Was macht eigentlich … Tom Dooley?

Thomas „Tom“ Dooley trug von 1995 bis 1997 das königsblaue Trikot. Der Weltenbummler kann als Spieler und Trainer eine beeindruckende Vita vorweisen. Im Interview mit schalke04.de spricht der ehemalige Verteidiger über seine verschiedenen Trainerstationen, seine Bücher, die Zeit in der US-amerikanischen Nationalmannschaft und Landsmann Matthew Hoppe.

Tom Dooley

Tom, wo erreichen wir dich gerade?
Aktuell bin ich in Malaysia in einer schönen kleinen Stadt namens Kuantan. Hier sitze ich wegen Corona momentan fest. Wir haben einen harten Lockdown und alle Geschäfte – bis auf die Tankstellen und die Lebensmittelläden – sind geschlossen.

Welche Tätigkeit übst du aktuell aus?
Bis vor kurzem war ich noch Trainer bei Sri Pahang FC (fünfmaliger Meister Malaysias, Anm. der Redaktion). Pahang ist ein populäres Team – zu jedem Heimspiel kommen um die 40.000 Zuschauer. Nachdem damals bei Pahang die Erfolge ausgeblieben waren, wurde der Trainer entlassen und ich übernahm den Job. Die Gegebenheiten waren allerdings nicht wirklich gut: Auf dem Trainingsgelände gab es keine Umkleidekabinen und die Spieler mussten ihre Trainingssachen selber waschen. Das waren für mich keine Umstände, um die aufgestellten Ziele zu erreichen. Außerdem erhielt ich keine Unterstützung vom Manager und Spieler kamen zu spät zum Training oder wollten sich keine Videoanalysen nach verlorenen Spielen angucken. Durch die Differenzen zwischen der Mannschaft und mir entschied sich der Verein dazu, mich freizustellen. In meiner freien Zeit, die ich aktuell habe, schreibe ich an Büchern über Fußball. Eines davon ist schon fertig: Ich hoffe, dass es noch dieses Jahr erscheint. An den zwei weiteren Büchern sitze ich aktuell noch.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Bücher zu schreiben?
Ich möchte all meine Erfahrungen und Erlebnisse, die ich aus den Trainerstationen und als aktiver Profi mitgenommen habe, an andere Menschen weitergeben. Meine Bücher richten sich an Spieler, die Profis werden wollen. Ich möchte ihnen Tipps geben, wie sie sich weiterentwickeln können, wenn sie den Ehrgeiz haben, auf hohem Niveau Fußball zu spielen. Mit 18 Jahren habe ich noch in der elften Liga gespielt und später trotzdem in Deutschland viele große Erfolge gefeiert. In der Zweiten Liga bin ich mit dem FC 08 Homburg Meister geworden, mit dem 1. FC Kaiserslautern Meister in der Bundesliga, Pokalsieger und Supercup-Sieger. Ich habe mit Schalke 04 1997 den UEFA-Cup gewonnen, bin Nationalspieler in den USA geworden, war später sogar Kapitän. So etwas passiert nicht immer nur durch Glück, sondern vor allem durch harte Arbeit. Dies möchte ich den Menschen, die meine Bücher lesen, vermitteln. In meinem Buch für Trainer erkläre ich, wie man erfolgreich eine Mannschaft bildet. Dafür brauchst du nicht die besten Spieler, sondern das beste Team. Ich beschreibe, wie so ein Team kreiert werden kann und worauf es zu achten gilt.

In meinem Buch für Trainer erkläre ich, wie man erfolgreich eine Mannschaft bildet. Dafür brauchst du nicht die besten Spieler, sondern das beste Team.

Tom Dooley

Nach deiner aktiven Karriere hast du mehrere Trainerjobs übernommen – wie kam es dazu?
Ich habe eigentlich immer mit dem Gedanken gespielt, Trainer zu werden. In Deutschland und den USA habe ich leider nie richtig die Chance dazu bekommen. 2002 wurde mir angeboten, neuer Sportdirektor des 1. FC Saarbrücken zu werden. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde daraus stattdessen mein erstes Engagement als Trainer. Rückblickend muss ich sagen, dass ich den Job nicht hätte annehmen sollen. Trotzdem habe ich sehr viele Erfahrungen gesammelt. Um in Deutschland als Trainer Fuß fassen zu können, muss man auch ein bisschen Glück haben. Ich hatte nie die Möglichkeit, große Vereine zu trainieren, aber bei den Clubs, für die ich tätig war, hatte ich Erfolg.

Ich habe die Ausbildung zum Fußballlehrer gemacht und wollte unbedingt bei Jürgen Klopp und Peter Neururer hospitieren, da sie eine bestimmte Art haben, wie sie mit Spielern umgehen. Sie sind sehr motivierend, lustig und haben immer eine gute Beziehung zu ihrer Mannschaft – das wollte ich mir genauer angucken. Ich war dann 14 Tage in Mainz bei Klopp und 14 Tage in Bochum bei Neururer. Dies hat mich inspiriert und ich habe versucht, das Erlebte umzusetzen.

