Sportpsychologen-Duo im königsblauen Nachwuchs: Man kann Erfolg unterschiedlich definieren

Die sportliche Leistungsfähigkeit wird allseits mit körperlichen Grundvoraussetzungen assoziiert. Ein wesentlicher Aspekt ist aber die mentale Verfassung: Sie trägt maßgeblich zur Performance bei – auch im Nachwuchs. Zwei, die sich damit bestens auskennen, sind Dr. Theresa Holst und Dr. Tobias Hesselmann. Die 39-Jährige promovierte an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitet seit 2013 auf Schalke, 2014 folgte ihr der heute 36-Jährige von der RUB in die Knappenschmiede. Im Interview spricht das Duo über den Arbeitsalltag, Leistungsdruck und Schattenseiten des Erfolgs.

Wie muss man sich euren Arbeitsalltag als Sportpsychologen vorstellen?
Holst: Den klassischen Tag gibt es nicht, und vor Corona sah die Arbeit ohnehin noch ein wenig anders aus. Da bestand der Vormittag zu größten Teilen aus dem Training der U23 und externen Terminen, beispielsweise an der Gesamtschule Berger Feld, der Universität oder mit anderen externen Partnern. Wenn wir nicht unterwegs sind, tauschen wir uns untereinander aus, erledigen Büroaufgaben und bereiten Teameinheiten vor und nach. Am Nachmittag besuchen wir das Training und führen Trainer- und Spielergespräche.

Seid ihr bei allen Einheiten der Knappenschmiede anwesend?
Holst: Es startet für uns mit den Trainingseinheiten der U23 am Morgen und dem Schultraining am Vormittag, nachmittags finden dann die Einheiten der Knappenschmiede-Jahrgänge statt.

Wie würdet ihr eure Aufgabe beim Training umreißen?
Hesselmann: Wir stehen schrecklich viel rum! (lacht) Im Ernst, zu Beginn meiner Zeit auf Schalke war das eher ungewohnt, weil es sich nach 15 Uhr nicht mehr wie ein Arbeitstag angefühlt hat. Aber der Austausch mit Trainern und Spielern am Platz ist ein elementarer Teil unseres Jobs. Wir erkundigen uns, wie das Wochenende gelaufen ist und halten den klassischen Smalltalk an den Kabinen. Daraus ergeben sich für uns Themenpunkte, und die Spieler haben die Möglichkeit, Dinge anzusprechen, die sie aktuell beschäftigen.
Holst: Aus Erfahrung wissen wir, dass Terminabsprachen eher eine Hemmschwelle sein können. Da ist es für manchen einfacher, spontan mit uns beim Training zu quatschen.

Direkt gefragt: Wie oft klopft es an eurer Bürotür, weil jemand um ein Gespräch bittet?
Holst: Schwer zu sagen. Praktischerweise sitzen wir im ersten Büro auf dem Flur, speziell montags kommt also jeder Trainer daran vorbei und schaut für ein paar Minuten bei uns rein. Allgemein erlebe ich den Bedarf aber wellenförmig. Im November, wenn die dunkle Jahreszeit anbricht, führen wir gefühlt häufiger Gespräche.
Hesselmann: Auch kurz vor dem Saisonauftakt ist die Zahl der Termine höher. Das liegt aber auch an der frisch abgeschlossenen Diagnostik und den Feedback-Gesprächen.

Wie viele Spieler kommen pro Saison proaktiv auf euch zu?
Hesselmann: Im Schnitt sind es vier, fünf Spieler pro Jahrgang. Hier vielleicht nur drei, dort dafür sieben, das variiert auch je nach Trainer und Altersstufe.
Holst: In der U23 und der U19 merkt man, dass die Bereitschaft höher ist, proaktiv auf uns zuzukommen, weil die Spieler sich in diesem Alter noch einmal verbessern möchten und verstehen, dass unsere Arbeit leistungssteigernd wirken kann. Bis zur U14 treffen wir die Spieler meist nur in den Mannschaftseinheiten, erst danach geht es individuell los. Ab der U15 setzt die Professionalisierung spürbar ein, und die Spieler sind von der persönlichen Entwicklung her eher bereit, eigenständig Angebote zu nutzen.

Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit mit Jugendlichen von der mit Erwachsenen?
Hesselmann: Immens, auch innerhalb der unterschiedlichen Altersklassen der Heranwachsenden. Speziell am Anfang geht es ums Lernen, um die Konzentration, um Emotionen und wie man sie einordnet und kanalisiert. Hierfür braucht es eine ganz andere Sprache als mit einem U19-Akteur. Die Themen verändern sich in der Entwicklung. In der U19 liegt der Fokus darauf, den entscheidenden Sprung zu schaffen, in der U16 legen wir indes die Grundlagen und arbeiten Verbesserungspotenziale heraus. Und in der U23 spielen auch weiterführende Gedanken über die sportliche Karriere hinaus eine Rolle. Alles in allem ist unsere Arbeit sehr komplex, anspruchsvoll und abwechslungsreich – und das macht es so interessant!

Druck an sich ist auch nichts Schlimmes, er kann durchaus leistungsfördernd sein.

