Super Bowl LVI: Kick it like Horst!

Hunderte Millionen Menschen weltweit werden an diesem Wochenende die Live-Übertragung des US-Football-Finales verfolgen. Beim Super Bowl LVI im SoFi Stadium in Inglewood, Kalifornien, messen sich um 0.30 Uhr deutscher Zeit in der Nacht auf Montag (14.2.) die Los Angeles Rams und die Cincinnati Bengals. Rund 50 Jahre ist es her, dass bei letztgenanntem Club Horst Mühlmann, Schalkes erster Bundesliga-Torhüter, als Kicker sein Glück suchte, fand und verlor.

Horst Mühlmann

Im Februar 2019 hatte der Schalker Kreisel dazu eine lesenswerte Story veröffentlicht. Es folgt die wilde Geschichte eines viel zu früh verstorbenen Knappen.

Sommer 1968, Trainingscamp der Kansas City Chiefs in Liberty, Missouri. Auf dem Rasen entknotet sich ein Knäuel fleischgewordener Kühlschränke, nur um gleich noch mal unter Geschrei und lautem Stöhnen aufeinanderzuprallen, immer und immer wieder. An der Seitenlinie wischt sich ein blonder Beobachter den Schweiß von der Stirn. Er spricht deutsch. Und deutlich: „Das mache ich nicht!“ Doch dafür haben sie ihn auch gar nicht geholt.

Sieben Jahre zuvor, Brambauer in Lünen. Über der Gustav-Sybrecht-Straße ist der Mond aufgegangen, und Horst Mühlmann kommt nicht in den Schlaf. Der 21-Jährige ist Fußballer. Und Maurer, weil man Anfang der Sechzigerjahre vom Fußball allein nicht leben kann. Nach dem Start in der Schülerelf des BV Brambauer ist er in seine Geburtsstadt zu den Junioren von Borussia Dortmund gewechselt und dann zurückgekehrt. Nun hat er Angebote von einem Dutzend Vereinen vorliegen und zerbricht sich den Kopf, wohin die Reise gehen soll.

Die Kunde von einem besonderen Talent hat den Ortsteil bereits verlassen. Dieser 1,85 Meter große Torhüter soll den Ball weiter treten als andere, dazu äußerst ehrgeizig sein. Zur Not schmeiße er sogar die Handschuhe weg, um in den Sturm zu rücken. So wie in diesem einen Spiel, als er sich beim Stand von 1:1 im Tor den Mittelfinger brach und dann vorne noch die Treffer zum 3:1-Sieg besorgte.

Am Ende der schlaflosen Nacht ergreift Mühlmann seinen Traum: Er unterschreibt beim FC Schalke 04.

1962 spielt er mit den Knappen in der Oberliga. Wenn er denn spielt, zumeist steht nämlich Alterspräsident Jupp Broden im Kasten. 36 ist er, der Neue erst 23 und scheint ein wenig hibbelig. Gerüchteweise sollen Leverkusens Manglitz oder sogar Nationalkeeper Tilkowski von Westfalia Herne auf dem Weg zur Glückauf-Kampfbahn sein. In der Abgeschiedenheit eines Waldhotels bei Groß Reken, wo der S04 einkehrt, bekommt der Junge frische Luft, Ruhe und Zuspruch von Trainer Georg Gawliczek. Er fängt sich und hält, buchstäblich, was man sich von ihm versprochen hatte. „Vielleicht der Durchbruch“, erinnert sich sein Coach später.

Horst Mühlmann

„Taumfatter“ nennen sie den Torhüter auf Schalke: Taubenvater, weil er 35 schnelle Vögel besitzt. Schlag auf Schlag geht es für ihn sportlich weiter. Als die Bundesliga 1963 ihre Premiere feiert, ist Mühlmann die Nummer eins und verbucht 26 Einsätze. Mit Fritz Langner sitzt ein neuer Übungsleiter auf der Bank und staunt: „Der schlägt zu wie ein Pferd!“ Die Presse schwärmt regelmäßig von prächtigen Abstößen – 80, 90 Meter bis in den gegnerischen Strafraum. Von Profis kann in den zarten Bundesliga-Anfängen noch nicht geredet werden, aber der Torhüter lebt wie einer. Den Plan, seinem Vater als Architekt nachzueifern, gibt er dran, richtet sein Leben auf den Sport aus. Fritz Langner ist berüchtigt dafür, abends gerne mal zu klingeln und zu kontrollieren, ob seine Schäfchen alle daheim sind und Wasser trinken. Mühlmann könnte er eigentlich von der Liste streichen.

