Als Schalke einen Weltstar holte

Zur Saison 1968/1969 verpflichten die Knappen einen der besten Fußballer seiner Zeit: Franz Hasil. Doch auf Schalke kann der Wiener sein Können nie zeigen. „Ich durfte nicht“, betont Hasil, der nur ein Jahr später Henkelpott und Weltpokal gewinnt.

Franz Hasil

Silvesterabend 1968: Mannschaft, Betreuer und Funktionäre des FC Schalke 04 begehen den Jahreswechsel auf einer offiziellen Vereinsgala in Gelsenkirchen. Die Spieler um Neuzugang Hasil von Rapid Wien und Rückkehrer Stan Libuda vom BVB tragen feine Anzüge mit Club-Emblem sowie seidene Krawatten. Doch Hasil, dem österreichischen Freigeist, ist dieser Rahmen zu steif. Kurz vor dem Dessert, die Uhrzeiger wandern zielstrebig auf Mitternacht zu, fragt er seine Frau Ingeborg gut vernehmlich, ob er nicht zu Hause nach den Kindern schauen solle. Die Kleinen könnten ja Angst bekommen, wenn das Feuerwerk losginge. Gemeinsam mit seinem aus Wien angereisten Bruder Johann verlässt er die Gala. Doch sein Ziel ist nicht etwa die heimische Wohnung, wo er die Kinder in bester Obhut eines Babysitters weiß. Hasil und einige Mitspieler treffen sich heimlich in einem Gelsenkirchener Szenelokal, wo sie deutlich ungezwungener feiern können.

Hasils Silvester-Anekdote ist quasi ein Sinnbild für dessen einjähriges Gastspiel auf Schalke: Der Nationalspieler der Alpenrepublik ist ein äußerst raffinierter Fußballer, aber in den ganz großen Momenten glänzt er gerne mal durch Abwesenheit. So auch knapp sechs Monate später, am 14. Juni 1969. Es ist der Tag des Pokal-Endspiels in Frankfurt, wo der S04 auf den frisch gebackenen Deutschen Meister Bayern München trifft. Nur einer fehlt: Hasil. Der damals 24-Jährige ist allerdings weder verletzt noch gesperrt, sondern weilt in Rotterdam und verhandelt über einen Wechsel zu Feyenoord, wie der heute 75-Jährige verrät: „Es war bereits klar, dass ich den Verein verlassen würde. Deshalb hatte Präsident Günter Siebert mich freigestellt – auch, damit ich mich nicht mehr verletze.“ Die Nachricht von Schalkes 1:2-Finalniederlage (Tor: Manfred Pohlschmidt) erreicht Hasil per Telefon. Bald darauf geht er für 700.000 D-Mark Ablöse in die Niederlande – und beendet ein gewaltiges Missverständnis, das so leicht hätte aufgeklärt werden können …

Schalke war damals der bekannteste Verein in Deutschland, die Bayern waren ja in den Sechzigerjahren erst im Kommen.

Franz Hasil

Ein Jahr zuvor: Im Frühsommer 1968 sieht die Welt noch ganz anders aus. Franz Hasil kommt vom österreichischen Double-Sieger Rapid an den Schalker Markt. Im Gegenzug fließt eine halbe Million Mark nach Wien, doch diese Investition wird sich rechnen, glaubt S04-Boss Siebert, schließlich gilt der Neue als kommender Weltstar. Der leichtfüßige Spielmacher aus dem Wiener Vorort Schwechat hat alles, was man dazu benötigt: ein gutes Auge, einen begnadeten rechten Fuß, einen passablen linken und einen untrüglichen Torriecher. Sein Lieblingstrick, ein verfeinerter Übersteiger namens „Hasen-Schmäh“, lässt jeden Verteidiger ins Leere grätschen. „Mit Rapid waren wir in den vorangegangenen Europacup-Spielzeiten auf Braunschweig und Bayern getroffen“, erzählt der einstige Ballvirtuose beim Interview mit dem Schalker Kreisel in einem Wiener Caféhaus. „Siebert hatte mich spielen sehen und offenbar für gut befunden.“ Für Hasil geht mit dem Transfer ein großer Traum in Erfüllung, denn: „Schalke war damals der bekannteste Verein in Deutschland, die Bayern waren ja in den Sechzigerjahren erst im Kommen.“

