Eisenhart: S04-Fan mit Handicap beim Ironman auf Hawaii

Zwei Tage vor Weihnachten 1998 rutscht Stefan Palkowski auf der Arbeit aus und fällt auf die Schienen. Ein Bahnwaggon zerquetscht seinen rechten Fuß. Knapp 21 Jahre später bewältigt der 49-Jährige den Ironman auf Hawaii – mit Prothese und im selbst designten S04-Anzug.

3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer Laufen. Palkowski, den alle Welt nur „Palle“ nennt, kann es selbst kaum fassen: „Vor dem Unfall war ein Ironman für mich so weit weg wie eine Mondlandung.“ Ein bisschen Pöhlen mit Freunden, ab und zu in die Muckibude. Das muss reichen. Bis der 22. Dezember 1998 alles verändert.

Als der Patient aus der Narkose aufwacht, eröffnet ihm eine Physiotherapeutin, dass er ab sofort streng auf seine Ernährung achten oder sich sehr viel bewegen müsse, um sein Gewicht zu halten und die Stabilität zu entwickeln, die der Alltag mit einer Prothese erfordert. „Aber auf Pommes-Currywurst und Bier kann ich nicht verzichten“, gesteht er. „Blieb also nur der Sport.“

Der Gelsenkirchener ist ein pragmatischer Mensch und immer bester Laune. Nicht so in den ersten Tagen nach der Amputation: „Du bist Ende 20, stehst voll im Saft. Und plötzlich bist du behindert. Das schüttelt niemand einfach ab.“ Familie und Freunde ziehen ihn aus dem mentalen Loch – und schleppen ihn ins Parkstadion. Den Ort, wo er die schönsten Stunden seines alten Lebens verbracht hat.

Stefan Palkowski auf dem Fahrrad

„Erst Zaunkarte, später Dauerkarte, dann Vielfahrer. Das volle Programm“, erzählt Palkowski. Bei seiner Rückkehr in die geliebte Betonschüssel sieht er jedoch nicht Königsblau, sondern das Pokalhalbfinale zwischen Rot-Weiß Oberhausen und Bayern München (1:3). Noch auf Krücken begegnet er nach Abpfiff im Aufzug Aleksandar Ristic. „Junge, was hast du denn gemacht?“, fragt der RWO-Coach. Trockene Antwort: „Ausgerutscht.“

In Momenten wie diesem spüren seine Freunde, dass er sein Schicksal angenommen hat. Mit dem Unfall hadert Stefan Palkowski nur noch selten, obwohl ihn Phantomschmerzen stetig daran erinnern und er selbst es war, der die Unglücks-Lok mit den Waggons per Funkfernbedienung gesteuert hat. Er schult in der damaligen Ruhr Oel GmbH vom Chemiefacharbeiter zum Speditionskaufmann um. Und er befolgt den Rat der Expertin: Neben Tauchen und Snowboarden stellt er sich mit seiner Alltagsprothese im Fitnessstudio aufs Laufband und schafft 2008, natürlich in Gelsenkirchen, seinen ersten Marathon. Damals noch mit Schmerzen im Bein, ehe eine Spezialprothese die Probleme behebt.

Die Prothese von Stefan Palkowski

Mehr als 20-mal bewältigt der Athlet anschließend die 42,195 Kilometer (Bestzeit: 3:43 Stunden), dreht als Solofahrer auf dem Mountainbike mehrmals seine Runden beim 24-Stunden-Rennen in Duisburg und startet bei ersten Triathlon-Wettkämpfen über die Kurzdistanz, „obwohl ich wie ein nasser Sack schwimme“. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und doch bezwingt Palkowski beim „Ostsee-Man“ und im vergangenen Jahr in Roth die Königsdisziplin der Triathleten: die Langdistanz. Dafür trainiert er zehn bis zwölf Stunden pro Woche, Wechselschicht sei dank.