Die große Karriere wird dem eifrigen Talent trotzdem verwehrt bleiben. Immer öfter muss er mit Gyula Toth und Jupp Elting rotieren. Als 1966 noch der 18-jährige Norbert Nigbur beim S04 unterschreibt, verabschiedet sich Mühlmann zum Bonner SC. Er will Nummer eins sein, doch in der zweitklassigen Regionalliga West hält es ihn bloß ein Jahr.

Zur rechten Zeit erreicht ihn ein exotisches Angebot. In den Niederlanden und Belgien laufen demnächst Probetrainings für eine Fußballliga in den USA. Mühlmann fährt, hält und siegt. Neben anderen Europäern befinden ihn die Scouts für gut und fliegen ihn über den Teich. Mit Königsblau war er mal in New York gewesen und hatte gute Erinnerungen mitgebracht. Schul-Englisch kann er auch. Why not?

Im Februar 1968 landet der ehemalige Bundesliga-Keeper mit 28 Jahren in Nordamerika. Soccer soll dort populär gemacht werden, also unterzeichnet er einen Dreijahresvertrag mit den Kansas City Spurs in der von der FIFA anerkannten North American Soccer League. Es kommt alles ganz anders.

Wenige Zuschauer, leere Kassen, und dann muss der Club ja noch diese 3000 Dollar Ablöse an den Bonner SC zahlen, weil Mühlmann Ausländer ist. Das sieht er nicht ein, zumal die Spurs gerade in die Pleite reiten. Der Traum ist geplatzt, Ehefrau Johanna steigt mit Töchterchen Claudia in den nächsten Flieger.

Ihr Mann muss noch Formalitäten regeln, da stecken ihm Freunde einen Football zu. Auch sie wissen von seiner rechten Klebe. Nun steht er also mitten auf diesem High-School-Feld in Kansas City. Er weiß noch nicht, dass er sein neues Leben in Händen hält. Es sieht aus wie ein überdimensioniertes Ei.

Horst Mühlmann

Ein Yard entspricht beinahe einem Meter. 40 Yards weit hämmert sein rechtes Bein den Lederball im ersten Versuch. Er fliegt durch ein U-förmiges Gestänge am Ende des Platzes, und die Kumpel nicken anerkennend. Ein Schuss, ein Treffer. Dass das Geschoss über statt unter dem Querbalken durchmuss, erklären sie ihm später. „Es erschien mir simpel“, wird der Deutsche sich später erinnern, „aber es gehört viel mehr dazu, wie ich dann lernen sollte. Man muss höher schießen als beim Fußball, konstant treffen und viele Regeln lernen. Doch mein weiter Abschlag war mein bestes Startkapital.“

Kurze Zeit später darf der Deutsche bei den Kansas City Chiefs aus der American Football League (AFL) vorsprechen. Als er nun den Kühlschränken bei der Vorbereitung aufs Schlachtengetümmel mulmig zusieht, weiß er nicht, was Hank Stram mit ihm plant. Der Coach will Mühlmann eine Chance als Kicker geben, falls seiner sicheren Bank Jan Stenerud mal was passieren sollte. Horst ruft Johanna an und teilt ihr mit, dass Amerika wohl doch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sein muss.

2019 ist Johanna Mühlmann 74 Jahre alt. Mit Sohn Oliver sitzt sie an einem Esstisch in Selm und schlägt für den Schalker Kreisel die greifbaren Erinnerungen an ihren Mann auf, sorgfältig abgeheftet und eingeklebt in drei Ordnern. Die Familie siedelt damals zunächst für ein halbes Jahr über, so lange eine Saison in der Liga eben dauern kann. „Man war jung, wollte was erleben“, erklärt sie. „Wir wussten, so eine Chance würde vielleicht nie wiederkommen.“

Man muss höher schießen als beim Fußball, konstant treffen und viele Regeln lernen. Doch mein weiter Abschlag war mein bestes Startkapital.

