#stehtauf: Ein Gespräch über Judenhass und Engagement gegen Diskriminierung

Zum 76. Mal jährte sich an diesem 27. Januar die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Anlässlich dieses Gedenktags und im Rahmen der diesjährigen Schalker #stehtauf-Woche sprechen Judith Neuwald-Tasbach, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, und Sebastian Buntkirchen, Direktor für Fans und Vereinsangelegenheiten des S04, über Schalkes Engagement gegen Judenfeindlichkeit und jede Form von Diskriminierung.

Sebastian Buntkirchen und Judith Neuwald-Tasbach

Auschwitz – ein Ort, der für millionenfachen Mord insbesondere an jüdischen Mitbürger*innen und ihr unsagbares Leid sowie für die entsetzliche Brutalität und Unmenschlichkeit der Nationalsozialisten steht. In Auschwitz ermordeten die Nazis auch Schalkes Spieler Ernst Alexander.

Der FC Schalke 04 hat sich damals nicht schützend vor die jüdischen Mitglieder seiner Vereinsfamilie gestellt. Daraus erwächst für den S04 eine Verantwortung für die Zukunft: nicht zu vergessen, was damals geschah und sich ohne Unterlass für ein friedliches, vielfältiges Miteinander einzusetzen. Denn das, was damals geschah, darf NIE WIEDER geschehen.

Der FC Schalke 04 hat sich der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und ihrer Arbeitsdefinition des Antisemitismus angeschlossen. Warum ist das ein wichtiges Zeichen?
Judith Neuwald-Tasbach: Die IHRA hat viele Menschen und Organisationen in vielen Ländern der Erde zusammengebracht. Mit ihrer Arbeitsdefinition des Antisemitismus trägt sie wesentlich dazu bei, über den Holocaust aufzuklären, die Erinnerung an diese furchtbare Zeit zu bewahren und erkennbar zu machen, wie vielfältig der heutige Antisemitismus ist. Sie erklärt, was Antisemitismus ganz genau ist und in welchen Spielarten er in unserer Gesellschaft vorkommt. Der FC Schalke 04 ist in unserer Stadt ein wichtiges soziales Bindeglied. Und er ist ein Anziehungspunkt für ganz viele Fans unterschiedlichster kultureller und sozialer Herkunft. Sein Leitbild sind Respekt und gemeinsame Leidenschaft, Toleranz sowie Ablehnung von Diskriminierung, Gewalt und Rassismus. Mit diesen Spielregeln stellt er sich gegen Menschenverachtung. Daher ist es nur folgerichtig, dass sich unser Verein der International Holocaust Remembrance Alliance angeschlossen hat.

Wie gedenkt der Verein der im Dritten Reich verfolgten und ermordeten jüdischen Mitglieder der Vereinsfamilie?
Sebastian Buntkirchen:
Schalkes Erinnerungskultur ist seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten sehr ausgeprägt und vielfältig. Das Wissen um unsere jüdischen Vereinsmitglieder vor und während der NS-Zeit verdanken wir der Studie „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau“, die Schalke 2004 beim Institut für Stadtgeschichte in Auftrag gegeben hat. Die Studie beleuchtet nicht nur die Rolle des Clubs im Dritten Reich, sondern auch die Biografien jüdischer Spieler, Förderer und Funktionäre. 2013 haben wir für sie eine Gedenktafel an der Tausend-Freunde-Mauer eingeweiht, damit haben wir sie symbolisch zurück in die Vereinsfamilie geholt. Vor einiger Zeit haben wir uns dann auf Spurensuche begeben, um ihre Biografien weiter zu vervollständigen. Unsere Leitfragen: Wo lebten diese Vereinsmitglieder in Gelsenkirchen? Welche Rolle spielten sie bei Schalke und welches Leid haben die Nazis ihnen zugefügt? Die Erkenntnisse haben wir in einem Band zusammengefasst, der die Leser*innen zur Spurensuche anleitet.