Vor dem mächtigen Ironman auf Hawaii hat er trotzdem gehörigen Bammel. Das Rennen gilt in der Szene als größte Herausforderung: immense Hitze und starke Winde, die nicht selten so drehen, dass sie einem auf den Wendepunktstrecken dauerhaft ins Gesicht blasen. Der deutsche Profi Patrick Lange hat 2018 bei günstigen Bedingungen als erster Athlet die Acht-Stunden-Marke unterboten. Palkowski, der einen von nur fünf Plätzen für Handicap-Starter bekommen hat, peilt eine Zeit unter 13 Stunden an – bis er Anfang September in seinem Haus das Dachfenster schließen will. Er stürzt und poltert zwölf Stufen hinunter. Dabei erleidet er nicht nur schwere Prellungen, sondern bricht sich auch den kleinen Finger der rechten Hand: Operation unumgänglich.

Stefan Palkowski beim Ironman auf Hawaii

Der Hawaii-Start sei kaum zu schaffen, prophezeien die Ärzte, weil Palkowski mit den Drähten in der Hand eigentlich weder Schwimmen noch Fahrradfahren darf. Da kennen sie seinen Kampfgeist schlecht. Selbst die Nachricht, dass er ein zweites Mal unters Messer muss, weil der Knochen nicht vernünftig zusammengewachsen ist, stoppt ihn nicht. „Ob ich jetzt operiert werde oder drei Wochen später, ist doch egal. Solange der Knochen sich nicht durch die Haut drückt, ziehe ich das durch“, erklärt Palkowski und steigt mit Freundin Susanne in den Flieger.

Im Koffer: sein blau-weißer Rennanzug. Ein 400 Euro teures Unikat, das der 49-Jährige selbst gestaltet hat. Mit viel Liebe zum Detail. Neben dem Gelsenkirchener Stadtwappen sowie den Logos von Schalke 04 und Supporters Club ziert die Brust: „Auf Kohle geboren“. Darunter stehen die Namen aller Gelsenkirchener Zechen. Auf dem Rücken lugt aus der Tasche für Sportgels der stilisierte Hals einer Bierflasche hervor: „Das konnte ich mir nicht verkneifen …“

Der Anzug trägt Palkowski auf Hawaii ins Ziel. Doch der Mann in Königsblau muss leiden. Während Jan Frodeno bei seinem dritten WM-Sieg einen neuen Streckenrekord aufstellt (7:51,13 Stunden), ist er mehr als doppelt so lange unterwegs: 15:56,37 Stunden. Beim Schwimmen nimmt er nicht die Ideallinie, um dem Gedränge zu entfliehen und seinen gebrochenen Finger zu schützen. Auf dem Rad fährt er wie befürchtet fast konstant gegen den Wind, richtig kämpfen muss er jedoch erst beim abschließenden Marathon. „Nach fünf Kilometern habe ich gemerkt, dass die Laufprothese am Knie aufscheuert“, erzählt Palkowski, der mit sich ringt: aufgeben oder durchziehen?

Stefan Plakowskis Ironman-Medaille

Der Schalker entscheidet sich dafür, so lange zu laufen wie irgendwie möglich. Er quält sich Meter für Meter durch die Lavawüste und stoppt aus Versehen auch noch seine Uhr. „Zum Glück konnte ich mithilfe der Sonne grob errechnen, dass ich bis zum Veranstaltungsende nach 17 Stunden genug Zeit habe.“ Palkowski legt Gehpausen ein. Lebensgefährtin Susanne und zwei Freunde aus Gelsenkirchen begleiten ihn auf den letzten nullvier Kilometern aus der Dunkelheit in die Stadt, lassen zur Motivation auf dem Handy das Steigerlied laufen und jubeln wie die Zuschauer im Zielbereich, als Palkowski die Worte hört, von denen jeder Triathlet träumt: „Palle, you are an Ironman!“

Ob er all die Qualen erträgt, um sich etwas zu beweisen? Weil er sich von seinem Handicap nicht unterkriegen lassen will? „Vielleicht ist da was dran“, meint Palkowski. „Sicher ist, dass ich den Sport und das Leben seit dem Unfall viel intensiver genieße.“

Schalke 04 gehört für ihn immer dazu. Den Ironman-Erfolg hat er mit seinen Freunden vom Fanclub „Letzte Reihe 3“ und vom Supporters Club während der Fahrt zum Pokalduell bei Arminia Bielefeld gebührend gefeiert. Proviant hatte er bereits bestellt: Pizza Hawaii!