Horst Mühlmann

Ein Kicker hat mehrere Aufgaben. Er kann einen Abstoß ausführen oder auch Punkte erzielen, indem er das „Ei“ wie bei einem Freistoß im Fußball durch das Torgestänge schießt. Ein Field Goal bringt drei Punkte, ein erfolgreicher Anlauf nach einem Touchdown (6 Punkte) einen Extrapunkt. Alles recht einfach, wären da nicht zwei Haken: Entfernung und Gegner. 1. Je größer die Distanz, umso eher segelt der Ball daneben, zumal auch der Wind mitspielt. 2. Vor dem Kick wirft ein Teamkollege den Ball einem weiteren zu. Dieser sogenannte Holder muss das Leder schnellstens auf dem Rasen platzieren, damit der Kicker es auf die Reise schicken kann. Weil ihm der Gegner mit Start des Spielzugs entgegenrennt, bleiben nur circa 1,5 Sekunden, sonst wird der Schuss geblockt.

Der neue Chief lernt schnell, seine Saison in Kansas wird er später aber als schlecht bezeichnen. Diverse Muskelverletzungen halten ihn am Boden, während das Team quer durch die USA zu den Spielen fliegt. Er gehört nicht zum offiziellen Kader. Am Norweger Jan Stenerud ist kein Vorbeikommen, dafür schaut sich der Ersatzmann eine Menge ab und verbessert sich mit jeder Trainingseinheit. Doch er will weiterziehen, weil er einsieht: „Jan ist der Beste. Keiner kann ihn rauskicken – aber ich kann jetzt immerhin den Football kicken.“

Das ist auch Paul Brown aufgefallen. Die Sommersonne steht über dem Spinney Field von Cincinnati, Ohio. Tag eins im Trainingscamp. Der Headcoach der Bengals hat die Hände in die Hüften gestemmt und ein breites Grinsen aufgelegt. Er schaut einem Deutschen mit gewaltigem Huf bei der Arbeit zu, der 24 von 28 Versuchen aus 50 und mehr Yards durch das Tor nagelt, wobei zwei der vier Fehlschüsse noch das Gestänge küssen. Horst Mühlmann hat noch nie von Paul Brown gehört. Seine neuen Teamkollegen meinen, er sei einer der Größten im Football. Das sieht der neue Kicker ähnlich, als ihm der Club einen Dreijahresvertrag vorlegt.

Während der Ligapause hat der Ex-Schalker in Gelsenkirchen trainiert und dafür einen Koffer voller Footballs mitgenommen. Aus Ermangelung passender Tore mussten Bäume als Pfosten herhalten: Fünf hindurchschießen, die Eier aufsammeln und von der anderen Seite wieder abfeuern. Nach Cincinnati ist er im Juli 1969 aber alleine geflogen, weil Johanna gerade erst Sohn Oliver zur Welt gebracht hat.

Horst Mühlmann

Als einziger Deutscher unter 50 Amerikanern ist er froh, das Heimweh mit der Konzentration auf seinen Job verdrängen zu können. Mit 29 ist er einer der ältesten Rookies, also Liganeulinge. Coach Brown sagt ganz klar, dass er mit dem unerfahrenen Kicker ein wenig experimentieren möchte. Mühlmann, der ehrgeizige Torhüter mit dem Selbstverständnis einer Nummer eins, will ihn nicht enttäuschen. Kick um Kick feilt er mit Bobby Hunt an der Technik und erklärt seinem Holder mit breitem deutschen Akzent, wie er es gerne hätte. Das Ding ist: Amerikaner treten eher mit der Pike vor den schräg gestellten Ball. Der Neue macht’s wie in der Glückauf-Kampfbahn: Er lässt den Ball senkrecht halten, kommt von der Seite, wie früher beim Abstoß, und benutzt Spann oder Innenrist. „Footballer schießen mit einem Bein“, erklärt er Hunt, „Fußballer mit dem ganzen Körper.“

Er beißt sich in seine Aufgabe hinein und schraubt die Trefferquote nach oben. Football-Profis stehen unter riesigem Erwartungsdruck, dafür läuft das Umfeld wie geölt und ist bemüht, den Sportlern angenehme Lebensbedingungen zu bieten. Wie weit er aber in jeglicher Hinsicht von Deutschland entfernt ist, lässt Mühlmann ein Schicksalsschlag spüren. Als sein Vater verstirbt, ist kein zeitiger Flug zu bekommen, die Beerdigung findet ohne ihn statt.

