#stehtauf: Biografien von aufgrund ihrer Homosexualität verfolgten Männern aus Gelsenkirchen

Auf gemeinsamen Werten beruht unser gesellschaftliches Zusammenleben, aber auch das Miteinander in der Vereinsfamilie. Für diese Grundsätze steht der FC Schalke 04 mit seiner vereinseigenen Stiftung Schalke hilft! ein. Mit ihrer gleichnamigen Kampagne fordern beide: „Steht auf“.

Anlässlich des bundesweiten Gedenktags am 27. Januar 2021 beteiligen sich die Königsblauen mit zahlreichen Aktionen. Bereits zum 76. Mal jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee. „Nie wieder“ ist das Motto des ligaweiten Gedenkens und damit Auftrag und Verpflichtung für uns alle. Im Mittelpunkt stehen dieses Jahr besonders diejenigen, die aufgrund ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität als „Abartige und Homosexuelle“ während der NS-Zeit stigmatisiert und brutal verfolgt wurden. Weit über 10.000 Menschen verschleppten die Nationalsozialisten in die Vernichtungslager. Besonders tragisch: Ihre Verfolgungsgeschichte ist nicht mit dem Zweiten Weltkrieg geendet.

Die folgenden Biografien von aufgrund ihrer Homosexualität verfolgten Männern aus Gelsenkirchen stehen exemplarisch für das Leid einer oft vergessenen Gruppe. Die Frage nach dem Zusammenhang zu Gegenwart und Fußball lässt sich leider immer noch anhand aktueller Bespiele herstellen. Wer einmal verbale Entgleisungen im Stadion erlebt hat, weiß, dass Homophobie und Ausgrenzung im Fußball immer noch stattfinden. Doch die Zahl derer, die aufstehen und sich für Diversität, Dialog sowie ein menschliches Miteinander einsetzen, wächst stetig. Wie groß das Engagement vieler Menschen ist, soll auf den nächsten Seiten sichtbar werden.

Arthur Herrmann

Ein paar Kleidungsstücke sowie die Geburtsurkunde sind alles, was von Arthur Herrmann übrig bleibt. Dieses Paket wird nach seinem Tod aus dem Konzentrationslager Buchenwald für seinen Vater an die Ortspolizei Buer-Erle in Gelsenkirchen geschickt, der zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre tot ist. Ob es je an einen Angehörigen übergeben wurde, ist nicht bekannt.

Herrmann kommt am 29. Juli 1902 in Thorn (heute Torun in Polen) als erstes Kind von Adolf und Laura Herrmann zur Welt. Die Familie wird größer, er bekommt sieben Schwestern und einen jüngeren Bruder. 1911 siedeln die Herrmanns nach Gelsenkirchen-Buer um. Dem Vorbild seines Vaters folgend wird Arthur Bergmann. Bis 1930 lebt der junge Mann im elterlichen Haushalt an der Friedrichstraße 39, bevor er Buer verlässt.

Mehrfach ermittelt die NS-Justiz in den kommenden Jahren gegen ihn, mindestens einmal wegen eines Vergehens gegen Paragraf 175. Am 6. August 1938 deportieren die Nazis ihn in das KZ Buchenwald. Wie so viele andere Häftlinge überlebt er die Torturen des Lagers nicht, in dem Häftlinge systematisch zu Tode gequält werden. Am 17. März 1942 verzeichnet die KZ-Verwaltung: „Der homosexuelle Häftling Arthur Herrmann, Nr. 1125, geb. 29.7.1902 in Thorn, ist heute um 2.20 Uhr gestorben. Akute Herzschwäche.“ Die Angabe der Todesursache ist sicher gefälscht. Arthur Herrmann wird nur 37 Jahre alt.

Der Rosa Winkel

Heute repräsentiert er die tragische Historie der Homosexuellenverfolgung: der Rosa Winkel. Seinen Ursprung hat er im gewaltsamsten Kapitel deutscher Geschichte. In der Zeit des NS-Regimes mussten homosexuelle Männer rosa Dreiecke auf ihrer schwarz-weiß gestreiften Häftlingskleidung tragen, um sie leichter identifizieren zu können. Mit dem Rosa Winkel gebrandmarkt und inhaftiert wurden rund 10.000 Männer, mehr als die Hälfte von ihnen überlebte die Konzentrationslager nicht. Frauen hingegen drohte nicht direkt aufgrund ihrer Homosexualität die Verfolgung, ihnen wurde „asoziales Verhalten“ vorgeworfen.

