Ailton: Ich hätte auf Schalke bleiben sollen

2004 verpflichtet Schalke Bundesliga-Torschützenkönig Ailton - ablösefrei vom Double-Sieger Werder Bremen. Im neuen Trikot erzielt der Brasilianer 14 Treffer in 29 Ligaspielen, doch dann sagt er tschüss. Warum? Ailton, der heute in den USA lebt, versteht es selbst nicht mehr.

Ailton

Ein herrlicher Nachmittag im Juli 2004. Der königsblaue Himmel über dem spiegelglatten Bodensee hat sich, dem Anlass entsprechend, mit schneeweißen Wattewölkchen geschmückt. Schließlich ist der FC Schalke 04 zu Gast: Trainingslager im idyllischen Ferienörtchen Moos. Mit dabei im illustren Kader von Chef-Trainer Jupp Heynckes sind zwei prominente Zugänge aus Bremen, die sich erstmals der mitgereisten Journaille präsentieren: der hoch aufgeschossene Serbe Mladen Krstajic und der eher gedrungene Ailton Goncalves da Silva, mit 28 Saisontreffern Torschützenkönig der abgelaufenen Bundesliga-Serie. Die Pressekonferenz des ungleichen Duos gerät zum Schauspiel: Wann immer der Innenverteidiger eine Frage beantworten will, beginnt der Mittelstürmer derartig zu blödeln, dass Krstajic vor Lachen kein gerades Wort herausbringt. So gibt Ailtons erster großer Auftritt als Königsblauer einen trefflichen Vorgeschmack auf die folgenden zwölf Monate, in denen es meistens lustig, mitunter turbulent und garantiert niemals langweilig zugeht.

Die Medienvertreter jedenfalls sind begeistert, denn an Storys mangelt es ihnen zu keiner Zeit: Dem Fotografen des Jugendmagazins Bravo Sport öffnet Ailton sein Zimmer im Mannschaftshotel. Dass dort, auf den Bildern bestens sichtbar, eine halbleere Familienpackung Kinder-Riegel auf dem Tisch liegt, stört den „Kugelblitz“ nicht im Geringsten. Ailton ist schließlich ein lebenshungriger Showman und kein langweiliger Asket. In einem späteren Kurz-Trainingslager reitet der damals bekannteste und beliebteste Bundesliga-Profi auf einem ausgewachsenen Pferd zum Platz. Warum nicht? „Das‘ Ailton!“, radebrecht er in seinem unverwechselbaren Kult-Kauderwelsch. „Auf Platz muss immer konzentrier‘ und schieß‘ Tor. Aber neben Platz muss mache‘ Spaß.“

Ailton auf einem Pferd

Der Saisonstart hingegen verläuft gar nicht lustig – weder für Schalke, noch für den neuen Star. Die Knappen verlieren drei der ersten vier Ligapartien, und Heynckes muss seinen Hut nehmen. Zum 7. Spieltag (3:2 gegen den VfL Bochum) übernimmt Ralf Rangnick. Und Ailton? Der sitzt gerade eine Sperre ab, weil er sich im dritten Spiel beim 0:2 gegen Hansa Rostock eine Doppel-Tätlichkeit gegen Joakim Persson und Uwe Möhrle geleistet hat. Erst am 8. Spieltag, beim 1:0-Auswärtssieg über die Bayern, darf er wieder mit Ball angreifen. Eine Partie später gelingt ihm endlich sein erstes Ligator für Schalke beim 2:1-Sieg gegen den 1. FSV Mainz 05. Es ist der Auftakt zu sechs bärenstarken Ailton-Monaten mit 13 Treffern in 19 Duellen. Vielleicht ist es auch diese Phase der totalen Goalgetter-Glückseligkeit, die den Brasilianer rückblickend zugeben lässt: „Dass ich Schalke nach nur einem Jahr wieder verlassen habe, war natürlich ein Fehler. Ich hatte ja noch ein bis zwei Jahre Vertrag und hätte einfach bleiben sollen, auch wenn mein Temperament mir damals sagte: Geh!“