Wie ein Torhüter kann ein Kicker der einsamste Mensch der Welt sein. „Sieg oder Niederlage, ich kann niemandem die Schuld in die Schuhe schieben“, vergleicht der 29-Jährige seine beiden Sportlerleben. Ein Einzelkämpfer. Während die anderen auf dem Feld um Raumgewinn kämpfen, steht oder sitzt er je nach Spielverlauf die meiste Zeit draußen, wärmt seinen goldenen Fuß bei minus zehn Grad mit einem ledernen Schuhüberzieher. Doch sobald sein Team hinter die 50-Yard-Linie kommt und ein Field Goal in Reichweite rückt, brennt die Zündschnur. Jeden Moment könnten 60.000 Blicke auf ihm kleben, wenn seine Künste gefragt sind. Und Horst Mühlmann ist ein Künstler.

Anfangs sorgt er mitunter für Randnotizen, weil er das dichte Gestrüpp des Regelwerks noch nicht durchblickt. Da muss ein Schiedsrichter ihn aufklären, dass er sich nach einem Abseits doch bitte tatsächlich fünf Yards zurückbewegen müsse. Vorschriften und so. An einem anderen Tag tritt er gegen seine alte Mannschaft aus Kansas an. Nach einem Field Goal aus 38 Yards rennt er raus und will jedem aus seinem Team die Hände schütteln, anstatt programmgemäß noch den Abstoß auszuführen. „Wirst du denn jetzt auch noch den Kickoff für uns machen?“, fragt ein etwas rötlicher Coach Brown. „Kickoff, äh, ja, ja“, murmelt der Kicker und spurtet zurück aufs Feld.

Horst Mühlmann

Während Jan Stenerud mit den Kansas City Chiefs im Finale des großen Super Bowl die Meisterschaft feiert, zelebrieren die Fans der Cincinnati Bengals den Deutschen mit der Nummer 16 im Riverfront Stadium. Schon seine Aufwärmübungen bejubeln sie, rasten aus, wenn er auf dem Kunstrasen nach jedem Treffer hüpft und Bobby Hunt auf den Rücken klopft. Wer es mit dem Erzrivalen Cleveland Browns hält, bombardiert den Deutschen vor Duellen mit Bergen von Post, um seinen Fokus abzulenken. Nachdem sich seine Verwunderung gelegt hat, beschließt er: „Ich lese das gar nicht mehr. Alles, wo ,Cleveland‘ draufsteht, wandert direkt in den Müll.“

Einen Meilenstein legt Mühlmann gegen die Pittsburgh Steelers. Durch fünf Field Goals erzielt er alle Punkte beim 15:10-Sieg. Die TV-Sender wollen ihn, Party-Einladungen flattern ein, der Hausbesitzer erlässt der Familie die Miete fürs Jahr. Der Umgarnte genießt gerne still, etwa mit einem Feierabend-Bierchen „Weisers“, wie er das Budweiser nennt.

„Der Junge aus Deutschland macht die Bengals zur Bedrohung von jedem Punkt innerhalb der 50-Yards“, schreibt eine Gazette und schwärmt von seinem „krachenden Fußball-Stil-Tritt“. Manchmal, wenn das Spiel auf der Kippe steht, ist dieser Tritt sogar nur in den letzten Sekunden erwünscht. Nur drei davon sind gegen die Buffalo Bills auf der großen Stadion-Uhr eingefroren. Der kühle Blonde läuft an und beschert den Bengals bei fiesem Wind ein 33-Yard-Field Goal zum 16:13-Sieg. Nach der Dusche findet er in seinem Spind den Flugkörper, den seine Kollegen ihm als Andenken gesichert hatten. „Druck?“, entgegnet er mit dem eingeklemmten Souvenir unterm Arm der Presse. „Dafür werde ich bezahlt. Es ist Druck, aber du musst damit umgehen.“

Druck? Dafür werde ich bezahlt. Es ist Druck, aber du musst damit umgehen.

Horst Mühlmann

Die Zeitungen feiern „the German“: „Sie müssen es heute Abend krachen lassen in Gelsenkerchen“, schreiben sie, „Horst hat’s schon wieder getan.“ Nur dass es daheim keine Sau mitbekommt. Weder in Gelsenkerchen, noch in Gelsenkirchen.

Wenn Cincinnati kurz vor Weihnachten die Play-offs verpasst, sitzen die Mühlmanns in Gelsenkirchen-Beckhausen unter dem Tannenbaum. Die Wohnung an der Adlerstraße haben sie weiter gemietet, denn die nächste Sommervorbereitung ist weit weg.

