Unzertrennlich: Auch aus professioneller Sicht kein Spiel wie alle anderen

Nicht nur für die Fans ist das Aufeinandertreffen von Club und Knappen jedes Mal ein besonderes Spiel, sondern auch für die Fanbeauftragten der beiden Tradiionsvereine, die selbst mit dem Herzen an Verein und Freundschaft hängen. Im aktuellen Schalker Kreisel erklären Jürgen Bergmann und Johannes Wolf vom 1. FC Nürnberg mit ihrem Schalker Kollegen Thomas „Kirsche“ Kirschner die Besonderheiten dieser Verbindung.

Thomas Kirschner

Glück auf zusammen, woran denkt ihr beim Stichwort Fanfreundschaft zuerst?
Jürgen: An die Tatsache, dass wirklich jeder diese Freundschaft lebt. Sie ist gesetzt, selbst bei nachfolgenden Generationen. Als junger Fan kennt man Angela Merkel als Bundeskanzlerin, Bayern München als Deutschen Meister, und man weiß: Schalke und Nürnberg gehören zusammen. Das setzt sich auch im Kleinen fort, dadurch sind unzählige Freundschaften zwischen Fanclubs, Gruppierungen und Privatleuten entstanden. Beständigkeit und Intensität, mit der diese Verbindung gelebt wird, sind einzigartig in Europa, vielleicht sogar weltweit.
Thomas: Da kann ich Jürgen nur zustimmen. Insbesondere darin, dass das Miteinander sehr intensiv ist und trotz der Entfernung immer Bestand hat. Egal, wer in die Fanszene hineinwächst, lernt „Schalke und der FCN“, das ist untrennbar verbunden und umschließt die komplette Fanszene. Und wen man auch fragt, jeder hat eine Anekdote und persönliche Erlebnisse zur gemeinsamen Historie parat.
Jürgen: Das kann mein Kollege Johannes sogar aus einer noch jüngeren Perspektive bewerten …
Johannes: Ich kann nur bestätigen, das Miteinander unter den Anhängern ist mit keiner anderen Partie vergleichbar. Es fahren meist Sonderzüge zu den Spielen, die Fans empfangen sich oft schon gegenseitig am Bahnhof, viele übernachten vor Ort bei Freunden oder anderen Fanclubs. Es ist sogar vollkommen in Ordnung, in der Halbzeit mal den Block zu wechseln und bei den anderen vorbeizuschauen, so eng ist das Verhältnis zwischen uns.

Gibt es weitere Besonderheiten am Spieltag?
Johannes: Da muss man nur ins Stadion schauen. Ich stand bei der Gemeinschafts-Choreo 2018 selbst noch in der Kurve, es war ein außergewöhnliches Erlebnis. Man hält sein Stück Papier hoch und sieht eigentlich erst später, wie beeindruckend das Gesamtbild wirkt. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, Teil dessen zu sein. Und wenn das ganze Stadion dann gemeinsam „Schalke und der FCN“ singt, erzeugt das einfach nur Gänsehaut.
Thomas: In der Regel steigen rund um die Spiele zudem zahlreiche Feiern im kleinen und auch größeren Kreis, privat wie auch unter den Fanclubs. Oft sind damit gemeinsame Aktionen mit karitativem Hintergrund verbunden. Ein außergewöhnlicher Aspekt unsere Arbeit betreffend ist, dass das Thema Sicherheit überhaupt keine Rolle spielt, das ist unglaublich angenehm. Die Stadionbereiche sind komplett offen, man kann ohne Probleme zum Gästeblock und mit den anderen ein Bier trinken gehen.

Als ich am Tag nach dem Abstieg morgens das Handy anmachte, war das Erste, was ich sah, das Plakat, das die Nürnberger Ultras als Unterstützung an die Glückauf-Kampfbahn gehängt hatten.

Thomas Kirschner

Welche Begebenheiten sind euch besonders im Gedächtnis geblieben?
Jürgen: Das für mich beeindruckendste Erlebnis war unsere Begegnung auf Schalke am letzten Spieltag der Saison 2013/2014. Wir sind damals abgestiegen, und die komplette Arena war auf den Beinen und sang: „Der FCN steigt wieder auf!“ Obwohl ich in all den Jahren meiner Arbeit als Fanbeauftragter einiges erlebt habe, war das ein unvergesslicher Moment für mich. Ich hatte eine wahnsinnige Gänsehaut, das Gefühl auf die Schalker Reaktion kam dem gleich, was ich beim Pokalsieg empfunden habe. In diesem bitteren Moment war es ein unglaublicher Trost für uns.
Thomas: Ähnlichen Zuspruch haben wir in der vergangenen Saison ebenfalls erlebt. Unter Corona-Bedingungen war die Situation zwar eine deutlich andere, aber es war auch für uns ungeheuer wichtig, den Rückhalt der Nürnberger zu spüren. Als ich am Tag nach dem Abstieg morgens das Handy anmachte, war das Erste, was ich sah, das Plakat, das die Nürnberger Ultras als Unterstützung an die Glückauf-Kampfbahn gehängt hatten. Du weißt, sie haben extra den langen Weg auf sich genommen, um uns ihre Solidarität in dieser schwierigen Zeit zu demonstrieren. Das hat uns alle sehr beeindruckt und war eine grandiose Geste.

