Thomas Kruse: Lebenslänglich

Thomas Kruse erlebte auf Schalke elf Trainer und drei Abstiege, gehörte zeitweise einer Bank und flüchtete später enttäuscht in die Oberliga. Der Mann muss viel zu erzählen haben. Herzlich willkommen in den wilden Achtzigerjahren.

Thomas Kruse präsentiert seine alten Schalke-Trikots

Eine Zeit, in der die Königsblauen mehr Sorgen als Freude bereiten und permanent pleite sind; in der Jahreshauptversammlungen manchmal nur dank Freibier glimpflich enden; und in der Fans statt Europapokal-Feiertagen in Mailand oder Madrid triste Zweitliga-Kicks gegen Solingen, Bayreuth und Worms sehen, frustriert ihre Schals anzünden und trotzdem wiederkommen, um sich in der Nordkurve nassregnen zu lassen. Weil es Schalke ist. Eine Liebe, die niemals endet. So wie bei Thomas Kruse.

Seine Liaison mit dem S04 beginnt im Frühjahr 1975. Der 15-Jährige läuft damals noch für den SC Recklinghausen auf und hat als Jugendnationalspieler das Interesse aller großen Ruhrgebietsclubs geweckt. Deren Gesandte verhandeln mit Vater und Mutter auf der Wohnzimmercouch. Den Zuschlag bekommt die Knappen-Delegation. Wegen der Nähe zur Heimat, vor allem aber wegen der Aussicht auf die berufliche Perspektive einer Lehrstelle abseits der noch vagen Hoffnung auf einen Profikontrakt. „Das war meinen Eltern sehr wichtig. Ich konnte aus insgesamt zehn Angeboten wählen“, erinnert sich Kruse – und fügt lachend an: „Ich unterschrieb dann leider beim seinerzeit wohl schlechtesten Arbeitgeber Gelsenkirchens: dem FC Schalke 04.“

Bundesliga-Kaufmann soll er hier lernen, bis den Verantwortlichen auffällt, dass diese Berufsbezeichnung nicht existiert. Dann also Bürokaufmann. Er kümmert sich auf der Geschäftsstelle um die Kartenvergabe und Mitgliederverwaltung. Ein halbes Jahr vor dem Abschluss meldet sich die Industrie- und Handelskammer mit dem dezenten Hinweis, dass auf Schalke niemand eine Ausbildungslizenz besitze. Außerdem sei er bei Kontrollen zu selten anwesend gewesen und habe zu viele Schultage versäumt. Kurzum: Zur Prüfung werde er wohl nicht zugelassen. „Dieses Chaos war symptomatisch für den Verein in diesen Jahren“, erzählt Kruse, der damals unter der Woche oft mit Auswahlmannschaften unterwegs ist. Nur weil er in den folgenden sechs Monaten keine weitere Stunde verpasst, darf er die Prüfung letztlich doch ablegen und besteht sie, „allerdings nicht unbedingt mit Glanz und Gloria“.

Das kann der Blondschopf verkraften, denn er hat seinen ersten Profivertrag da bereits unterschrieben. Lob kommt von ganz oben. „Der Thomas bringt alles mit, der wird ein Guter“, verkündet Günter Siebert. Der Präsident schätzt den Außenverteidiger, der 1976 an der Seite von Uli Bittcher und Mathias Schipper erstmals die Deutsche A-Jugendmeisterschaft nach Schalke holt. 27.000 Fans sehen den 5:1-Finaltriumph im Herner Stadion am Schloss Strünkede gegen Rot-Weiss Essen um den späteren Nationalspieler Frank Mill. „Eine bombastische Atmosphäre, die uns Kötteln fast den Atem geraubt hat“, erinnert sich Kruse. Er gilt als Lieblingsschüler der Nachwuchstrainer. Verlässlich, bodenständig, ehrgeizig.

Thomas Kruse und Klaus Fichtel

Bereits als Jugendspieler darf er vormittags bei den Einheiten der Profis mitschwitzen. Dienstags bittet Coach Uli Maslo auf die Tartanbahn des Parkstadions: Sprinttraining. „Erst 100 Meter, dann mit kurzen Pausen 200, 300, 400, 400, 300, 200 und zum Abschluss zehnmal 100 Meter. Das werde ich nie vergessen, absolut grenzwertig“, erzählt Kruse. Er schleppt sich anschließend hundemüde zurück zum Schreibtisch, beschwert sich aber nie. „Ich war jung. Da hast du die Klappe gehalten und gemacht, was dir gesagt wurde.“

Dank dieser Einstellung ist Kruse mit 18 Jahren körperlich in der Lage, in der Bundesliga mitzuhalten. Doch zunächst muss er warten, schafft es in den ersten Spielen der Saison 1978/1979 nicht in den Kader und flirtet ungeduldig mit dem VfL Bochum – bis Siebert dazwischen grätscht: „Nix da, Thomas bleibt!“ Und steht am vierten Spieltag beim 0:0 am Gladbacher Bökelberg erstmals auf dem Platz. Er entnervt Gegenspieler Ewald Lienen und entlockt sogar seinem strengen Coach Ivica Horvat eine Art Lob: „Hat keinen Fehler gemacht, der Junge. Kann ich weiter mit ihm planen.“

