Von Zenit zum S04: Zwei Russen, viele Tore

Alexei Gasilin lacht. Gerade hat er erklärt, er habe sich neulich Spaghetti Carbonara gekocht. Die Hilfe dafür kam aus dem Netz, Rezept und Anweisungen holte er sich von der Videoplattform YouTube. „Das ist jetzt mein Spezialgericht“, sagt er grinsend. Es läuft halt für den 20-jährigen Russen. Zum Glück nicht nur in Sachen Pasta.

Gasilin ist seit Saisonbeginn in Deutschland, auf Schalke spielt er für die U23. Er ist einer von zwei Russen, die in der Knappenschmiede auf sich aufmerksam machen. Der andere ist Maximilian Pronichev im Trikot der U19. Beide hat Zenit St. Petersburg ausgeliehen, wo sie noch gemeinsam als Duo aufgelaufen sind. Der S04 und der russische Club haben in GAZPROM nicht nur denselben Hauptsponsor, sondern pflegen zudem eine sportliche Kooperation. Diese füllen die Talente gerade mit Leben: Beide sind die Top-Torschützen ihrer Teams, Pronichev traf 13-mal, Gasilin neunmal. Unter anderem netzten sie jeweils in den Derbys gegen einen Club aus der Nähe von Lüdenscheid ein.

Damit bestätigten sich die Eindrücke von Knappenschmiede-Direktor Oliver Ruhnert und seinem Scouting-Team. Pronichev kannten sie noch aus dessen Berliner Jahren, Gasilin beobachtete der S04 vergangenen Sommer bei der U19-Europameisterschaft in Griechenland. „Beide waren direkt eine Verstärkung für uns. Wir haben uns natürlich erhofft, dass es so gut läuft“, freut sich Ruhnert.

Für Pronichev war der Weg aus der russischen Metropole an der Newa eher eine Rückkehr. Der 18-Jährige stammt zwar aus Moskau und spielte in St. Petersburg, wurde aber 1997 in Berlin geboren. Sein Vater Michail spielte professionell Fußball und wechselte von Lokomotive Moskau zum Berliner FC Dynamo. In Deutschland gründete er eine Familie, sein Sohn Maximilian spielte im Nachwuchsleistungszentrum von Hertha BSC. Außerdem durchlief er sämtliche russische Junioren-Auswahlteams. Im Elternhaus und bei seinen Großeltern in Moskau sprach Pronichev Russisch, in der Schule oder auf dem Fußballfeld in Berlin aber Deutsch. Ein Aufwachsen in zwei Kulturen.

Mit 16 Jahren wechselte der technisch beschlagene Offensivgeist nach St. Petersburg, spielte dort in der U21. „Die sportlichen Perspektiven waren gut“, erklärt Pronichev. Nach einer Saison einigten sich Spieler und Club dann auf eine Ausleihe an den Deutschen A-Juniorenmeister. „Die Qualität der Ausbildung ist beim S04 sehr hoch“, sagt er. Gemeinsam mit seiner Mutter lebt er nun im Gelsenkirchener Stadtteil Buer, bastelt an seinem Fachabitur an der Gesamtschule Berger Feld und feilt in der Knappenschmiede an seinem Spiel.

Auch Gasilin wohnt in Gelsenkirchen, zwei Straßenbahnstationen vom Vereinsgelände entfernt. Auch er arbeitet an seinen Fähigkeiten, auch er ist russischer Junioren-Nationalspieler, zurzeit für die U21. Für ihn ist der Schritt in ein anderes Land jedoch ein größerer. Der kantige Angreifer wurde in St. Petersburg geboren, wuchs dort auf, spielte zeit seines Lebens für Zenit und kam auch bereits bei den Profis zum Einsatz. Jetzt hat er die Heimat verlassen. „Deutschland ist das beste Land für Fußball“, versichert er. Hier will er den nächsten Schritt gehen und sich empfehlen. Bislang scheint das zu funktionieren. Er trifft, kommt auf viele Einsatzzeiten, konnte sich direkt durchsetzen. Vielleicht liegt es in der Familie: Gasilins Vater verdient in Russland sein Geld mit Ringkämpfen, und immer wenn Alexei zu Hause ist, steigt er ebenfalls spaßeshalber in den Ring. Power und Mentalität können jedenfalls auf dem Platz nicht schaden.