Dr. Theresa Holst

Wie stark ist das Thema Druck in jungen Jahren bereits präsent?
Hesselmann: Im Grundlagenbereich hat der Verein erfolgreich gegengesteuert: Da wird der Fokus nun noch stärker auf den Spaß in den Gruppen mit weniger Professionalität und ohne Auswahlprozess gelegt. Dieser folgt erst ab der U11, bis dahin hält sich der Druck also glücklicherweise in Grenzen. Aber: Das S04-Logo sorgt bereits für einen gewissen Druck, der nicht jeden Spieler automatisch besser macht. Wenn ein Jugendlicher bislang für einen Amateurclub gekickt hat, war das für seine Mitschüler und auch für die Familie sicher weniger spannend, als wenn er plötzlich für den FC Schalke 04 aufläuft. Damit steigt der Druck bereits, weil sich der Stellenwert verändert.
Holst: Das erkennt man manchmal daran, wenn Spieler in anderen Clubs plötzlich wieder wie befreit aufspielen, nachdem sie hier nicht wirklich ihre Stärken ausspielen konnten. Aber eins ist auch klar: Wir beide können den Druck nicht verschwinden lassen, sondern nur helfen, besser damit umzugehen. Ich finde, Druck an sich ist auch nichts Schlimmes, er kann durchaus leistungsfördernd sein. Deshalb ist der Begriff nicht zwingend negativ behaftet.

Was bietet ihr den Spielern, um Ängste und Sorgen zu kanalisieren?
Holst: Bereits mit dem Gespräch geben wir den Jungs bestimmte Techniken an die Hand und versuchen ihnen beizubringen, wie sich die unterschiedlichen Emotionen und der Druck anfühlen – und was das schlussendlich mit dir als Person machen kann. Es gibt diverse mentale Techniken, je nachdem, wie ein Spieler tickt, etwa Hypnose, Musik, Visualisierungs-, Achtsamkeits- und Entspannungstechniken.

Wie präsent ist die niedrige Durchlassquote aus dem Jugend- in den Profibereich für euch im Alltag?
Hesselmann: Erst dadurch entsteht der Druck, weil der Fußball eine gewisse Leistungsdichte fordert und es eben nicht jährlich 15 Spieler aus der U19 in die Bundesliga schaffen können. Das Thema ist dauerpräsent, anfangs nur im Wunsch, Profi werden zu wollen, irgendwann aber konkreter. Eventuell, wenn der Mitspieler zur Nationalmannschaft eingeladen wird, man selbst aber nicht. Da gilt es, die einsetzenden Prozesse im Kopf zu kontrollieren.

Kann es für die Entwicklung auch hinderlich sein, nach einer durchweg erfolgreichen Jugendzeit plötzlich mit der harten und ungewohnten Profi-Realität, wie etwa dem Abstieg, konfrontiert zu werden? 
Holst: Zunächst einmal ist unsere Arbeit ergebnisunabhängig, auch wenn diese natürlich im Sport eine wichtige Rolle spielen. Aber man kann Erfolg unterschiedlich definieren, sich selbst eigene Erfolgserlebnisse schaffen. Ich glaube schon, dass ein solches Szenario schwierig sein kann für ein aufstrebendes Talent. Ein noch größeres Problem besteht aber bei Nachwuchsspielern, die sehr schnell in ihrer Entwicklung sind und ohne Hindernisse und Widerstände durch die Jahrgänge kommen, die müssen wir als Verein auf andere Weise fordern.
Hesselmann:
 Es ist wichtig, dass der Spieler sich bewusst macht, dass er besser wird, weil er viel investiert und täglich hart arbeitet. Nicht etwa, weil er so talentiert und einfach ein geiler Typ ist. Begründet man seinen Erfolg mit der richtigen Investition, kann man auch mit Misserfolg leichter umgehen. Im anderen Fall haben aber auch wir verloren, weil eine solche Haltung manchmal durch Berater oder die Eltern bestärkt wird, die das große Talent offensiv kommunizieren. Da muss man als Verein entgegenwirken und eine klare Schiene fahren.

Im Idealfall machen wir uns also überflüssig, indem wir den Trainern das richtige Werkzeug an die Hand geben.

Dr. Tobias Hesselmann

Wie klappt das denn aus Vereinssicht am besten?
Hesselmann: Am effektivsten ist es, wenn man die Trainer in dieser Hinsicht entsprechend aus- und weiterbildet. Im Idealfall machen wir uns also überflüssig, indem wir den Trainern das richtige Werkzeug an die Hand geben. Dann sind wir am Ende noch da, um zwecks Leistungsoptimierung die letzten nötigen Prozentpunkte mit dem Spieler herauszukitzeln.

Was ist eurer täglichen Arbeit noch zuträglich im Umfeld eines jungen Spielers?
Holst: Wünschenswert ist ein soziales Umfeld, das den Spieler unterstützt, auffängt und auch mal erdet. Das können wir nur bedingt beeinflussen, es ist aber ein wichtiger Faktor. Studien zeigen zum Beispiel, dass selbst bei vielen Volljährigen die Eltern noch die größten Bezugspersonen sind.
Hesselmann: Ohne die Eltern läuft hier nichts. Sie leisten viel für unseren Nachwuchs. Wenn das soziale Umfeld mal nicht stimmt, muss der Spieler selbst mehr investieren. Aber auch das ist nicht in jedem Fall schlecht: Wenn ein Spieler täglich eigenständig anreisen und seine Sachen organisieren muss und trotzdem Leistung bringt, müssen wir das umso mehr wertschätzen. Solche Typen ecken im späteren Leben vielleicht hier und da mal an, aber wenn einer mit elf, zwölf Jahren schon derart eigenständig ist, ziehe ich davor meinen Hut!

Wie bewertet ihr den Leistungsdruck im Profisport im Vergleich zu anderen Berufssparten?
Holst: Da kann man vieles übertragen, denn für einige wird der Sport auf diesem Weg zum Beruf. Und auch außerhalb des Profisports muss ich im Job meine Leistung bringen. Stress, Prüfungsangst und sogar bestimmte Führungskulturen lassen sich deshalb auch gut vom Sport auf andere Bereiche übertragen.

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