 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfuhr der Rosa Winkel die Aufwertung zu einem internationalen Symbol der Schwulenbewegung, er wurde zum trotzigen Ausdruck des Selbstbewusstseins Homosexueller. In den 1980er-Jahren löste ihn die Regenbogenfahne in der öffentlichen Wahrnehmung ab. Die von Gilbert Baker designte Fahne steht heute für Diversität und repräsentiert mit ihren sechs Farben Leben, Gesundheit, Sonnenlicht, Natur, Harmonie und Geist. Ursprünglich entwarf Baker nur ein Zeichen für den Gay Pride Day in San Francisco, nicht ahnend, dass sich diese Flagge zum weltweiten Symbol der Homosexuellenbewegung entwickeln würde.

Lothar Keiner

Die Leidensgeschichte von Lothar Keiner, der 1908 in Mannheim geboren wird und 1942 im KZ Neuengamme sterben muss, erfährt eine besondere Dramatik durch den Umstand, dass er bis 1935 für einige Jahre in den USA lebt und somit in Sicherheit vor dem nationalsozialistischen Regime. Briefe, die er während seiner Internierung an seine in den USA lebende Mutter sowie eine enge Freundin aus Dortmund und einen Priester in Italien verfasst, büßen auch viele Jahre danach nichts an Aktualität ein und lassen Keiners Biografie für den Leser lebendig werden.

Nach der Scheidung seiner Eltern wandert Lothar Keiner mit Mutter und Bruder Oswald in die Vereinigten Staaten aus. Doch 1935 kehren die beiden Brüder zurück nach Deutschland, eine schwere Erkrankung des Vaters wird als Grund vermutet. Das Familienoberhaupt stirbt noch im selben Jahr, Oswald kehrt zur Mutter zurück, Lothar hingegen bleibt in der Heimat. Neben seiner Muttersprache beherrscht er Englisch, Französisch und Italienisch, ist ein politisch gut informierter und interessierter Mensch, belesen, gläubig.

Der letzte freiwillige Wohnort des Montage-Arbeiters ist die Helenenstraße 13 im Stadtteil Horst. Im April 1940 wird er wegen „homosexueller Kontakte“ von der Gelsenkirchener Kripo verhaftet. Trotz fehlender Vorstrafen verurteilt ihn das Landgericht Essen zu zwei Jahren Gefängnis. Seine Haft verbringt er in der JVA Krümmede in Bochum und später in Lingen/Emsland. Nach Verbüßung der Strafe nimmt ihn die Polizei Recklinghausen im April 1942 in sogenannte Vorbeugehaft und deportiert ihn in das KZ Neuengamme bei Hamburg. Aus den Briefen geht hervor, dass seine Familie sich aus dem Ausland für ihn einsetzt, allerdings letztlich ohne Erfolg. Im Lager endet sein Lebensweg am 27. November 1942. Angebliche Todesursache: Versagen von Herz und Kreislauf bei Magen- und Darmkatarrh.

Ernst Papies

Ein Stolperstein an der Cranger Straße 398 erinnert heute an Ernst Papies. Der im Stadtteil Buer geborene Gelsenkirchener überlebt das Konzentrationslager und das Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein Ende seiner Leidens- und Verfolgungsgeschichte bedeutet dies indes nicht. Er kommt als ältestes von neun Kindern zur Welt, bereits mit 17 Jahren verlässt er den elterlichen Haushalt in Richtung Bremen. Es folgen zahlreiche Verurteilungen, unter anderem wegen homosexueller Handlungen. 1936 wird er im Emsland zu dreijähriger Zwangsarbeit im Moorlager verurteilt.

Nach Verbüßung der Haft kommt er als kranker Mann in sein Elternhaus zurück. Lange bleiben darf er nicht, denn ohne weitere Begründung – vermutlich denunziert durch eine Nachbarin – verhaftet ihn die Kripo in Buer am 25. Juli 1939 und deportiert den 30-Jährigen, schwer misshandelt, ins KZ Buchenwald. Bis zur Befreiung durchleidet er eine Odyssee mit weiteren Stationen im österreichischen KZ Mauthausen bei Linz und einem Außenlager von Auschwitz. Nach der Befreiung durch amerikanische Soldaten im Mai 1945 braucht er vier Monate, bis er körperlich in der Lage ist, die Rückreise nach Gelsenkirchen anzutreten.

Was nach dem Krieg folgt, ist eine weitere Leidensgeschichte: die um Wiedergutmachung. Ab Dezember 1945 kämpft Papies für die Anerkennung des ihm zugefügten Unrechts und für Entschädigung. Dabei lässt er nichts unversucht – Anträge, Schreiben an Bundeskanzler und Bundespräsidenten, Besuch im Kanzleramt, Proteste. Er strengt ein Gerichtsverfahren an, doch alles ohne Erfolg. Die Verfolgung von Homosexuellen in der Nazi-Zeit wird nicht anerkannt, sie geht in der jungen Bundesrepublik Deutschland sogar nahtlos weiter. Der Paragraf 175 wird in der verschärften Auslegung des NS-Regimes übernommen.

