn in der Saison 2011/2012 stoppte dich eine Kreuzbandverletzung. Als du wieder fit warst, stand Timo Hildebrand zwischen den Pfosten. Wie schwer war die Situation damals für dich?
Die Verletzung war einer der Tiefpunkte in meiner bisherigen Laufbahn. Aber noch härter war es für mich, als ich wieder fit war. Denn plötzlich habe ich keine Rolle mehr gespielt und war nur noch die Nummer 3, Lars Unnerstall hatte nach Meinung des Trainerteams ebenfalls die Nase vorn. Meine Trainingsleistungen haben zwar gestimmt, trotzdem wurde ich nicht berücksichtigt und habe dann phasenweise in der U23 gespielt.

Und dann?
Ich habe trotz der damals scheinbar ausweglosen Situation niemals aufgegeben und immer gewusst, dass ich mir das Glück wieder erarbeiten kann! Mir hat damals die Unterstützung aus der Mannschaft sehr geholfen. In den Trainingsspielen war ich gut drauf, bei gewissen Übungen kamen Spieler auf mich zu und wollten sie unbedingt mit mir absolvieren. Von außen betrachtet sind das vielleicht Kleinigkeiten, aber mir hat das sehr gutgetan und mich bestätigt. Rückblickend hat mir diese Zeit gezeigt, dass man sich für seine harte Arbeit auch irgendwann belohnt.

Seit Ende des Jahres 2013 bist du aus dem Schalker Kasten nicht mehr wegzudenken. Sind Bundesligaspiele mittlerweile Normalität? Oder kribbelt es an jedem Spieltag aufs Neue?
Nach den vielen Partien hat sich natürlich eine gewisse Routine eingespielt. Trotzdem bin ich vor jedem Spiel angespannt und auch ein bisschen nervös. Ich finde, das braucht man aber auch. Bei vereinzelten Duellen ist es noch einmal anders. Vor einem Derby beispielsweise oder auch Europapokalspielen muss man eher etwas runterkommen, um nicht übermotiviert auf den Platz zu gehen. Dann kann der Schuss nämlich auch ganz schnell nach hinten losgehen. Ich glaube, dass ich für mich einen ganz guten Weg gefunden habe. Fakt ist: Jedes Spiel im Schalke-Trikot ist ein ganz besonderes Geschenk für mich.

Du zählst seit mehreren Spielzeiten zu den besten Torhütern der Bundesliga und hast deinem Team schon so manchen Punkt festgehalten. Gegen Bremen und in München sind dir zuletzt allerdings Fehler unterlaufen.
Mir taten die Fehler in diesen Momenten wahnsinnig leid, weil die Mannschaft in diesen beiden Spielen starke Leistungen abgerufen hat. Für einen Torwart ist es immer bitter. Wenn du als Keeper einen Ball nicht gut abwehrst und der gegnerische Stürmer zur Stelle ist, dann klingelt es. Das tut unheimlich weh. Aber ich konnte es nicht mehr ändern. Solche Situationen gibt im Leben, damit muss man umgehen.

Wie verarbeitest du solche Ereignisse?
Ich hätte an den Abenden nach den Spielen am liebsten meine gesamte Wohnung auf den Kopf gestellt, vor Wut hätte ich durch die Wände rennen können. Das Einschlafen fällt dann nicht ganz leicht. Gerade meine Frau hat ein sehr gutes Gespür in solchen Situationen und baut mich wieder auf. Wichtig ist es, das Ganze auch schnell wieder abzuhaken. Spätestens mit dem Beginn einer Trainingswoche gilt mein voller Fokus der kommenden Aufgabe.

In den sozialen Netzwerken gab es großen Zuspruch für dich, viele Fans haben dich aufgebaut und dir Mut zugesprochen. Manch ein Anhänger vergriff sich aber auch im Ton. Wie gehst du mit beleidigender Kritik um?
Ich versuche das Ganze ein bisschen zu umgehen, weil ich weiß, dass gerade nach Niederlagen viel Schwachsinn gepostet wird. Ganz verschließen kann man sich aber nicht. Ich kann Beleidigungen aber ganz gut kanalisieren und sehe ja auch, von wem etwas kommt. Wenn ein Zwölfjähriger, der vielleicht gerade ein FIFA-Spiel auf der PlayStation verloren hat und seinem Frust dann Luft macht, etwas schreibt, schmunzele ich eher darüber

Am Sonntag seid ihr in Leverkusen gefordert. In der BayArena habt ihr im Vorjahr euer bestes Auswärtsspiel gezeigt. Was erwartet euch dieses Mal?
Ein Duell auf Augenhöhe – nicht nur wegen der tabellarischen Situation. Ich glaube, man kann beide Mannschaften ganz gut miteinander vergleichen. Leverkusen hat einen neuen Trainer, wir haben einen neuen Trainer. Beide Teams haben eine sehr gute Entwicklung genommen und sich im Verlauf der vergangenen Wochen und Monate gesteigert. Unser Ziel ist es, nicht mit leeren Händen nach Gelsenkirchen zurückzukehren.

Im DFB-Pokal habt ihr – auch dank drei Zu-Null-Spielen von dir – den Sprung ins Halbfinale geschafft. Was ist für euch in diesem Wettbewerb möglich?
Ich bin wahnsinnig heiß auf das Halbfinale gegen Frankfurt. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass das eine ganz schwere Aufgabe wird. Die Eintracht ist sehr zweikampfstark, die Spieler sind bissig und gerade auswärts als Team brutal stark. Das wird über 90 oder vielleicht auch 120 Minuten ein harter Fight. Mein Ziel ist es auf jeden Fall, das Endspiel in Berlin zu erreichen. Unser Trainerteam hat uns bereits vor dem Viertelfinale gegen den VfL Wolfsburg Videos gezeigt, auf denen zu sehen war, was in Gelsenkirchen los ist, wenn Schalke den DFB-Pokal gewinnt. Danach hatten wir alle eine Gänsehaut.

Das wird unseren Fans nicht anders gehen. Alle Anhänger träumen von einem Pflichtspielabschluss in Berlin, bevor es in die Sommerpause geht. Hast du schon Urlaub gebucht?
Noch nicht!

Der Bundestrainer könnte also anrufen und dich für die Weltmeisterschaft in Russland nominieren?
Ich wäre bereit! Aber bislang gab es noch keinen Kontakt, deshalb glaube ich nicht, dass ich noch auf den WM-Zug aufspringen kann. Aber wer weiß, was noch passiert. Ich werde weiterhin in jedem Spiel alles abrufen und versuchen, meine beste Leistung zu bringen!

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