Zu Beginn der Saison 1968/1969 hat Hasil noch Akklimatisierungsprobleme, doch spätestens am 8. Spieltag scheint klar: Sieberts Diamantenauge hat den „Präses“ auch diesmal nicht getrogen. Beim 4:1-Heimsieg gegen den Deutschen Meister 1. FC Nürnberg trifft Schalkes Österreicher gleich dreimal. „Das war ein besonderer Tag, denn beim FCN saß mein Landsmann Max Merkel auf der Trainerbank“, erzählt Hasil. „Aber wirklich glücklich war ich selbst nach diesem Spiel nicht.“ Der Grund ist simpel: S04-Coach Günter Brocker stellt Hasil meist als Mittelstürmer auf – ein Missverständnis, denn diese Position behagt dem schmächtigen 1,74-Meter-Mann absolut nicht. „Ich musste gegen Schränke wie Bayerns ,Katsche‘ Schwarzenbeck oder Bremens Horst-Dieter Höttges spielen“, berichtet Hasil mit schmerzverzerrter Miene: „Damals gab es ja noch Manndeckung und ständig auf die Knochen.“ In Bremen wird Hasil von Höttges derartig umgesenst, dass er fünf Meter weit durch die Luft fliegt. In seiner Wut wirft er dem Werderaner ein altwienerisches Schimpfwort an den Kopf: „Horst, du bist ein richtiger Kübel!“ Höttges‘ Konter: „Franz, sag nicht Eimer zu mir!“

Franz Hasil

Als Chef-Trainer Brocker im November wegen Erfolglosigkeit gehen muss, keimt bei Hasil die zarte Hoffnung auf eine Versetzung ins Mittelfeld auf – allerdings nur kurzzeitig: „Auch sein Nachfolger Rudi Gutendorf sah mich offenbar als Mittelstürmer. Und nun wurde alles noch viel schlimmer, denn Gutendorf ließ äußerst defensiv spielen, sodass ich vorne ganz auf mich allein gestellt war.“ Hasil sucht das klärende Gespräch mit dem Übungsleiter, doch „Riegel-Rudi“ bleibt stur. In seiner Verzweiflung wendet sich der Österreicher an die nächsthöhere Instanz: „Günter Siebert verstand mich, er hatte mich schließlich als Spielmacher geholt, doch die Aufstellung machte der Trainer.“ Hasil muss weiter mit der ungeliebten Position in vorderster Linie leben, und Schalke beendet die Hinrunde auf einem katastrophalen 17. Platz.

Es wird frostig. Eines Tages während des Trainings steht der Coach im Mittelkreis vor einer Staffelei und pinselt in aller Seelenruhe vor sich hin, während die Mannschaft Runde um Runde läuft. „Wir waren alle stinksauer“, erinnert sich Hasil. Als Gutendorf zwischenzeitlich in der Kabine verschwindet, schnappt sich der Legionär einen herumliegenden Ball, nimmt Maß und schießt die frisch bemalte Leinwand entzwei. „Als der Trainer zurückkam und das zerfetzte Bild sah, war er außer sich und schrie: ,Wer war das?‘ Aber keiner aus der Mannschaft verriet mich. Da brüllte Gutendorf: ,Okay, dann macht ihr jetzt alle gemeinsam Sprinttraining.‘ Am folgenden Spieltag konnte kaum einer von uns geradeaus laufen, so übersäuert waren unsere Muskeln.“