Der Ailton im Jahr 2020 ist ein ganz anderer Mensch als die impulsive und exzentrische Diva von damals. Der mittlerweile 46-Jährige hat sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und lebt mit Ehefrau Rosalie sowie den vier gemeinsamen Kindern Maria, Alexandra, Estella und Ailton jr. im texanischen Dallas, wo auch Rosalies Tochter aus erster Ehe, Briseida, zu Hause ist. „Sie wollte ihre Mama gerne bei sich haben, also sind wir in die USA gegangen und haben die Kinder dort in der Schule angemeldet“, erklärt Familienmensch Ailton seinen Weltenwandel. „Texas liegt ja außerdem sehr nahe bei Mexiko, der Heimat meiner Frau.“ Und so führen die „Ailtons“ in Dallas ein beschauliches, bürgerliches Leben in einem kleinen Vorstadthäuschen mit hübschem Zaun und grünem Garten. Rosalie arbeitet als Kosmetikerin, während der Gatte geschäftlich zwischen Brasilien, Deutschland und den Vereinigten Staaten pendelt: In seinem nordost-brasilianischen Heimatort Mogeiro betreibt der begeisterte Rodeo-Reiter eine Pferderanch, die Vater und Bruder verwalten. Ailton selbst ist regelmäßig als Repräsentant für Ex-Club Werder Bremen im Einsatz, außerdem tritt er als TV- und Internet-Werbestar auf (etwa für einen Geflügel-Lieferanten und einen norddeutschen Energieversorger) und schwingt zuletzt für „Let’s Dance“ bei RTL das Tanzbein. Etwa vier-, fünfmal im Jahr reise ich aufgrund von Terminen nach Deutschland“, verrät er.

Auf Platz muss immer konzentrier‘ und schieß‘ Tor. Aber neben Platz muss mache‘ Spaß.

Ailton

Daheim in Dallas fungiert Ailton obendrein als fußballerischer Ratgeber für Tochter Alexandra (15), die erfolgreich im Mädchenteam ihrer High School kickt – allerdings auf einer ganz anderen Position als einst der Papa: „Alexandra ist eher ein Spielertyp wie Naldo“, erklärt Ailton grinsend: „Sie ist Innenverteidigerin, sehr zweikampf- und kopfballstark. Aber wenn ihre Mannschaft kurz vor Schluss zurückliegt, beordert der Trainer sie nach vorne.“ Für Alexandra und die Familie könnte die fußballerische Begabung demnächst bares Geld wert sein, denn herausragende Talente erhalten in den USA ein Sportstipendium fürs College. Das spart rund 40.000 Dollar Studiengebühren für vier Jahre. Ailton aber weiß nicht, ob er sich darüber wirklich freuen könnte: „Das hieße ja, wir würden mindestens vier weitere Jahre in Dallas bleiben.“ Lieber würde er in spätestens zwei, drei Jahren wieder nach Brasilien oder nach Deutschland ziehen und junge Talente aus seiner Heimat in die Bundesliga vermitteln: „Die USA sind irgendwie nicht so mein Land.“

Während der Rückrunde der Saison 2004/2005 packt Ailton auch auf Schalke dieses unterschwellige Gefühl der Rastlosigkeit: Er will weg, früher oder später. Im Februar erklärt er in der „Bild am Sonntag“: „Ich habe bis 2006 unterschrieben, dann gibt es für Schalke und mich eine beidseitige Option, den Vertrag um ein Jahr zu verlängern. Aber heute sage ich: Diese Option werde ich nicht ziehen.“ Der Grund für die trotzige Haltung ist hausgemacht: Stress mit dem Trainer. Zwischen dem südamerikanischen Instinkt-Torjäger und dem schwäbischen Konzeptfußball-Verfechter Rangnick ist eine Art Kulturkampf entbrannt. Es geht um Ailtons mannschaftstaktisches Verhalten.

Der Tiefpunkt datiert vom 31. Spieltag. Beim 3:3 gegen Bayer Leverkusen (nach 3:1-Führung) ist der Stürmer nur Ergänzungsspieler: Anstatt sich hinterm Tor aufzuwärmen wie die übrigen Reservisten, verharrt der schmollende Ailton relativ regungslos auf dem Rasen. „Wenn einer wie im Freibad auf dem Hosenboden sitzt, hat es keinen Sinn, ihn zu bringen“, schimpft Rangnick nach dem bitteren Punkteverlust. „Bis Ailton aufsteht und auf Betriebstemperatur kommt, ist das Spiel längst vorbei.“ Und so vergibt Schalke an jenem 30. April 2005 die letzte theoretische Chance auf die Meisterschaft. Obendrein verpasst das Team einen großen Schritt in Richtung vorzeitiger Champions-League-Qualifikation. Themen der Woche aber sind das ungleiche Gespann und dessen absehbare Trennung.