Schalker Kreisel

Der Text ist ursprünglich im Schalker Kreisel #3 der aktuellen Saison erschienen.

Offizielles Vereinsmagazin

Die mehr als 155.000 Mitglieder des S04 erhalten das offizielle Vereinsmagazin zehnmal pro Saison – direkt in ihre Briefkästen und in der offiziellen Schalker Kreisel App oder exklusiv in der digitalen Variante, damit Fans es jederzeit auf dem Smartphone oder Tablet lesen können.

Jetzt Mitglied werden

Tags

Seite teilen

Das könnte dich auch interessieren

Schalke-Logo

Fehler im Umgang mit Ticketrückerstattungen

Der FC Schalke 04 hat sich im Umgang mit den Ticketrückerstattungen für die Geisterspiele in der Fußball-Bundesliga am „Gesetz zur Abmilderung der Folgen der COVID-19-Pandemie im Veranstaltungsvertragsrecht“ orientiert und seinen Anhängern unter anderem Gutscheine angeboten. Dabei sieht das Gesetz ebenso eine sogenannte „Härtefallregelung“ vor für Fans, für die eine Rückzahlung nach dem 31. Dezember 2021 unzumutbar ist und verlangt Gründe dafür.

DFB-Pokalsieg 1972

Königsblaue Geschichte(n): Helden für einen Sommer

Viele Fans sehen sie bis heute als die beste Schalker Mannschaft aller Zeiten: Norbert Nigbur im Tor, davor Jürgen Sobieray, Rolf Rüssmann, Klaus Fichtel und Helmut Kremers, im Mittelfeld Herbert Lütkebohmert, Heinz van Haaren und Klaus Scheer, zudem in der Angriffsreihe Stan Libuda, Klaus Fischer und Erwin Kremers. Dieses Team, trainiert von Ivica Horvat, wurde in der Saison 1971/1972 Deutscher Vizemeister und gewann den DFB-Pokal. In der zweiten Episode von „Königsblaue Geschichte(n)“ lässt Jörg Seveneick jenen legendären Sommer noch einmal lebendig werden.

Heinz van Haaren

Heinz van Haaren wird 80 Jahre alt

Als laufstarker Regisseur mit einem fantastischen Auge für seine Mitspieler trug Heinz van Haaren wesentlich zu den königsblauen Erfolgen Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre bei. Seinerzeit gewann die aus Sicht vieler Anhänger beste Schalker Mannschaft aller Zeiten in der Saison 1971/1972 den DFB-Pokal und wurde außerdem Deutscher Vizemeister. Am heutigen Mittwoch feiert der Niederländer, der am 3. Juni 1940 in Marl das Licht der Welt erblickte, seinen 80. Geburtstag.

Currywurst-Flanke

Oliver Reck zu Gast bei „Currywurst-Flanke“

Rund um das Heimspiel am Samstag (30.5.) gegen Werder Bremen geht der beliebte Live-Talk „Currywurst-Flanke“ erneut auf Sendung. Dabei kann Stadionsprecher Dirk Oberschulte-Beckmann mit Oliver Reck einen prominenten Gast begrüßen, der sich sowohl auf Schalke als auch beim Gegner bestens auskennt. Anpfiff des Fan-Formats auf schalke04.de, das von Hauptsponsor GAZPROM präsentiert wird, ist um 14 Uhr.