Am Ende seiner ersten Saison zählt der bissige Zweikämpfer 25 Partien. Die Zeitungen erzählen die Geschichte vom Geschäftsstellen-Lehrling, der Meister werden will, und S04-Legende Ernst Kuzorra legt sogar ein gutes Wort bei Bundestrainer Jupp Derwall ein: „Schau dir den Jungen an, der ist ein frecher Hund.“ Nach nur drei Bundesliga-Spielen folgt die Einladung in die B-Nationalmannschaft. Thomas Kruse, der neue Stern am königsblauen Himmel?

Ich war jung. Da hast du die Klappe gehalten und gemacht, was dir gesagt wurde.

Thomas Kruse

„Nein, so war es nicht“, sagt der Frühberufene heute. In dieser Zeit sei es leichter gewesen, in der Mannschaft Fuß zu fassen. Die 72er-Pokalsieger – Klaus Fichtel, Klaus Fischer, die Kremers-Zwillinge und Rolf Rüssmann – verleihen dem Team die Stabilität, die Talente brauchen, um zu reifen. Doch bereits in dieser Spielzeit kündigt sich das an, was Schalke knapp drei Jahre später in Schockstarre versetzen wird. Der Verein muss gute Spieler verkaufen, um sich finanziell über Wasser zu halten, rutscht in den Tabellenkeller. „Die Probleme waren hausgemacht. Die Qualität im Kader ist Stück für Stück gesunken. Das spürten alle.“ Trotzdem nagt die Abstiegssaison 1980/1981 an Kruse, dem Teamplayer. „Wir waren keine richtige Mannschaft, uns fehlte der Zusammenhalt.“

Es folgen Jahre zwischen Tränen und Triumphen, drohendem Lizenzentzug und Europapokal-Fantasien: die Zweitliga-Meisterschaft 1982, der erneute Abstieg nach verlorener Relegation gegen Bayer 05 Uerdingen ein Jahr später und der direkte Wiederaufstieg. Trainer sind selten länger als zwölf Monate im Amt. Spieler kommen, Spieler gehen. Kruse bleibt. „Sich so lange in einem derart nervösen Umfeld zu halten, ist auch eine Qualität“, betont er und erzählt Geschichten aus einer anderen Welt.

Thomas Kruse und Olaf Thon

Zweitliga-Aufstieg 1984. Menschenmassen sind Kruse nicht ganz geheuer. Als Tausende Fans das Spielfeld stürmen, fliegt die Panik heran. Seine letzte Hoffnung trägt den Spitznamen „Panzer“, ist 1,95 Meter groß, beinahe so breit und kein Kind von Traurigkeit. „Er war Ordner, und ich versprach ihm mein Trikot, wenn er mich unbeschadet bis zur Rolltreppe bringt. Er ist dann mit ausgebreiteten Armen vor mir hergelaufen und hat den Weg freigeräumt.“

Ein ähnlich mulmiges Gefühl beschleicht Kruse bei einem Termin in der Geschäftsstelle. „Ich musste ein Papier unterschreiben, damit meine Transferrechte bei einer Bank verpfändet werden und der S04 zahlungsfähig bleibt. Ich habe mir große Sorgen um den Verein und meinen Job gemacht.“ Mit einem Wechsel beschäftigt er sich dennoch nie ernsthaft. Angebote von Hertha BSC und aus Uerdingen seien nicht verlockend genug gewesen. Und vor allem: „Als Schalker haust du nicht einfach ab, wenn es ungemütlich wird.“

Als Schalker haust du nicht einfach ab, wenn es ungemütlich wird.

Thomas Kruse

Zumal er auch viele unbeschwerte Tage erlebt. Wie den 28. August 1979, als er im Berliner Olympiastadion beim 2:0 gegen die Hertha zwei seiner drei Bundesliga-Tore erzielt. Weil TV-Bilder bis heute nicht aufzutreiben sind, hat er sie anschließend nie mehr gesehen. Zum Glück lebt die Erinnerung: „Beim ersten nehme ich Klaus Fischer den Ball vom Fuß. Wäre der nicht drin gewesen, hätte ich mächtig Ärger bekommen. Beim zweiten laufe ich nach innen, ziehe mit rechts aus 20 Metern ab, und das Ding zappelt links oben im Winkel.“ Auf dem Feld ist Kruse an jenem Dienstagabend nicht aufzuhalten, in der Hotellobby dagegen stoppt Chef-Trainer Gyula Lorant den Verteidiger sowie Zimmerpartner Rüdiger Abramczik. Ein strenger Blick dirigiert das feierbereite Duo ins Bett.