Zum sportlichen Dilemma gesellt sich das Heimweh. „Ich wohnte mit meiner Familie mitten in Gelsenkirchen“, erinnert sich der Österreicher. „Das war eine Umstellung, denn damals war die Stadt noch eine richtige Kohle-Hochburg. Wenn wir nachts die Schlafzimmerfenster offenließen, lag am nächsten Morgen eine dicke schwarze Staubschicht auf dem Nachttisch, und die blütenweiße Bettwäsche war mausgrau.“ Auch mit der deutschen Küche fremdelt er sehr: „In Deutschland isst man Schnitzel mit Sauce – fürchterlich, so was hatte ich nie zuvor gesehen“, erinnert sich der Genussmensch aus der Heimat des Wiener Schnitzels. „Glücklicherweise gab es in Gelsenkirchen ein sehr gutes jugoslawisches Restaurant.“

Ich hätte mehr gezeigt, wenn man mich nur gelassen hätte.

Franz Hasil

Im Februar 1969 wird besagtes Lokal zum Schauplatz eines Treffens, das Hasils Abschied von den Knappen einleitet. An einem Tisch im hintersten Eck sitzen zwei Ehepaare aus Österreich und plaudern munter über Belangloses: Franz Hasil mit Ehefrau Ingeborg sowie Ernst Happel und dessen Gattin Elfriede. Happel, damals Trainer bei ADO Den Haag, ist mit dem Auto über die Grenze gekommen, doch sein scheinbar privater Besuch ist in Wahrheit ein handfester Abwerbeversuch: Happel verrät Hasil, dass er in der folgenden Saison Coach bei Feyenoord wird. Und dann sagt der „große Grantler“ etwas, das den kleinen Spielmacher zutiefst beeindruckt: „Ich werde nur einen einzigen Spieler nach Rotterdam holen: dich!“ Happel, der selbst aus Wien stammt, weiß genau, was sein Wunschkandidat kann. Doch er weiß auch, was diesem noch fehlt. Jahrzehnte später wird die Trainerlegende erzählen: „Der Hasil war ein gottbegnadeter Fußballer, nur hat man ihm die Einstellung beibringen müssen.“

Anfang 1969 aber ist Hasil noch Spieler der Knappen, die in der zweiten Saisonhälfte plötzlich ins Rollen kommen. Am Ende ist Schalke sogar bestes Rückrundenteam – mit neun Siegen, fünf Unentschieden und nur drei Niederlagen. In der Abschlusstabelle reicht es immerhin zum siebten Platz, und als Pokalfinalist darf der S04 in der Folgesaison international spielen. Hasil aber ist zuletzt nur noch Edelreservist und will schleunigst weg. Nicht einmal das Handgeld von 10.000 Mark, das Siebert für einen Verbleib in Aussicht stellt, kann diesen Beschluss noch kippen. Unterm Strich stehen fünf Tore und zwei Vorlagen in 23 Bundesliga-Einsätzen. Zu wenig für einen Mittelstürmer – und wohl auch weniger, als der Spielmacher Hasil hätte beisteuern können. „Ganz ehrlich: Ich hätte mehr gezeigt, wenn man mich nur gelassen hätte“, meint der Unverstandene heute. „Aber ich durfte ja die gesamte Saison über nie im Mittelfeld ran.“

Stan Libuda und Franz Hasil

Was er wirklich kann, demonstriert er nach seinem Wechsel: An der Seite der niederländischen Mittelfeld-Asse Wim Jansen und Willem van Hanegem gewinnt er in seiner ersten Saison mit Feyenoord den Europacup der Landesmeister. Im Finale siegen die Rotterdamer mit 2:1 nach Verlängerung gegen Celtic Glasgow. Im Spätsommer 1970 folgt der Weltpokalsieg nach zwei umkämpften Endspielen gegen Estudiantes de La Plata aus Argentinien (2:2 in Buenos Aires, 1:1 in Rotterdam).