Ein halbes Jahr kicken, ein halbes Jahr Urlaub, das kann Otto Normalverbraucher, zumal Anfang der Siebzigerjahre, schwer einordnen. Auch hier hilft Horst „Muhlmann“, wie sie ihn drüben nennen, sein Understatement. So ein Saisonvertrag kann 20.000 Dollar (rund 65.000 D-Mark) bringen, im Erfolgsfall weitere fünfstellige Prämien. Ein Batzen entfernt von dem, was damals in der Bundesliga möglich gewesen wäre. Also hält sich der Heimaturlauber lieber bedeckt: „Wenn er gefragt wurde, hat er erzählt, wie schön es in den USA ist“, erklärt Johanna Mühlmann. „Aber er war keiner, der mit den Kumpels zu ,Bosch‘ in die Kneipe geht, um auf den Putz zu hauen.“

Zudem muss das Halbjahres-Geld für zwölf Monate reichen. Für die nächste harte Saison trainiert Horst Mühlmann in Deutschland weiter und wird deswegen 1970 sogar ein Fall fürs Gericht. Gegner hatten sich beschwert, weil der Ex-Keeper während seines Heimaturlaubs für BV Brambauer im Tor gestanden hatte. Der Kontrollausschuss des Westdeutschen Fußballverbands aber beruft sich auf einen Passus im DFB-Amateur-Statut: Spielerlaubnis, weil er als Fußballer nicht seinen Lebensunterhalt bestreitet.

Horst Mühlmann

Gegenwind anderer Art spürt er bei den Alten Herren von Beckhausen 05, wo er den Mittelstürmer gibt. Der TSV Feldhausen will nur zum Freundschaftskick auflaufen, wenn der große Blonde vom Platz geht. Im Hinspiel hatte Mühlmann den Torwart abgeschossen, jetzt will sich keiner mehr seinem Hieb entgegenstellen. „Das ist mir eine feine sportliche Einstellung“, wundert er sich und erklärt gleich seinen Austritt. Mehr Zeit für den S04, dessen Heimspiele er gerne besucht.

In den USA ist er – außer bei den Gegnern – weiter herzlich willkommen. In Cincinnati leben viele Deutschstämmige und erleichtern der Familie den Alltag. Amerikanische Freunde aus dem Team wünschen sich von Johanna Rouladen und Sauerkraut. Der Pendler wiederum schätzt den lockeren Lifestyle: „In Deutschland würde ich jetzt Mantel und Krawatte tragen, aber Jeans und Hemd finde ich viel gemütlicher.“ Auch die Flugreisen genießt er, besonders nach Los Angeles, San Francisco oder Miami. In Cincinnati schwärmt er dann von der Sonne und klebt zur Erinnerung Ansichtskarten in ein Album.

Der aufgehende Stern hat inzwischen sogar einen eigenen Fanclub, in einem Spiel schubst er den später auch anderweitig berühmt gewordenen Kontrahenten O. J. Simpson in einer Rettungstat vom Feld, die berühmte „Sports Illustrated“ zählt ihn zu den zwei, drei besten Kickern im Land. Für manchen Kolumnisten ist er „das Beste aus Deutschland seit Bier, Bratwurst und Elke Sommer. Okay, vielleicht nicht seit Fräulein Sommer“. Ein anderer fabuliert: „Wenn er kickt, hebt der Football ab wie Graf Zeppelin und landet für gewöhnlich nach einem Flug durch das Torgestänge.“

„Kopf runter, Ball fokussieren, Timing.“ So klingt es, wenn der Gefeierte in aller Bescheidenheit über sein Tagwerk spricht. Er ist nun trotzdem ein Prominenter, lernt Neil Armstrong kennen, der gerade vom Mond zurückgekommen ist, sammelt Geld für die Spendenaktion von Comedy-Star Jerry Lewis. Sechs Saisons schießt er für die Bengals und erringt für sie bis heute die fünftmeisten Punkte, 549 an der Zahl. Er verwandelt 120 von 186 Field Goals, 189 von 194 Extra Points, zieht 1970 und 1973 in die Play-offs ein. Oft entspricht der schmale Grat zwischen Sieg und Niederlage exakt seiner Spannbreite. Bis 1974 sein rechtes Bein ein Eigenleben entwickelt.