Nach einer erneuten Niederlage vor dem Landgericht verlässt der Gelsenkirchener seine Heimatstadt Mitte der 1950er-Jahre. Ab 1960 wird er dauerhaft in Konstanz ansässig und findet in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas auch eine spirituelle Heimat. Doch trotz des ihm angetanen Leids nimmt er die Opferrolle nie an. Menschen, die ihn kannten, beschreiben ihn als lebensfroh und bescheiden. Jemand, der gerne unterwegs war und den man wegen seiner zugewandten und offenen Art gerne auf Feiern und zu Reisen einlud. Im Alter von 88 Jahren stirbt Ernst Papies 1997 in Konstanz: ohne die offizielle Anerkennung des an ihm begangenen Unrechts und ohne eine Entschädigung.

Paragraf 175

Der Paragraf 175 ist ein düsteres Stück deutscher Geschichte, das erschreckenderweise bis in die jüngere Vergangenheit reicht. Das im Volksmund auch als „Schwulenparagraf“ bezeichnete Gesetz hatte 123 Jahre Bestand und wurde erst 1994 abgeschafft. Die Historie des Paragrafen beginnt in der Kaiserzeit, während des NS-Regimes erfolgte eine deutliche Verschärfung: Jetzt genügte bereits das „homosexuelle Begehren“ als Straftat. Männern drohten für gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen hohe Haftstrafen. Das bedeutete während des Nazi- Terrors: Folter, Kastration, Zuchthaus oder Konzentrationslager, vom sozialen Tod des Berufs- und Privatlebens ganz zu schweigen.

Während die neu gegründete Bundesrepublik nach Kriegsende den Paragrafen aus der NS-Zeit zunächst ganz übernahm, kehrte die DDR zur Ursprungsfassung zurück und schaffte ihn 1968 ab. 1969 beschloss auch die BRD eine Strafrechtsreform. Homosexualität galt nun nicht mehr als Straftat, wenn die Männer älter als 21 Jahre waren. Die Zahl der Verfahren ging deutlich zurück. 1973 senkte der Gesetzgeber das Schutzalter auf 18 Jahre. Doch erst 1994 wurde der umstrittene Paragraf komplett abgeschafft. Es vergingen weitere 23 Jahre, bis der Bundestag 2017 die betroffenen Männer einstimmig rehabilitierte.

Josef Wesener

Josef Wesener verbringt fast sein ganzes Leben in Gelsenkirchen, doch es bleibt überschattet von den Schrecken des NS-Regimes. Er wird am 22. Januar 1903 an der Ackerstraße 17 (heute Mühlenbruchstraße) in Gelsenkirchen geboren. Seine Eltern Theodor und Bernhardine Wesener haben zehn weitere Kinder, mit denen sie 1918 an der Josefstraße 32 eine Wohnung beziehen.

1940 wird Wesener wegen des Verstoßes gegen Paragraf 175 zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe wird er in das KZ Neuengamme geschickt. Darauf folgen weitere Leidensstationen in den KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora. Nach der Befreiung aus dem Lager kehrt er in die elterliche Wohnung zu seiner 82-jährigen Mutter zurück, die kurz darauf stirbt. Wesener lebt weiterhin dort, bevor er 1981 nach Buer und später nach Düsseldorf umzieht.

Aus den Informationen über seinen späteren Lebensweg geht hervor, dass die erlittenen Traumata während der KZ-Haft ihn ein Leben lang schwer beeinträchtigt haben. Er kann seinen erlernten Beruf als Lokführer nicht länger ausüben, wird stattdessen Bergmann. Es folgen in den 1970er-Jahren zahlreiche und sehr lange Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen. In seinem letzten Lebensabschnitt leidet er an Demenz und verstirbt am 20. April 1987 in Düsseldorf.

Zur Person: Jürgen Wenke

Die skizzierten Biografien ließen sich nur durch die Unterstützung und Recherche von Jürgen Wenke darstellen, der dem Schalker Kreisel sein Bild- und Recherchematerial zur Verfügung gestellt hat. Der Diplom-Psychologe aus Bochum engagiert sich seit 1980 für gesellschaftliche Gleichstellung und gegen Diskriminierung von Schwulen und Lesben. Seit mehr als 25 Jahren setzt er sich intensiv für die Aufarbeitung der Schicksale homosexueller Männer ein, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Seit 2006 konnte er das Andenken vieler Verfolgter ehren und unter Einbeziehung der Aktion Stolpersteine für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich machen. Weitere Infos auf: stolpersteine-homosexuelle.de

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