Ailton bejubelt ein Tor

Dabei haben Trainer und Torjäger gut zwei Wochen zuvor einen großen gemeinsamen Sieg gefeiert. Bis zum heutigen Tag benötigt Ailton nur das Stichwort „Pokal-Halbfinale 2005“, und es sprudelt förmlich aus ihm heraus: „Damals hatten wir ein Heimspiel gegen meinen Ex-Club Werder Bremen. Ich hatte das schon vor der Auslosung geahnt, nein: gewusst. Und es wurde eine großartige Partie mit fantastischen Spielern wie Mladen Krstajic oder Lincoln auf der einen Seite und Fabian Ernst oder Johan Micoud auf der anderen.“ Ausgerechnet Ailton rettet die Knappen mit seinem späten Treffer zum 2:2 ins Elfmeterschießen. „Aber dann habe ich meinen Versuch vom Punkt an die Latte geknallt“, erinnert sich der Held von einst und schlägt sich lachend die Hände vors Gesicht. Am Ende entscheidet S04-Keeper Frank Rost mit seinem selbst verwandelten Elfmeter das Spiel – noch ein ehemaliger Bremer. „Das war wirklich ein total verrückter Abend. Ich glaube, das Spiel ging bis Mitternacht, die Arena kochte am Ende völlig über. Diese Bilder und der Jubel haben sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt, ebenso wie das Finale in Berlin.“ Auch wenn besagtes Endspiel mit 1:2 knapp an Bayern München geht. „Alles in allem war es trotzdem keine schlechte Saison von uns“, meint der 46-Jährige: „Wir waren Vizemeister und Vizepokalsieger, jeweils hinter Bayern, außerdem hatten wir zu Saisonbeginn den UI-Cup gewonnen und so die Teilnahme am UEFA-Cup gesichert. Puh, wir hatten wirklich viele Spiele damals.“

Heute steigt Ailton nur noch sporadisch in seine Fußballschuhe mit Größe 41. „Ich stehe in Kontakt mit Dieter Burdenski, der die Traditionself des SV Werder managt“, erzählt der „Kugelblitz“. „Bremen ist noch im mer der Verein meines Herzens, und manchmal spiele ich bei den grün-weißen Legenden mit, zusammen mit Fabian Ernst und anderen Jungs von früher. Anfang 2019 habe ich für Werder zwei Hallenturniere in Oldenburg und Hannover bestritten, wo wir jeweils gegen Schalke gewonnen haben.“ Auch in Dallas geht er dann und wann auf Torejagd: „Ich spiele in einem Team in der regionalen Amateurliga. Die meisten meiner Mitspieler sind viel jünger als ich, manche erst Anfang 20“, verrät der Altstar und schmunzelt: „Eins könnt ihr mir trotzdem glauben: Ich bin dort immer noch der Schnellste, auch wenn ich nicht mehr ganz so flink bin wie früher in der Bundesliga – schade, aber alles geht irgendwann vorbei.“

Ich hätte damals nur etwas mehr Geduld haben müssen.

Ailton

Auch Ailtons ereignisreiches Jahr auf Schalke schreitet im Juli 2005 unaufhaltsam Richtung Ende. Zwar kehrt der Brasilianer entgegen anderslautender Spekulationen pünktlich aus dem Sommerurlaub zurück. Doch er ist gekommen, um zu gehen. So endet diese Geschichte, wie sie begonnen hat: mit Impressionen aus dem Trainingslager. In der Vorbereitung auf die Saison 2005/2006 gastiert der S04 im österreichischen Bad Radkersburg. Doch der Mann mit der Rückennummer 9 klebt dermaßen oft am Handy, dass jeder spürt: Da ist was im Busch. Und tatsächlich, am Morgen des 19. Juli fährt am Teamquartier „Romantik Hotel im Park“ ein schwarzer Wagen mit verdunkelten Heckscheiben vor. Der Fahrer hat den Auftrag, Herrn Ailton Goncalves da Silva abzuholen und zum nahen Flughafen Graz zu chauffieren.

Das eigentliche Ziel des Torjägers lautet Istanbul, wo er bei Besiktas unterschreibt. Die Ablöse beträgt dem Vernehmen nach 3,5 Millionen Euro, und Ailton bindet sich für zwei Jahre an den türkischen Verein. Doch nach nur sechs Monaten wird sein stürmisches Abenteuer am Bosporus enden, und der weitere Weg gerät zur traurigen Odyssee: Hamburger SV, Roter Stern Belgrad, Grasshopper Club Zürich, MSV Duisburg, Metalurg Donezk, SCR Altach, Campinense Clube, Chongqing Lifan, KFC Uerdingen, FC Oberneuland, Rio Branco EC – von 2006 bis 2011 wird Deutschlands Fußballer des Jahres 2004 sage und schreibe elf Stationen durchlaufen. Sein allerletzter Verein, Hassia Bingen (2014), ist zugleich der erste von Suat Serdar und spielt zu diesem Zeitpunkt gerade mal siebtklassig. Doch da ist Ailton bereits 41 – und hat ein Gastspiel im RTL-„Dschungelcamp“ in den Knochen stecken.

„Wäre ich im Juli 2005 nicht so überhastet von Schalke nach Istanbul gewechselt, wäre meine Karriere sicher anders verlaufen und vor allem: besser“, glaubt er. Stolze 106 Tore hat Ailton in 219 Bundesliga-Spielen für Bremen, Schalke, Hamburg und Duisburg erzielt. „Ich hätte damals nur etwas mehr Geduld haben müssen, das wäre vermutlich cleverer gewesen. Aber hinterher ist man ja immer schlauer.“

Schalker Kreisel

Der Text ist ursprünglich im Schalker Kreisel #8 der aktuellen Saison erschienen.

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