Der Mann mit dem blau-weißen Anzug ist tot - S04 trauert um Rolf Nölle

Mehr als acht Jahrzehnte lang hielt Rolf Nölle dem FC Schalke 04 die Treue. Als die Knappen 1958 in Hannover nach einem 3:0-Sieg gegen den Hamburger SV zum bislang letzten Mal Deutscher Meister wurden, war der Edelfan der Mannschaft so nah wie kaum ein anderer. Am Montag (12.11.) ist er nach schwerer Krankheit im Alter von 83 Jahren verstorben.

Man könnte Rolf Nölle als ersten Ultra bezeichnen, er selbst mochte diesen Ausdruck allerdings nicht. Nölle nannte sich selbst einfach einen Vollblut-Anhänger. „Ich gehörte quasi zum Inventar“, sagte er einmal, als er mit feuchten Augen über den Triumph im Niedersachsenstadion sprach. Die Bindung zwischen Fan und Mannschaft verfestigte sich Mitte der 50er. Als Konditor hatte Rolf Nölle früh Feierabend. „Ab 1955 war ich ständig beim Training. So habe ich die Spieler alle der Reihe nach kennengelernt.“ Wenn die Mannschaft nach getaner Arbeit quer über den Platz zu „Ötte“ Tibulsky in die Vereinskneipe zum gemeinsamen Essen einkehrte, ging Nölle einfach mit.

Nölle schlug Einladung zur Meisterfeier aus

Auch beim Endspiel in Hannover war Rolf Nölle mittendrin statt nur dabei. „In der Halbzeit bin ich beim Stand von 2:0 auf den Platz gelaufen und habe zum Manfred Kreuz gesagt, er soll noch ein Tor schießen, dann sind wir Meister“, verriet er einmal. Gesagt, getan: Kreuz erzielte neun Minuten vor dem Abpfiff das erlösende 3:0.

Trainer Edi Frühwirth lud ihn noch auf dem Rasen zur Meisterfeier ein, doch Rolf Nölle, seinerzeit erst 23 Jahre alt, lehnte ab. „Ich bin mit meinen Freunden zusammen in einem der drei Sonderzüge nach Hannover gereist und wollte sie nicht im Stich lassen.“ Zusammen mit Hunderttausenden Schalkern empfing er den königsblauen Triumphzug stattdessen am nächsten Tag auf dem Gelsenkirchener Hauptbahnhof.

Zu diesem Zeitpunkt war sein Konterfei bereits in den Schaufenstern der Stadt zu begutachten. Das hatte einen Grund: Zu Beginn der Endrunde wettete er mit seinem Schwager, einem Gewandmeister am Gelsenkirchener Stadttheater, um den Finaleinzug der Königsblauen. Einsatz: zehn Kisten Bier gegen einen blau-weißen Anzug. Den Strohhut ließ sich der Schalke-Fan ebenfalls einfärben. Ein blau-weißer Regenschirm komplettierte das ungewöhnliche Outfit. Pünktlich zum Showdown gegen den HSV war das Unikat fertig. „Vor dem Endspiel habe ich die Anzugjacke mit zum Training genommen und die Jungs mit blauer Wäschetinte darauf unterschreiben lassen“, berichtete Nölle.

Anzug kann heute im Museum bewundert werden

Was Nölle damals nicht ahnte: Die Devotionalien kamen auch bei der Presse gut an. Einen Tag später war neben der Meistermannschaft auch er auf den Titelseiten der großen Tageszeitungen der Republik zu sehen. Auf seinen Schultern trug er Mittelfeldspieler Günter „Ille“ Karnhof freudetrunken über den Platz. Den Anzug zog er zwei Tage lang nicht mehr aus. Noch in Hannover wollte ihm ein Anhänger das Unikat für 800 D-Mark plus seinen eigenen Zwirn abkaufen. Für Nölle wären das beinahe drei Monatsgehälter gewesen, doch er gab ihn nicht her. Mehr als 50 Jahre später trennte er sich aber doch von einem Duplikat des Anzugs – das Original war ihm gestohlen worden –  und stiftete es dem FC Schalke 04. Mittlerweile ist das Schmuckstück im Museum in der VELTINS-Arena zu bewundern.

Auch in den Jahren danach war Nölle stets dabei. Oft saß er in jenen Jahren sogar mit auf der Trainerbank oder fuhr mit dem Mannschaftsbus zum Auswärtsspiel. Bis weit in die 70er-Jahre hielten Nölles Verbindungen in den innersten Zirkel. Und auch danach hielt er dem FC Schalke 04 gemäß seines Mottos „Blau und Weiß ein Leben lang“ die Treue. Bis zuletzt traf sich der S04-Anhänger, der selbst nie Fußball gespielt hat, wöchentlich in „Charly‘s Schalker“ auf dem Vereinsgelände zum Stammtisch: „Wir sind immer sieben, acht Mann, aber leider werden wir immer weniger“, erklärte er kurz vor seinem 80. Geburtstag. Nun fehlt auch Rolf Nölle, dem der FC Schalke 04 stets ein ehrendendes Andenken bewahren wird.

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