Mysteriöse Verletzungen bändigen ihn, Bälle fliegen nicht mehr so weit wie sonst, oft kann er nur für die Extrapunkte aus kurzer Distanz anlaufen: „Es ist, als hätte mir jemand ein Messer ins Bein gerammt.“ Schmerzmittel und eine Wundersalbe aus Deutschland wirken wenig. Dazu schieben ihn neue Regeln noch weiter vom Tor weg. „Die Fans wussten, ich haue das Ding bis in die Endzone“, ärgert sich Mühlmann. „Es ist nicht gut, die Regeln jede Saison zu ändern. Ich fühlte mich weniger als Teil des Teams.“ Und der 35-Jährige spürt, dass die Clubverantwortlichen ähnlich denken.

Es ist, als hätte mir jemand ein Messer ins Bein gerammt.

Horst Mühlmann

Mühlmann möchte weiterspielen, wäre aber für eine neue Stadt zu haben, da erreicht ihn ein Anruf in Selm, unweit von Brambauer, wo die Familie inzwischen wohnt. Vom anderen Ende der Leitung hört er Bill Bergey, vollbärtiger Kühlschrank und alter Zimmergenosse. „Sie mögen, wie du kickst“, dröhnt er. „Sie“ sind die Philadelphia Eagles, wo Bergey als Linebacker aufläuft. „Ich bin noch immer stark“, antwortet Mühlmann. „Ich bin bereit.“

In der Saisonvorbereitung beim 30:20 gegen die Bengals verwandelt die rechte Klebe ihr drittes Field Goal, worauf Bergey den Kicker hochhebt und durchs Stadion trägt. „Ich fühlte mich gut“, sagt Mühlmann später. „Wie ein Adler.“ Der Deutsche liefert wieder und gewinnt auch die Herzen von Philadelphia. Im dritten Jahr jedoch beginnt der Sinkflug.

Die Kraft für Distanzschüsse schwindet, der Vertrag wird nicht verlängert. Sohn Oliver hakt ein: „Als sogenannter Free Agent hätte er noch andere Vereine finden können, aber er wollte nach Deutschland zurückfliegen.“ Sein Vater habe gemerkt, dass mit seinem Bein etwas nicht stimmt, meint der 49-Jährige, „doch da wussten wir noch nicht, was dahintersteckt“.

Horst Mühlmann, the big German mit dem Pferdehuf, hat eine Form von Multipler Sklerose. Die neurologische Erkrankung hat viele Gesichter, schön ist keins. Der ehemalige Keeper absolviert in Hennef die A-Lizenz zum Fußballlehrer, verfolgt das Thema danach aber nicht ernsthaft. „Er hätte die Übungen kaum mehr selbst vormachen können“, sagt seine Frau. Zwei Amateurvereine in Selm und Brambauer trainiert er noch, ehe es schlimmer wird mit den Beinen und der Sohn ihm schließlich die Treppe hochhelfen muss.

Horst Mühlmann

Es sind die Achtzigerjahre. Zu Hause widmet sich der „Taumfatta“ seinem alten Hobby, sitzt im Taubenschlag oder genießt die frische Luft im Garten. Samstagnachmittag hören Vater und Sohn auf WDR 2 die Bundesliga. Unaufgeregt. „Er war nicht fanatisch und konnte auch akzeptieren, wenn andere gut spielten – selbst Dortmund, weil er für die ja mal aktiv war“, betont Oliver Mühlmann, seines Zeichens Schalker, wie die ganze Familie.

Mit seinem alten Mannschaftskameraden Friedel Rausch ist Horst Mühlmann befreundet. Nach der Rückkehr aus den USA spielen sie samstagsfrüh schon mal mit der Traditionsmannschaft in der Glückauf-Kampfbahn. Dann rüber zu Gerd Bosch in die Vereinskneipe, später nach Hause oder ins Parkstadion. Als die Beine nicht mehr wollen, lässt Horst Mühlmann die Kontakte langsam einschlafen.

Nach einem Footballspiel hat er mal gesagt: „Ich fühle mich schlecht, wenn ich keinen Sport betreibe. Mein Herz ist für den Sport gemacht.“ Er war ein Kerl wie ein Baum. Womöglich ist es ihm unangenehm, so gesehen zu werden, vielleicht kommt hier ein letztes Mal der stille Einzelkämpfer durch: Torhüter, Kicker, Patient. Bei Frau und Kindern findet er Geborgenheit. Am 17. November 1991 stirbt der große, starke Horst Mühlmann mit nur 51 Jahren in Selm.

Schalker Kreisel

Der Text ist ursprünglich im Schalker Kreisel #12 der Saison 2018/2019 erschienen.

Kreisel-Ausgabe 12_2018/19


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