Jetzt ist Hasil endgültig ein Weltstar und wird per Umfrage zur zweitbekanntesten Person in den Niederlanden gekürt – knapp geschlagen von der damaligen Königin Juliana. Als die Monarchin den Österreicher daraufhin zur Audienz einbestellt, kommt es zu einem bemerkenswerten Dialog, den Hasil so wiedergibt: „Die Königin zu mir: ,Herr Hasil, Sie haben einen sehr interessanten Beruf.‘ Ich in meinem Dialekt: ,Majestät, Sie ham auch a scheene Hackn (Wienerisch für Maloche; Anm. d. Red.).“

Im Sommer 1971 gewinnt der Charmeur mit Feyenoord auch noch den Meistertitel. Wenig später darf er mit Johan Cruyff, Eusebio und Gianni Rivera in einer Weltauswahl kicken. Doch allmählich sinkt sein Stern. Als Ende 1972 bekannt wird, dass er seinen Abschied aus Rotterdam plant, macht das Gerücht von einer Rückkehr nach Schalke die Runde. Günter Siebert will einen Tauschhandel: die im Zuge des Bundesliga-Skandals gesperrten Klaus Fischer und Jürgen Sobieray gegen Hasil. Den Österreicher aber zieht es im Sommer 1973 in seine Heimat. „Ich hatte damals viele Angebote“, erinnert sich der 75-Jährige. „Neben Schalke wollte mich auch der AC Mailand. Doch Feyenoords Präsidium stellte klar, dass sie mich – wenn überhaupt – nur nach Österreich ziehen lassen.“ Die Entscheidung für Austria Klagenfurt ist eine für mehr Lebensqualität und weniger Stress, wie er kurz vor seinem Fortzug aus Rotterdam durchblicken lässt: „Hier muss ich zweimal täglich trainieren und in jedem Spiel 90 Minuten rackern. Wenn ich in Österreich zwei gute Spiele mache, kann ich in den folgenden dreien auch mal nichts tun.“

Wenn ich in Österreich zwei gute Spiele mache, kann ich in den folgenden dreien auch mal nichts tun.

Franz Hasil

Durch seinen Abschied verpasst Hasil ein Wiedersehen mit den Königsblauen, denn am 4. August 1973 gastiert Feyenoord zur Einweihung des Parkstadions in Gelsenkirchen und gewinnt mit 2:1. Knapp vier Monate später wird auch Hasil auf der legendären Rolltreppe ins gewaltige Oval einfahren, diesmal im Trikot der österreichischen Nationalmannschaft, die ein Entscheidungsspiel um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 1974 bestreiten muss – und bei starkem Schneefall mit 1:2 gegen Schweden verliert. „So durfte ich immerhin das Parkstadion kennenlernen“, erklärt Hasil mit süß-saurer Miene.

Den Draht nach Gelsenkirchen lässt der Ex-Schalker nie ganz abreißen, hält noch lange Kontakt zu Reinhard Libuda und Friedel Rausch. „Mit der Familie Rausch waren wir sogar gemeinsam im Italien-Urlaub, später habe ich den Friedel in der Schweiz besucht.“ Auch seinen 2017 verstorbenen Ex-Präsidenten trifft er noch einige Male: „Immer, wenn ich auf Gran Canaria war, habe ich Günter Siebert dort in seinem Pub besucht“, berichtet der rüstige Rentner, der längst wieder in Wien lebt. Die Spiele der Königsblauen schaut Franz Hasil sich regelmäßig im Fernsehen an. „Auch wenn es damals nicht gepasst hat: Schalke ist ein ganz besonderer Verein. Und es war alles andere als selbstverständlich, dass ich als Österreicher dort spielen durfte.“ Wenn auch auf der falschen Position. „Wer weiß, was sonst daraus geworden wäre …“

Schalker Kreisel

Der Text ist ursprünglich im Schalker Kreisel #7 der aktuellen Saison erschienen.

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