Tausend Kilometer bis zum Glück - Geschwisterduo Diamant und Dorentina Berisha

Der Traum vom Profifußball lässt einen manche Hürde nehmen. Diamant Berisha hat dafür gleich mehrere Landesgrenzen überquert – zu Fuß. Nun spielt der 20-Jährige auf Schalke. Gemeinsam mit Schwester Dorentina, die ihm mitsamt der Familie gefolgt ist. Im Schalker Kreisel erzählen die Geschwister ihre Geschichte.

Der Weg, auf den Diamant Berisha zurückblickt, ist keineswegs gradlinig. Manch unerwartete Biegung prägt die Strecke, die dem 20-Jährigen in den Knochen steckt. Und sie beginnt im norwegischen Trondheim. Dort kommt der flinke Linksaußen am 22. Juli 2000 zur Welt. Dabei hätte sein Geburtsland auch Deutschland werden können. „Meine Eltern sind während des Kriegs im Kosovo nach Deutschland geflüchtet, wenig später aber nach Norwegen weitergezogen“, berichtet der U23-Spieler. „Dort haben sie die norwegische Staatsbürgerschaft erhalten.“

Viel vom skandinavischen Flair erlebt der Filius aber nicht. Nach Ende des Kosovo-Kriegs kehrt die Familie 2002 in die Heimat zurück. Mit dabei: Diamants kleine Schwester Dorentina, die am 27. Januar 2002 geboren wird. Erinnerungen an die Rückkehr hat die heute 18-Jährige selbstredend nicht mehr. Wohl aber an die Reise, die sie 13 Jahre später über mehrere Länder ins bayerische Rosenheim führen wird: „Es fällt einem natürlich schwer, die Heimat, Freunde und nahezu alle Habseligkeiten hinter sich zu lassen.“

Denn Familie Berisha macht sich 2015 erneut auf den Weg nach Deutschland. Mehr als einen Monat lang wandert sie in einer Gruppe mit weiteren Flüchtlingen über Serbien, Ungarn und Österreich bis zur deutschen Grenze. Der Kilometerzähler pirscht sich in diesen Tagen in den Tausenderbereich. „Im Kosovo herrschte kein Krieg, die Zustände waren aber trotzdem sehr instabil“, begründet Diamant den Mammutmarsch. Korruption und Armut prägen das eigene Land, die Hälfte der Bevölkerung ist arbeitslos. „Wir hatten den Traum von einem besseren Leben.“

Ein Traum, der die Familie manche Wegesqual erdulden lässt. Neben körperlichen Strapazen gehören Nächte im Freien über Wochen zur Tagesordnung. Immer wieder muss sich die Gruppe aufteilen, um die Polizei nicht auf den Plan zu rufen. Eine Etappe endet gar im Gefängnis: „Die Grenze von Serbien nach Ungarn wird streng kontrolliert. Bevor wir unsere Asylanträge erhalten haben, wurden wir inhaftiert“, erklärt Diamant. Schließlich erhalten sie die Papiere – und entfliehen den Gesetzesaugen in Richtung Österreich.

Das Leben, das sich die Berishas am Ziel erhoffen, ist maßgeblich geprägt von: Fußball. Symbolträchtig auch das Fluchtgepäck des U23-Talents – ein paar Fußballschuhe und ein Ball. „Der Weg war nicht schön, aber wir haben viel erlebt. Ich wusste, wenn wir es schaffen, würde ich hier umgehend in einem Verein spielen.“ Auch der Vater erhofft sich für seinen Sohn eine Zukunft im Profisport. „Meine ganze Familie ist verrückt nach Fußball“, betont Diamant.

