Kartenspielerin: Jasmina von Gratowski-Günoglu

Fußball ist in erster Linie Sport, Spaß und ein guter Weg, sich auszupowern. Doch Kicken hat auch eine pädagogische Ebene. Etwas, von dem Jasmina von Gratowski-Günoglu viel versteht. Die Trainerin der königsblauen U8 hat auf ihrem bisherigen Weg schon eine Menge Eindrücke gesammelt. Mit dem Schalker Kreisel hat sie unter anderem über ihre Tätigkeit auf Schalke, die Erlebnisse als Schiedsrichterin und ihren sportlichen Werdegang gesprochen.

Die fortwährende Pandemie hält die Welt weiter im Griff. Auf die Kinder hat Corona aber besondere Auswirkungen. Statt Umgang mit Gleichaltrigen, Schulbesuch oder gemeinsamem Sport heißt es in den vergangenen Monaten: Distanz und Daheimbleiben. Auch die U8 des FC Schalke 04 traf sich bis vor kurzem ausschließlich virtuell. Über Quizaufgaben oder Fitnessübungen versuchten die Trainer, zumindest einen Hauch von Teamgeist zu vermitteln. Seit kurzem trainieren die jüngsten Knappen aber wieder gemeinsam auf dem Platz. Natürlich unter Einhaltung der geltenden Hygienebestimmungen.

Keine leichte Zeit, auch für Jasmina von Gratowski-Günoglu. Beim Betreten des Kunstrasens entfährt ihr ein leises Seufzen: „Was für ein schönes Gefühl.“ Eins, das sie in ihrer Zeit auf Schalke noch nicht allzu oft genießen durfte. Seit dem vergangenen Sommer coacht die 28-Jährige den jüngsten Knappenschmiede Jahrgang, jedoch von November bis Anfang März ausschließlich digital. Dabei hat sie viel in petto, was sie den Kids nur zu gerne mit auf den sportlichen und persönlichen Weg geben würde.

Allein den Fußball kennt sie aus nahezu allen Perspektiven. 1992 kommt die U8-Trainerin in Dortmund zur Welt – und geht auf der Wiese hinter dem Haus ihre ersten sportlichen Schritte. „Wie das eben in den Neunzigern so war, habe ich mit den Nachbarskindern dort häufig Fußball gespielt“, erinnert sie sich. Auch während der Schulpausen bestimmt die Kugel das Geschehen. Als Mädchen ist sie dort eher eine Seltenheit. „Trotzdem habe ich mich absolut wohlgefühlt, auch wenn man in dem Alter noch nicht alles so richtig versteht. Ich hatte erstaunlich oft den Einwurf, auch wenn ich als Letzte am Ball war. Die großen Jungs waren immer nett zu mir.“

Den Schritt in einen Fußballverein wagt das Talent aber vergleichsweise spät, erst mit 14 Jahren tritt sie dem Hombrucher SV bei und wechselt später zur SG Lütgendortmund. Andere Sportarten rücken in ihr Blickfeld, sie versucht sich auch im Judo, Turnen und der Leichtathletik. Letzterer bleibt sie parallel zum Fußball treu, bis sie sich 2008 nur noch dem Ballspiel widmet. Denn die Perspektive der Defensivspielerin reicht ihr nicht mehr, sie möchte Schiedsrichterin werden.

Ich fand die Arbeit als Unparteiische total spannend und wollte einfach eine neue Perspektive gewinnen.

Jasmina von Gratowski-Günoglu

Nicht bloß bolzen, auch pfeifen? Das reizt die junge Dortmunderin kurz vor der Volljährigkeit. „Ich fand die Arbeit als Unparteiische total spannend und wollte einfach eine neue Perspektive gewinnen“, verrät sie. „Über einen Lehrgang bin ich dann reingerutscht, und es entwickelte sich zu einem immer größeren Hobby.“ Für die Leichtathletik bleibt da keine Zeit mehr, selbst mit eigenen Fußballspielen wird es bei den Überschneidungen immer schwieriger. Schließlich hängt sie 2010 das Trikot in den Schrank und konzentriert sich ganz aufs Pfeifen. „Ich würde gerne noch spielen, aber nach einigen Jahren machen die Knochen das nicht mehr mit“, hat die U8-Trainerin gemerkt und muss lachen. „Außerdem ist die Zeit ein immenser Faktor – ich möchte keine halben Sachen machen.“

Zumal sich von Gratowski-Günoglu im neuen Tätigkeitsfeld beachtlich schlägt. Im Dortmunder Fußballkreis steigert sie sich stetig, arbeitet sich bei den Herren bis zur Linienrichterin in der Oberliga hoch. „Mein erstes Spiel dort war ein Highlight. 2015 durfte ich im Duell zwischen Siegen und Lippstadt assistieren, in diesem großen Stadion, vor so vielen Zuschauern und einer Menge Bengalos bei Anpfiff. Zum Glück hat sich in den ersten Minuten das Spielgeschehen auf die andere Seite verlagert.“