Gab es auch Krisen?
Jürgen: Wir hatten tatsächlich mal eine kleine Krise. 2007 beim Ligapokal kam es zu Misstönen. Es war traditionell ein Spiel, das auch sogenannte Ergebnis-Fans ins Stadion zieht als die aktive Fanszene, die das als kommerziell eher ablehnt. Einige Nürnberger sangen: „Ihr werdet nie Deutscher Meister“, ein Gesang, den unsere Fans im Normalfall nie anstimmen würden. Das hat die Stimmung kurzfristig getrübt, aber wie in jeder guten Freundschaft ist es wichtig, Probleme zu besprechen und gemeinsam aus der Welt zu schaffen. Das ist recht gut gelungen, und unsere Beziehung hat keinen Schaden genommen.

Haben denn sportliche Ergebnisse keinen Einfluss?
Jürgen: Wir sind bereits zweimal nach einem Spiel gegen Schalke abgestiegen, dasselbe ist euch auch schon einmal umgekehrt passiert. (Nach einem 0:0 zu Hause gegen den Club am drittletzten Spieltag 1981 war der rettende 15. Platz unter anderem wegen eines miserablen Torverhältnisses nur noch rein theoretisch zu erreichen, Anm. d. Red.) So etwas hat jedoch der Verbundenheit nie geschadet. Und was noch schöner ist: Wir sind so oft gegeneinander angetreten, und trotzdem herrscht jedes Mal eine einzigartige Atmosphäre. Die Anfragen zum Auswärtsspiel bei euch sind größer als bei jedem anderen Duell, die Attraktivität und die Anziehungskraft haben in 40 Jahren nicht gelitten – nach so langer Zeit keine Selbstverständlichkeit.

Lässt sich die Freundschaft durch die Gemeinsamkeiten der beiden Traditionsvereine erklären?
Thomas: Natürlich gibt es viele Gemeinsamkeiten als Traditions- und Arbeitervereine, die gerade in den 1930er- und 40er-Jahren große Erfolge gefeiert haben und heute über ein großes Einzugsgebiet unter ihren Anhängern verfügen. Doch das als Grund heranzuziehen, wäre konstruiert, denn diese Übereinstimmungen teilen wir auch mit anderen Vereinen. Ihren Ursprung hat die Freundschaft klar in der damaligen Hooligan-Szene. Da haben sich mit den Schalkern und den Nürnbergern „die Besten“ zusammengetan und eine buchstäblich schlagkräftige Truppe gebildet. Sie waren gemeinsam sehr stark, was dann auch ein wenig dazu geführt hat, dass uns kein anderer mehr mochte. (lacht)
Jürgen: Das sehe ich auch so. Maßgeblich sind die Langlebigkeit und die Intensität, die die besondere Qualität dieser Freundschaft ausmachen. Und keiner wollte die Schalker haben, da haben wir euch gerne genommen, oder, Kirsche? (lacht)

Alles zu Schalke und dem FCN finden Vereinsmitglieder ebenso wie zahlreiche historische und auch aktuelle Fotos zur Fanfreundschaft im neuen Schalker Kreisel, exklusiv in der App oder als Desktop-Version.

Schalker Kreisel

Alles zu Schalke und dem FCN finden Vereinsmitglieder ebenso wie zahlreiche historische und auch aktuelle Fotos zur Fanfreundschaft im neuen Schalker Kreisel, exklusiv in der App oder als Desktop-Version.

Seite teilen

Das könnte dich auch interessieren

220506_idrizi

Blendi Idrizi im Kreisel-Interview: Stufiger Weg

Abstiege, Rückschritte, Neuanfänge: All das kennt Blendi Idrizi mit seinen 24 Jahren bereits bestens. Auf Schalke ging es für das Mittelfeldtalent bislang aber vor allem: immer höher. Im neuen Schalker Kreisel spricht er über Profi-Premieren und frischen Wind.

Olaf Thon

Das Spiel meines Lebens: Als Olaf Thon das Parkstadion zum Beben brachte

Es gibt diese Spiele, die so besonders sind, dass sie für immer unvergessen bleiben – eines davon trug sich am 2. Mai 1984 zu. Der FC Schalke 04, damaliger Zweitligist, empfing im DFB-Pokal-Halbfinale den FC Bayern München. Ein verrücktes Match, dem der gerade 18 Jahre alt gewordene Olaf Thon in der Schlussminute der Verlängerung die Krone aufsetzte. Im Interview mit schalke04.de blickt die S04-Legende auf das Spiel seines Lebens zurück.

220411_terodde

Simon Terodde: Als Stürmer musst du bis zur letzten Sekunde hungrig sein

Unmittelbar vor dem Abpfiff erzielte Simon Terodde am Samstag (9.4.) den Treffer zum 3:0-Endstand gegen den 1. FC Heidenheim. Für den Angreifer war es bereits das 22. Tor in der laufenden Saison. Auf schalke04.de spricht der 34-Jährige über seinen erfolgreichen Abschluss in der Nachspielzeit, die Momente nach dem Tor und die Unterstützung der Fans.

220410_kreisel_vindheim

Andreas Vindheim im Kreisel-Interview: Hohe Standards

Das Fußballer-Gen scheint Andreas Vindheim in die Wiege gelegt worden zu sein. Mit seiner heutigen Position musste sich der Norweger aber zunächst anfreunden – und hart für den Sprung ins Profibecken kämpfen, wie der 26-Jährige im neuen Schalker Kreisel berichtet.