Sogar auf einen verwandten Mentor kann der 20-Jährige in frühen Jahren zählen: Sein Cousin Albert Berbatovci kickte unter anderen für Rosenborg Trondheim – auch im Königsklassen-Aufeinandertreffen, das der S04 Ende 2007 in heimischer Arena mit 3:1 gewinnt. „Von ihm konnte ich mir viel abschauen. Das hat mich in meinem Wunsch nur bestärkt, selbst irgendwann einmal bei den Profis mitzumischen.“

Also ermöglicht die Familie ihm alles, um das Fundament zu legen. Fünf Jahre kickt der Linksaußen für den FC Prishtina, in Deutschland startet er in der U17 von Rot-Weiß Erfurt. Doch das Familiennetzwerk lotst ihn zwei Jahre später nach Nordrhein-Westfalen: „Ein Freund meiner Eltern, Lazar Popovic, arbeitet als Scout für Bayer Leverkusen, er hat mir den Schritt empfohlen“, erinnert sich der 20-Jährige. Für Ratingen 04/19 spielt er sechs Monate, ehe er sich für ein Jahr beim MSV Duisburg versucht.

Bei den Zebras, in deren Stadt die Familie nun seit 2018 wohnt, sieht er die Chance zum Sprung auf die große Bühne. „Meine Möglichkeiten waren anfangs wirklich gut, auch die Profis hatten bereits Interesse an mir.“ Dann steigt der Club ab, taumelt in finanzielle Engpässe, und die Jugend rutscht auf der Prioritätenliste nach unten. „Ich habe keine Chance mehr gesehen und bin dann für ein Jahr zurück nach Ratingen.“

Dass es nur ein Jahr wurde, ist besonders einem zu verdanken: U23-Scout Manfred Dubski, der das Talent im Sommer 2020 ans Berger Feld lotst. „Er hat mich beobachtet und mir ein Probetraining auf Schalke ermöglicht“, erklärt Diamant Berisha. „Nun bin ich froh, mich in solch einem professionellen Umfeld weiterentwickeln zu dürfen und möchte mit der Mannschaft möglichst viel Erfolg haben.“

Immerhin: Einige große Schritte sind ihm während seiner noch kurzen Schalker Periode bereits gelungen. Im Regionalliga-Team zählt er zu den Stammkräften, beim 2:2 gegen den SC Wiedenbrück glückte ihm sein erstes Tor. Und nur eine Woche später folgte Mitte November sein Nationalmannschaftsdebüt für die U21 des Kosovo. „Es ist eine unglaublich große Ehre, für sein Land aufzulaufen“, freut sich der Rohdiamant, der seinen Vornamen übrigens einer Tante verdankt. „Diamant hat in unserer Sprache dieselbe Bedeutung wie im Deutschen. Vielleicht hatte sie damals schon eine gewisse Vorahnung …“

Dabei geht beinahe ein wenig unter, dass auch Schwester Dorentina inzwischen das königsblaue Trikot trägt. Quasi ein Transfer im Doppelpack. Die zurückhaltende 18-Jährige hat sich bereits in frühen Jahren viel vom großen Bruder abgeschaut, kickte im Kosovo ebenfalls für den FC Prishtina. „Nun dürfen wir wieder im selben Club spielen, das bereitet uns viel Freude“, meint sie. Während Bruder Diamant mit der U23 deutlich leistungsorientierter unterwegs ist, spielt Dorentina mit der Dritten Mannschaft auf Hobbyebene. „Vielleicht schafft sie es ja noch höher, wenn sie sich ein wenig anstrengt“, wirft der große Bruder ein und lacht.

Alles in Allem hat sich Familie Berisha gut zurechtgefunden. Dem Asylantrag folgte das Bleiberecht, nun arbeitet jeder für eine bessere Zukunft. „Wir danken unseren Eltern für alles, was sie für uns getan haben“, sagt Diamant. Der Vater arbeitet als Bauhelfer, die Mutter in einer Jugendherberge, der 20-Jährige mit deutschem Hauptschulabschluss als Fußballer. Und Dorentina? „Ich mache aktuell ein Praktikum als Friseurin, das kann ich mir als Beruf gut vorstellen.“ Doch Karrieren auf dem Fußballplatz und im Friseursalon stehen nicht alleine auf dem Wunschzettel fürs kommende Jahr. „Vor allem Gesundheit“, soll es sein, wie Diamant hofft. „Und dass Corona aufhört, unseren Alltag zu bestimmen.“ Da kann seine Schwester nur beipflichten: „Wir möchten unser Leben zurück, wie es vor dem Virus war. Und eine gute Zeit in unserer neuen Heimat haben.“

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