Knapp fünf Jahre später schießt Kruse den wichtigsten Treffer seiner Karriere – und ist dennoch nur Nebendarsteller: Beim 6:6 im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Bayern München erzielt der Verteidiger den 1:2-Anschluss und zieht den späteren Dreifach-Torschützen Olaf Thon bis heute auf: „Du musst mir ewig dankbar sein. Wenn ich den nicht mache, schlägt deine große Stunde gar nicht.“

Späße unter Freunden. Kruse bildet heute gemeinsam mit Thon und Martin Max den Vorstand der königsblauen Traditionsmannschaft, in der er seit 1995 aktiv ist und auch mit 60 Jahren noch etwa 25 Partien pro Jahr bestreitet. Bei Heimspielen der Profis pflegt er den Kontakt zu alten Weggefährten wie Fischer, Fichtel oder Abramczik und ist stolz, dass er auf der Mitgliederversammlung 2019 erstmals Ehrungen vornehmen durfte: „Wenn Schalke ruft, komme ich.“

Thomas Kruse gegen den VfB Stuttgart

Selbstverständlich ist das nicht, denn seine letzte Profisaison mit den Knappen endet unschön. Nach soliden Spielzeiten rauscht das Team 1987/1988 erneut in den Keller. Unter Coach Horst Franz darf Kruse in der Rückrunde nur noch viermal ran. „Dieser Abstieg war der schlimmste für mich, weil ich mich nicht mehr dagegen wehren durfte.“ Und weil ihm anschließend die Chance verwehrt bleibt, die Sache geradezubiegen: Schalke sortiert den erst 28-Jährigen aus. Er, der immer da war, wird plötzlich nicht mehr gebraucht.

Nicht wenige wenden sich in solchen Momenten enttäuscht vom Verein ab, Kruse dagegen hält den Kontakt zu ehemaligen Mitspielern und Angestellten, ist ab und an bei Heimspielen im Stadion. „Schalke ist mir ans Herz gewachsen“, erklärt Kruse, der die Gabe besitzt, sich ohne großes Hadern auf neue Situationen einzulassen. Er spielt eine Saison beim Zweitliga-Absteiger FC Remscheid, wechselt danach zum DSC Wanne-Eickel, der mit einem Jobangebot wedelt. Der Fußballprofi wird kaufmännischer Angestellter in einem Entsorgungsbetrieb. Im Personalgespräch fragt man ihn skeptisch, ob er denn wirklich arbeiten wolle. Wollen? „Ich muss“, antwortet er, der zwar etwas gespart, aber bei weitem nicht ausgesorgt hat. Erst später erfährt er den Grund für die Zweifel der Geschäftsführung: Zuvor war ein anderer Ex-Profi in Diensten des DSC nur ein einziges Mal in der Firma aufgekreuzt – um den Arbeitsvertrag zu unterschreiben.

Auch Kruse fällt der Wechsel vom Trainingsplatz an den Schreibtisch nicht leicht, aber er beißt sich rein und arbeitet bis heute in der Branche. Parallel dazu führt er später als Trainer Eintracht Rheine sowie Blau-Weiß Post Recklinghausen in die Oberliga und seinen umbenannten Heimatverein FC 96 Recklinghausen in die Westfalenliga. Zwei Jahre lang coacht er zudem die königsblaue C-Jugend, darunter ein gewisser Benedikt Höwedes. Irgendwann wird es zu viel. Vollzeitjob, Trainertätigkeit, Traditionsmannschaft. „Das konnte ich meiner Frau Susanne und meiner Tochter Melanie nicht mehr antun. Die Familie geht vor.“ Manchmal sogar vor Schalke.

Wenn Schalke ruft, komme ich.

Thomas Kruse

199 Partien in der Bundesliga, 63 im Unterhaus – mit dieser Bilanz wäre Kruse heutzutage wahrscheinlich Millionär. Doch das Geld fehlt ihm nicht. „Die Erinnerungen an Derbys vor 70.000 Zuschauern oder Spiele wie das 6:6 gegen Bayern sind viel wertvoller.“ Sowieso hätten es Fußballer früher leichter gehabt, weil die mediale Aufmerksamkeit geringer war. Er erinnert sich an Mannschaftsfahrten auf Mallorca und Kartenrunden, bei denen niemand ins Glas gespuckt hat. Der abendliche Weg zur Disco endete für manchen bereits an der ersten Palme vor dem Hotel. „Heute würden Fotos davon 20 Minuten später im Internet auftauchen, weil irgendwer sein Smartphone gezückt hat. Wir hatten damals noch diese Riesenknochen, bei denen du die Antenne rausziehen musstest. Bilder konnten die gar nicht machen.“

Man spürt: Thomas Kruse ist mit sich im Reinen. Neben Michael Opitz ist er der einzige Spieler, der bei allen drei Abstiegen im Knappen-Kader stand, und betont dennoch: „In meinen Augen ist das eine Erfolgsgeschichte. Ich habe alles für Schalke gegeben und viel zurückbekommen.“

Schalker Kreisel

Der Text ist ursprünglich im Schalker Kreisel #2 der aktuellen Saison erschienen.

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