Darüber hinaus leitet sie Partien in der Herren-Landesliga – und weiß sich dort schnell durchzusetzen. Im Frauenbereich schafft sie es als Assistentin sogar in die Zweite Bundesliga und in die Juniorinnen-Bundesliga. Aufgrund der besseren Perspektiven wechselt sie den Fußballkreis, pfeift statt für den TSC Eintracht Dortmund nun im Kreis Herne für den FC Frohlinde, ehe sie auch als Unparteiische 2019 einen Schlussstrich zieht. „Die Leidenschaft war einfach nicht mehr so gegeben, dabei ist sie das A und O“, begründet die 28-Jährige. „Sonst wird man den Spielern und dem Spiel nicht gerecht.“

Das Ende als Schiedsrichterin bedeutet jedoch keine Abkehr vom Fußball. Denn von Gratowski-Günoglu ist umtriebig – und hat sich nach ihrer aktiven Spielerzeit neben der Arbeit als Referee eine weitere Perspektive eröffnet: als Trainerin. Erst coacht sie die Minikicker des TuS Kruckel, dann betreut sie über sieben Jahre lang den Nachwuchs zwischen sieben und zwölf Jahren beim TSC Eintracht. Auch 2019, als der TSC im November zu Gast auf Schalke ist – und mit 4:7 verliert. „Ich war eher damit beschäftigt, dass die Kids in der Eiseskälte schnell ihre Jacken anziehen“, resümiert die Trainerin und lacht erneut. „Aber natürlich habe ich auch entsprechend mitgefiebert.“

Und sie lernt Sam Farokhi kennen, der sich beim S04 um den Grundlagenbereich der Knappenschmiede kümmert. Einige Zeit später klingelt ihr Handy, Anruf von Sam. „Ich dachte erst, dass es um einen gescouteten Spieler geht“, gesteht von Gratowski-Günoglu. Doch Inhalt des Telefonats ist der Eindruck, den sie auf Schalke hinterlassen hat. Im Sommer 2020 komplettiert sie als Co-Trainerin das Funktionsteam der königsblauen U8. „Allzu viel habe ich wohl nicht verkehrt gemacht.“

In der U8 lernt man Kids kennen, die schon enorm viel können, die richtig gute Sportler sind.

Jasmina von Gratowski-Günoglu

Ein spannendes Feld für die Trainerin – wäre die aktuelle Situation nicht derart eingeschränkt. Das typische Bild einer wuseligen Horde Kinder auf dem Feld kann sie anhand ihrer bisherigen Erfahrungen aber getrost korrigieren: „In der U8 lernt man Kids kennen, die schon enorm viel können, die richtig gute Sportler sind. Und sie träumen davon, einmal Profi zu werden.“ Ehrgeiz und Lernfähigkeit spielen in diesem Bereich schon eine große Rolle. „Man zeigt ihnen einen Trick, und nach zwei, drei Versuchen beherrschen sie ihn. Die Entwicklung ist wirklich beeindruckend.“

Bislang hat sich die Arbeit der Dortmunderin auf das Alter zwischen sieben und zwölf Jahren beschränkt. Für ältere Jahrgänge – und somit neue Erfahrungen – ist sie aufgeschlossen: „Jede Altersklasse hat ihre Besonderheiten und Herausforderungen“, beschreibt von Gratowski-Günoglu. „In der U8 sind kleinere Kinder, mit denen die Arbeit schön ist, aber auch anstrengend sein kann. In der U15 hat man andere Baustellen.“

Wenn die 28-Jährige über die pädagogischen Aspekte ihrer Arbeit spricht, merkt man schnell: Sie hat Ahnung von der Materie. Das zeigt auch ihr Lehramtsstudium fürs Berufskolleg, das sie an der TU Dortmund absolviert. Schwerpunkte: Sport und eine sonderpädagogische Fachrichtung für Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen. Den Bachelor in Sportwissenschaften hat sie bereits in der Tasche, im April lässt sie sich in den Master umschreiben. „Und irgendwann ist diese Arbeit hoffentlich mein Beruf“, sagt die Fußball-Allrounderin.

Ein gewichtiger Aspekt hierfür ist, wie in vielen anderen Bereichen: Praxis statt trockener Theorie. „Durch die vielen Erfahrungen, die ich bislang sammeln durfte, habe ich gemerkt, dass es nicht verkehrt ist, wenn man weiß, wie das Leben verlaufen sollte.“ Auch hierfür hat sie ein Beispiel in der täglichen Trainingsarbeit parat: „Als Trainer schauen die Kinder zu einem auf. Wenn bei den Älteren irgendwann der natürliche Zeitpunkt kommt, an dem man ein wenig gegen Mama und Papa rebelliert, ist es wichtig, als Bezugsperson intervenieren zu können.“

Neben der eigenen Lebenserfahrung bringt Jasmina von Gratowski-Günoglu vor allem eins mit: Spaß an der Arbeit mit dem königsblauen Nachwuchs. „In all den Jahren habe ich die Entwicklung der Nachwuchsleistungszentren verfolgt, die Knappenschmiede hat vieles richtig gemacht.“ Nun hofft sie, möglichst bald selbst wieder aktiv mithelfen zu dürfen. Auf dem Platz, mit dem Ball – und einer Menge Kids, denen sie in vielerlei Hinsicht wertvolle Dinge mit auf den Weg geben kann.

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