Wir müssen gemeinsam unsere Grundrechte schützen, sie sind die Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Judith Neuwald-Tasbach

Welche Aktivitäten unternimmt der Verein, um seinen Standpunkt in Bezug auf Antisemitismus und Rassismus deutlich zu machen?
Sebastian Buntkirchen:
Im Verlauf eines jeden Jahres zahlreiche. Wir veranstalten immer wieder Fachvorträge und Workshops zu den Themen Antisemitismus und Diskriminierung im Fußball, um die Teilnehmer zu sensibilisieren. Für unsere Fans bieten wir regelmäßig Gedenkstättenfahrten an. 2018 haben wir außerdem die Ernst Alexander Auszeichnung ins Leben gerufen. Damit zeichnen wir jährlich bürgerschaftliches Engagement für Vielfalt, Toleranz und Integration aus. Seit der Saison 2019/2020 bündeln wir dieses Engagement unter dem Leitmotiv #stehtauf, um unsere Entschlossenheit im Kampf gegen jede Form von Antisemitismus und Diskriminierung zum Ausdruck zu bringen. Bereits zum zweiten Mal veranstalten wir in diesen Tagen eine #stehtauf-Aktionswoche mit einem Vortrag zur Geschichte des Antisemitismus, einer ausführlichen #stehtauf-Strecke im Schalker Kreisel und der Verleihung der Ernst Alexander Auszeichnung.

Welche unterschiedlichen Formen des Antisemitismus gibt es heute und wie äußern sie sich?
Judith Neuwald-Tasbach:
Es gibt heute auch im Stadion nicht nur den Antisemitismus von rechts, sondern auch den der extremen Linken und der extremen Islamisten. Zusätzlich erleben wir noch den „stillen Antisemitismus“, der leider weit verbreitet ist. Es sind diejenigen, die alles sehen und hören, die aber nichts sagen oder dagegen unternehmen:
–  weil sie entweder auch Antisemiten sind, sich aber nicht trauen, dies allzu öffentlich zu machen,
–  oder sie sind insgeheim dagegen, trauen sich aber auch nicht, klar Stellung zu beziehen,
– und es gibt diejenigen, die nichts machen, weil sie sich sagen ‚was habe ich eigentlich damit zu tun?‘

Sebastian Buntkirchen und Judith Neuwald-Tasbach

Warum sind das Wegschauen und das Weghören so gefährlich für unsere Gesellschaft?
Judith Neuwald-Tasbach:
Das Wegschauen und das Weghören sind deshalb so gefährlich für unsere Gesellschaft, weil wir damit die Grundprinzipien unserer Demokratie und des Grundgesetzes gefährden. Wir müssen gemeinsam unsere Grundrechte schützen, sie sind die Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Artikel 4 besagt, die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Wir müssen verstehen, dass Demokratie nicht von selbst stattfindet. Sie entsteht, indem wir sie leben, und wenn wir zulassen, dass eine Gruppe unserer Gesellschaft nicht mehr in Frieden leben kann, dann zerstören wir die ganze Gesellschaft. Und deshalb müssen wir Position beziehen! Leider erleben wir ja aktuell, wie aus Worten Taten werden.

Was können wir tun, um Antisemitismus und Hass entgegenzutreten? Wie kann sich jeder einzelne einbringen für ein gutes und respektvolles Miteinander?
Judith Neuwald-Tasbach: Wir müssen erkennen, dass Vielfalt in unserer Gesellschaft eine Bereicherung und keine Gefahr ist, und uns im Grunde genommen doch alle das Ziel eint, diese Gesellschaft zu einem lebenswerten Ort zu machen. Wenn wir alle mit Respekt und Neugier auf den Nächsten zugehen, werden wir dieses Ziel gemeinsam erreichen. Und gerade im Stadion ist es so wichtig, dass die vielen Fans einander mit Respekt begegnen und dass die Spieler aus aller Herren Länder gemeinsam sportlich das Beste für unseren Verein erreichen und dass hier religiöse, kulturelle und andere Unterschiede keine Rolle spielen. Aber wie im Sport auch, muss die Gesellschaft dafür klare Spielregeln definieren und Verstöße konsequent ahnden.

Warum ist es wichtig, dass Schalke im Kampf gegen den Antisemitismus und jede Form von Rassismus eine Vorbildfunktion einnimmt?
Sebastian Buntkirchen: Als Fußballverein erreichen wir viele Menschen, Mitglieder und die zahlreichen Fans in Deutschland und der ganzen Welt. Es ist nicht zuletzt aufgrund unserer eigenen Vergangenheit im Nationalsozialismus unsere Pflicht, diese Reichweite zu nutzen und unsere Haltung gegen Antisemitismus und Diskriminierung zum Ausdruck zu bringen. Im Idealfall färbt unser königsblaues Verständnis von einem respektvollen Miteinander ab und wirkt auf die Menschen im besten Sinne ansteckend. Für Hetze, Judenhass und Fremdenfeindlichkeit ist auf Schalke kein Platz. Wir stehen auf, weil wir Schalker sind. Wir stehen auf, weil wir Menschen sind – für alle unsere Mitmenschen, insbesondere jene, die diskriminiert und sozial benachteiligt werden.

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