Die Leihe der Talente bestätigt einen jüngeren Trend im Nachwuchsfußball: Er wird – das unterstreichen auch neue Wettbewerbe wie die UEFA Youth League – internationaler. Länderübergreifende Kooperationen spielen dabei eine wichtige Rolle, erklärt Bodo Menze. Beim S04 ist der 62-Jährige für Internationale Beziehungen verantwortlich und begleitet die Partnerschaft zwischen Schalke und Zenit seit der ersten Stunde. „Neben dem sportlichen Kontakt ist uns wichtig, dass sich die Menschen aus den beiden Ländern näherkommen und dadurch besser mit dem Leben und den Verhältnissen im anderen Land auseinandersetzen“, betont Menze. Die Kooperation birgt eben auch interkulturelle Kraft. Sportlich profitieren ohnehin beide Seiten.

So gut Gasilin sich auf dem Platz behauptet, daneben warteten mindestens ebenso große Herausforderungen auf ihn. Pronichev erklärt dies aus seiner Perspektive: „Es ist ein schwieriger Schritt, wenn man als junger Spieler allein und ohne Sprachkenntnisse in ein fremdes Land kommt und sich einleben muss. Für mich war der Wechsel nach Deutschland insofern natürlich einfach, ich spreche die Sprache und kenne die deutsche Mentalität genau wie die russische.“

Gasilin hingegen verstand erst mal nur Bahnhof. „Ich habe direkt angefangen, Deutsch zu lernen“, sagt er heute – auf Deutsch – und lächelt. Dass es trotz schwieriger Verständigung von Beginn an nie am Verständnis auf dem Rasen mangelte, adelt sicher den Spieler Gasilin. Nach ein paar Monaten fühlt er sich nun auch sicherer beim Sprechen, ansonsten greift er aufs Englische zurück oder trifft sich mit Pronichev, und zur Not ist da ja immer noch die Übersetzungs-App auf seinem Smartphone. Eine kyrillische Handytastatur als ein Stückchen Heimat. Das Internet ist ohnehin wichtiger Teil des Alltags, denn nebenbei bringt er online sein Sportstudium zu Ende, hält Kontakt zu seinen Kumpels in St. Petersburg und, wie gesagt: Für die Carbonara kann’s auch ganz nützlich sein.

Fragt man Gasilin, ob er denn ein wenig Angst gehabt hat vor dem Wechsel, allein in ein fremdes Land, zuckt er nur mit den Schultern, lächelt und antwortet so ruhig und geradlinig wie er spielt: „Ich bin Fußballer, das ist mein Beruf. Also alles kein Problem.“ Sollte die Wahrheit tatsächlich auf dem Platz liegen, kann man ihm das getrost abnehmen.

Info

Auch bei den Kleinsten kooperieren Zenit und der S04. Zwei elfjährige Jugendspieler des russischen Clubs besuchten für mehrere Tage die Knappenschmiede gemeinsam mit ihren Trainern. Schalkes U11-Coach Frank Naß sowie seine Spieler David Degengard und Max Grüger machten sich Ende März auf zum Gegenbesuch in St. Petersburg, nahmen Stadt und Akademie unter die Lupe und trainierten mit ihren russischen Altersgenossen.

Außerdem treffen sich die U13-Teams beider Vereine regelmäßig bei „Football for Friendship“, einem von Hauptsponsor GAZPROM initiierten internationalen Jugendsozialprojekt. Dabei kommen Hunderte Kicker von Clubs aus inzwischen 32 verschiedenen Ländern und Kulturen am Wochenende des Champions-League-Endspiels zusammen, bestreiten ein Turnier, lernen sich kennen und beschäftigen sich in Workshops mit wichtigen Werten und Themen wie Freundschaft, Gleichheit, Gerechtigkeit, Gesundheit, Frieden, Treue, Sieg, Tradition und Ehre. Als krönenden Abschluss besuchen die jungen Fußballer alle gemeinsam das Finale der Champions League live im Stadion.

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