Slawo Freier: "Immer dran bleiben"

Paul Freier weiß, was es bedeutet, ein großes Versprechen zu sein. Anfang des Jahrtausends befand sein Trainer Peter Neururer über den Jungen, den jeder nur „Slawo“ nannte: „Nimmt man seine fußballerische Klasse und seinen Charakter zusammen, dann gibt es in Deutschland kein größeres Talent.“ Es ist nicht überliefert, was der Gelobte damals dachte. Heute, mit dem Blick des Jugendtrainers, fände Freier solch ein Etikett wohl eher unangebracht.

Ob Neururers Einschätzung zutreffend war, sei dahingestellt. In jedem Fall steht der Fußballprofi Freier, der seit Sommer Co-Trainer der Schalker U19 ist, beinahe 400 Mal in der Ersten und Zweiten Bundesliga auf dem Platz, spielt mit dem VfL Bochum im UEFA-Cup und mit Bayer 04 Leverkusen in der Champions League. Er gewinnt gegen Real Madrid, ist 19-maliger deutscher Nationalspieler. Es läuft allerdings nicht nur rund. Nach seiner Bochumer Zeit erlebt der Außenbahnmann in Leverkusen vier durchwachsene Jahre. Verletzungen werfen ihn zurück, so verpasst er die Europameisterschaft 2004. Zum Abschluss seiner Karriere trägt er noch mal einige Jahre das VfL-Trikot. Journalisten schreiben rückblickend von der Karriere-Achterbahn.

„Es war eine sehr schöne Zeit als Fußballprofi, ich freue mich, dass so viel geklappt hat“, sagt Freier und lächelt sanft. Aber eigentlich blicke er nicht gerne zurück, betont der 38-Jährige. Vergangenheit ist für ihn weniger die Summe von Zahlen oder Daten, sondern vielmehr Ausdruck gelebter Erfahrungen und Werte. „Viele meinen: Der Freier war Profi, der hat alles“, sagt er. „Aber ich kenne auch andere Zeiten.“

1978 in Polen: Slawomir Freier wird im oberschlesischen Bytom geboren. Das Siechtum des Sozialismus wird sich in den folgenden Jahren langsam, aber sicher seinem Endstadium nähern. Das macht den Menschen das Leben nicht gerade leicht, wie er sich erinnert: „Als ich aufgewachsen bin, mussten wir uns für Brot noch anstellen.“ Lebensmittelkarten reglementieren die Versorgung. „Meine Eltern mussten am Ende des Monats schauen, wie sie noch genug zu essen für uns bekommen.“ Er hat bis heute nicht vergessen, wie es sich anfühlte, als er das erste Mal in Deutschland staunend vor einer Supermarkt-Auslage voller Bananen stand.

1990 ziehen die Freiers in die Bundesrepublik, zu Tante und Onkel ins Sauerland. Er wird deutscher Staatsbürger, lernt die neue Sprache, findet Freunde und erhält formal einen neuen Vornamen: Paul wird seinen Rufnamen Slawo aber nie verdrängen. Auch die Zuneigung zum Ball bleibt. Als Vierjähriger in Polen, so erzählt sein Vater Eugen später, konnte der Sohnemann das Spielgerät bereits 60, 70 Mal jonglieren. In der neuen Heimat verfolgt er die alte Leidenschaft.

Viele meinen: Der Freier war Profi, der hat alles. Aber ich kenne auch andere Zeiten.

Slawo Freier

Diese frühen Jahre prägen Slawo Freier; den Menschen, aber auch den Sportler und Trainer. Markige Sprüche oder protziges Gehabe sind seine Sache nicht. Er ist ein ruhiger, positiver, aber auch ehrgeiziger Typ und weiß zu schätzen, wie sich die Dinge in seinem Leben entwickelt haben. Demut und Dankbarkeit, Bodenständigkeit und Fleiß, diese Werte sind dem 38-Jährigen wichtig. Das will er weitergeben. Auch deswegen steht er jetzt an der Seitenlinie.

Der vierfache Vater mag die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Weil er nach der aktiven Zeit lieber auf dem Rasen als am Schreibtisch arbeiten will, beginnt er seine Trainerlaufbahn beim VfL Bochum als Assistent in der U16 und U19, ehe er für ein Jahr beim FC Iserlohn als Chefcoach der A-Junioren Eindruck macht. Schalke 04 wird aufmerksam. Der Club, gegen den Freier seinen erstes Tor im Profifußball geschossen hat. Die Führung für Bochum im Nachbarschaftsduell, das 1:1 endete. Freier trifft sich mit Norbert Elgert, dem Chef-Trainer der königsblauen U19, beide verstehen sich auf Anhieb und sind ab dieser Saison ein Trainergespann. „Unsere Sichtweisen ähneln sich“, findet Freier.

Der A-Lizenzinhaber arbeitet mit Jungen in einer komplexen persönlichen Gemengelage zusammen: Die Spieler befinden sich noch im Erwachsenwerden und stehen sportlich kurz vor dem Seniorenbereich. Er weiß, dass der Hype schneller kommen kann als früher und dann nur vielleicht zehn Prozent den Sprung in die Bundesliga schaffen. „Ich will den Spielern zeigen, dass man sich anstrengen und auf viel verzichten muss“, erklärt er. In diesem Alter machen sie den Führerschein, können in Discos gehen, Verlockungen lauern. Aber es kann auch passieren, dass die Einsätze ausbleiben, der Kader voll und der Spieler frustriert ist. Die Kunst sei in jedem Fall, „hartnäckig zu sein, zu trainieren und nicht auf falsche Gedanken zu kommen“, sagt Freier. „Du musst immer dranbleiben.“

Dieser Rat gilt für die Talente, die er begleitet, aber eigentlich genauso für ihn und seinen eigenen Weg als Trainer. Er möchte sich in Ruhe entwickeln, sich Zeit nehmen. Die Knappenschmiede sei ein Sechser im Lotto. Irgendwann will er den Fußballlehrer absolvieren, die höchste Qualifikation deutscher Übungsleiter. Was danach kommt? Mal sehen. Zeitlich hat Freier sich nicht festgelegt, er denkt „Schritt für Schritt“. Dranbleiben. Damit ist er stets gut gefahren.

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