Du warst unter anderem Trainer auf den Philippinen. Wie war die Zeit dort für dich?
Auf den Philippinen hatte ich eine traumhaft schöne Zeit. Ich wollte unbedingt einmal eine eigene Mannschaft trainieren und all das umsetzen, was ich mir vorgestellt habe. Bevor ich den Job annahm, wusste ich nicht mal, dass die Philippinen eine Nationalmannschaft haben. In den vier Jahren, die ich da war, ging es sportlich in der Rangliste immer weiter nach oben. Im letzten Jahr haben wir uns erstmals für die Asienmeisterschaft qualifiziert.

Welchen Stellenwert hat Fußball auf den Philippinen und in Malaysia?
Malaysia ist eine riesige Fußballnation. Zu den Länderspielen gegen Thailand, Vietnam oder Singapur kommen bis zu 90.000 Zuschauer. Die Leute sind fußballverrückt. Auf den Philippinen ist das noch nicht so.

Tom Dooley

Gibt es noch einen Trainerjob, der dich reizen würde?
Ich würde gerne eine Mannschaft trainieren, bei der ich Unterstützung erhalte und mir gesagt wird: Tom, wie möchtest du es machen? Wir helfen dir. Bei jedem Verein in Asien hat mir die Unterstützung gefehlt.

Als Co-Trainer der USA hast du mit Jürgen Klinsmann zusammengearbeitet. Wie war diese Zeit?
Jürgen und ich hatten schon vorher ein sehr gutes Verhältnis und haben uns häufiger getroffen. Im Radio habe ich damals gehört, dass er Trainer in den USA geworden ist und habe ihm gratuliert. Er meinte zu mir, er hätte mich gerne die ersten Spiele als Unterstützung dabei. Es war eine tolle Erfahrung, Jürgen dabei zuzusehen, wie er arbeitet. Ich konnte einiges von ihm lernen, zum Beispiel, wie er auf die Spieler eingeht, sie behandelt und motiviert.

Du hast außerdem mit Lothar Matthäus in New York gespielt.
Lothar ist ein super Mensch. Ich habe ihn damals in New York näher kennengelernt – die Zeit mit ihm war grandios. Er ist ein ganz, ganz anständiger Typ und ein super Kumpel. Er sagt immer genau das, was er denkt. Es war echt schön, mit ihm zusammen meine Karriere zu beenden.

Ich konnte einiges von Jürgen Klinsmann lernen, zum Beispiel, wie er auf die Spieler eingeht, sie behandelt und motiviert.

Tom Dooley

Du warst als Kind Fan von vier Vereinen, wie kam es dazu?
Mein Stiefvater und mein Onkel haben mich und meinen Bruder am Wochenende immer mitgenommen zu Pirmasens, Homburg oder Kaiserslautern. Die Städte waren schließlich nicht so weit voneinander entfernt. Irgendwann, mit zehn Jahren, habe ich dann eine Sympathie für die Vereine entwickelt.

Von den sieben Vereinen, bei denen ich gespielt habe, sind vier meine Lieblingsvereine. Überall war ich im Fanblock. Ich hatte Norbert Nigbur, Klaus Fischer und die Kremers-Zwillinge als Starschnitt in meinem Zimmer, hatte Schalke-Wimpel überall und eine Mütze – ich war ganz fanatisch. Die ganze Mannschaft mit Libuda, Abramczik, Fichtel, Nigbur – das war mein Verein. Das Größte ist, dass ich für alle Vereine Erfolge auf dem Platz erzielen durfte.

Apropos Schalke: Wie blickst du auf die Zeit beim S04 zurück?
Das war das erste Mal, dass ich für einen Verein gespielt habe, in dessen Stadt ich nicht gewohnt habe. Mein Sohn wollte nicht schon wieder die Schule wechseln und neue Freunde finden, aus dem Grund bin ich täglich nach Gelsenkirchen gependelt. So hatte ich leider nicht die Möglichkeit, einen engen Kontakt zu den Fans aufzubauen. Die Zeit war dennoch klasse und die Mannschaft einmalig. Ich habe immer noch engen Kontakt zu Andreas Müller. Rudi Assauer war der beste Manager und Vorgesetzte, den ich je in meiner Karriere gehabt habe. Es war traumhaft, mit ihm zusammenzuarbeiten. Für so einen Verein zu spielen, kann keiner richtig beschreiben – das kann nur ein Schalke-Fan. Und ich bin ein Fan von Schalke. Ich weiß noch, wie ich nach meinem ersten Tor für Schalke herumgelaufen bin und gerufen habe: Ich habe für Schalke ein Tor erzielt, hoffentlich nicht das letzte. Ich war sowas von überglücklich. Heute noch schaue ich mir die Spiele hier in Malaysia an und fiebere mit.

Du bist in Deutschland geboren, hast aber einen amerikanischen Vater. Wieso hast du dich für die US-amerikanische und nicht für die deutsche Nationalmannschaft entschieden?
Während meiner Zeit in Kaiserslautern war ich dreimal sehr nah an einer Einladung für die deutsche Nationalmannschaft, die aber nie gekommen ist. Vor jeder Einladung wurde ich durch eine Verletzung zurückgeworfen. Nach meiner letzten Chance war ich schon 30 und lag total deprimiert im Krankenhaus – das vergesse ich nie. Meine Frau sagte zu mir: Vielleicht solltest du nicht für Deutschland spielen. Ich meinte nur zu ihr, ich kann doch nur für Deutschland spielen.

Ich hatte gar keinen Kontakt zu meinem Vater aus Amerika, ich konnte nicht mal Englisch, da ich Französisch in der Schule im Saarland gelernt habe. Nach sechs Monaten habe ich jemanden aus dem amerikanischen Verband kennengerlernt – bei meinem Nachnamen wurde sie hellhörig. Am nächsten Tag bekam ich einen Anruf und das Angebot, für die amerikanische Nationalmannschaft aufzulaufen. Das Erste, das meine Frau zu mir sagte, war: Jetzt weißt du, warum du nicht für Deutschland spielen solltest.

Tom Dooley

Beim US Cup 1993 hast du zwei Tore bei der 3:4-Niederlage gegen das DFB-Team geschossen. Wie sehr haben dich die Tore ausgerechnet gegen Deutschland gefreut?
Das war unglaublich, weil ich nicht sicher war, ob ich überhaupt spielen konnte. Bei der Partie zuvor gegen England wurde ich schwer verletzt und musste vier Tage auf Krücken laufen. Vor dem Spiel gegen Deutschland habe ich noch eine Trainingseinheit unter Schmerzen gemacht, aber der Trainer meinte zu mir, dass ich unbedingt auflaufen muss. Für mich war es das Größte, gegen Deutschland zu spielen. Dass mir dann nach einer Viertelstunde das 1:1 geglückt ist, war unglaublich. Danach wollte ich natürlich nicht mehr raus.

Mit den USA durftest du an zwei Weltmeisterschaften teilnehmen. 1994 im eigenen Land und 1998 als Kapitän. Welche Weltmeisterschaft hat bei dir den höheren Stellenwert?
Auf jeden Fall die im eigenen Land. Die beiden Weltmeisterschaften waren extrem unterschiedlich. Die WM 1998 in Frankreich war ein absolutes Chaos. Es ist alles schiefgelaufen. Wir hatten keine Mannschaft, keinen Zusammenhalt, jeder war egoistisch. Die WM 1994 war ideal, wir waren eine Einheit und ein perfekt geformtes Team.

Natürlich freut es mich, dass ich bei dem größten Erfolg in Schalkes Vereinsgeschichte ein Teil des Teams war.

Tom Dooley

Du hast viel gewonnen: Unter anderem mit Kaiserslautern den Pokal und die Meisterschaft und mit Schalke den UEFA-Pokal. Welcher Erfolg war der größte für dich?
Die Meisterschaft und der DFB-Pokal mit Kaiserslautern waren absolut das Größte, weil ich Teil der beiden Erfolge war und einen Beitrag dazu geleistet habe. Es war das erste Mal überhaupt, dass wir den DFB-Pokal gewonnen haben. Beim UEFA-Cup hatte ich leider meinen Stammplatz verloren, weil ich mich für die Nationalmannschaft entschieden hatte. Deswegen war ich beim Heimspiel gegen Inter Mailand nur auf der Bank und beim Rückspiel konnte ich aufgrund eines Wadenbeinbruchs erst gar nicht dabei sein. Aber natürlich freut es mich, dass ich bei dem größten Erfolg in Schalkes Vereinsgeschichte ein Teil des Teams war.

Auch als Trainer und Sportdirektor habe ich große Erfolge gefeiert, auf die ich gerne zurückblicke. Unter anderem mit der Pateadores Academy in den USA. Die Spielklasse kann man mit der U19-Bundesliga in Deutschland vergleichen. Mit dem Team habe ich die US-Meisterschaft der U18 gewonnen. Vor meiner Zeit hat die Mannschaft von 40 Spielen kein Spiel gewonnen, mit mir von 48 Spielen nur drei verloren – und das gegen alle Akademien der MLS Profi-Mannschaften. Es war, als ob bei der Mannschaft ein Schalter umgelegt worden wäre. Als ich Sportdirektor in Vietnam beim FC Viettel war, ist das Team nach 23 Jahren wieder Meister in der höchsten Liga des Landes geworden, nachdem Viettel zu Beginn einen Punkt vom Abstiegsplatz entfernt war.

Kommen wir zum Schluss noch einmal auf Schalke zu sprechen. Matthew Hoppe hat vor wenigen Tagen mit der US-Auswahl den Gold Cup gewonnen. Wie schätzt du ihn als Spieler ein?
Hoppe ist ein Spieler mit viel Potenzial. Wenn er gradlinig und fokussiert für seine weitere Zukunft ist, dann denke ich, dass er ein großer Spieler werden kann. Er hat das Zeug dazu: Jetzt kommt es darauf an, wie er dieses Potenzial umsetzt.

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