Wolfram Wuttke: Kurze Beine, krumme Füße, krause Gedanken

Wolfram Wuttke war nicht der Längste und doch einer der größten Spieler, die Königsblau je hervorgebracht hat. Seine fußballerische Finesse war in der Bundesliga ebenso gefürchtet wie seine Flausen. Für die einen war Wuttke „überragend“, für die anderen ein „Parasit“. Eins aber blieb er bis zu seinem letzten Atemzug: ein Schalker. Am Mittwoch (17.11.) wäre Wuttke 60 Jahre alt geworden.

Wolfram Wuttke

Der Sommer 1976 ist heiß. Verdammt heiß. Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke lassen die Freibäder im Revier überlaufen. Im Radio dudelt „Ein Bett im Kornfeld“ von Jürgen Drews, im Kino kämpfen „Die Ritter der Kokosnuss“. Und sonst? Gleich nach den großen Ferien absolviert ein 14-jähriger Bengel aus Castrop sein erstes Training auf Schalke: Wolfram Wuttke, noch keine 1,60 Meter groß, auffallend stämmig gebaut. Seine kurzen Beine sind krumm wie Säbel. Der rechte Fuß ist derartig nach innen verdreht, als wolle er ständig links abbiegen.Doch das täuscht: „Wutti“ schlägt blitzschnelle Haken in alle Himmelsrichtungen.

Schalkes Späher haben dieses Ausnahmetalent bei der SG Castrop-Rauxel entdeckt. Dort spielt der selbstbewusste Trickser millimetergenaue Pässe wie niemand sonst in seinem Alter, vorzugsweise mit dem Außenrist. Sein Schuss ist hart wie ein Hammer, flattrig wie ein Nachtfalter und präzise wie der eines Profikillers. Dass der umworbene Offensivspieler zudem eingefleischter S04-Fan ist, hat ihm die Entscheidung pro Knappen ziemlich leicht gemacht. Papa Wolfgang Wuttke, ebenfalls ein bekennender Schalker, übernimmt bereitwillig den Fahrdienst zum Training im Schatten der Glückauf-Kampfbahn.

„Mein Vater und mein Opa waren absolut verrückte Blaue, das kann man ohne Übertreibung sagen“, betont Wolfram Wuttkes Sohn Benjamin, der sein Geld als Profigolfer und Coach beim Vestischen Golfclub Recklinghausen verdient. „Wann immer die Blauen verloren, hatten beide schlechte Laune, auch wenn mein Vater oft versucht hat, das mit Ironie zu überspielen – nach dem Motto: ,Was haben sich die Blinden denn heute wieder zusammengekickt?’“ Zwar habe Wolfram Wuttke nach außen gern den abgezockten Profi gegeben, doch sein Herz schlug immer für diesen einen Verein, „auch während seiner späteren fußballerischen Laufbahn“, verrät der 37-Jährige. „Wenn seine eigenen Partien abgepfiffen waren, hat er immer zuerst geschaut, wie Schalke gespielt hat.“

Überragender Spieler seines Jahrgangs

Bereits 1976/1977, in seiner ersten Saison für Königsblau, steht Wuttke im Endspiel um die Deutsche B-Jugend-Meisterschaft, verliert jedoch mit 1:2 gegen Eintracht Frankfurt. Ein Jahr später führt der inzwischen 16-Jährige das Team von Trainer Heinz van Haaren zum Titel. Beim haushohen Finalsieg über Hertha Zehlendorf setzt er den fulminanten Schlusspunkt zum 6:0. „In seinem Jahrgang war der ,Wutti‘ absolut überragend“, bestätigt das zwei Jahre jüngere Schalker Eigengewächs Volker Abramczik. „Wann immer es ging, haben wir Kleineren ihm ehrfürchtig zugeschaut.

Viele Jugendspiele hat er damals regelrecht dominiert – und zwar ohne viel Laufarbeit“, erinnert sich der 57-Jährige. „Er war der klassische Mittelkreis-Spieler. Manche behaupten sogar, man habe den Mittelkreis eigens für ihn erfunden. Damit er wusste, in welchem Radius er sich zu bewegen hat.“

Wolfram Wuttke

In der Spielzeit 1979/1980 erreicht der Bewegungs-Minimalist zum dritten Mal ein Meisterschaftsfinale mit Schalke, diesmal als A-Jugendlicher. Das Duell geht mit 2:1 an den SV Waldhof Mannheim, den kometenhaften Aufstieg des Wolfram Wuttke kann diese Niederlage aber nicht stoppen. Bereits seit Mitte 1979 ist das Enfant terrible hauptsächlich bei den Profis am Ball und überzeugt mit frechen Aktionen, auch abseits des Rasens. Legendär etwa seine wilde Autofahrt um den Trainingsplatz: Während die Mitspieler eifrig schwitzen, kapert der 17-jährige Führerschein- Aspirant den Benz von Betreuer Charly Neumann und wirbelt ordentlich Staub auf. So wird es zumindest kolportiert. „Halbwahrheiten“, klärt Wuttke 2012 in einem Interview mit dem Magazin 11Freunde auf: „Es stimmt, dass ich mit Charlys Auto fuhr, das war aber ein Scirocco. Ich habe auch keine Ohrfeige von ihm dafür bekommen, wie gerne erzählt wird.“

Profidebüt als 17-Jähriger

Sein Profidebüt feiert Wuttke noch als 17-Jähriger, im Pokalspiel gegen den KSV Baunatal (3:0). An jenem 29. September 1979 steht der Newcomer sogar in der Startelf, neben Stars wie Rüdiger Abramczik, Klaus Fischer oder Klaus Fichtel. Eine Woche später glänzt er erstmals in der Bundesliga. Schalke siegt vor eigenem Publikum mit 3:0 gegen den SV Werder Bremen. Am darauffolgenden Spieltag, beim 4:1-Erfolg bei Bayer 05 Uerdingen, feiert der Shootingstar seine Torpremiere, es folgt ein 3:0-Heimsieg über den TSV 1860 München. Bilanz seiner ersten vier Profi-Einsätzen: vier Siege, 13:1 Tore. Nach dem 22. Bundesliga-Spieltag und einem 2:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern ist Schalke plötzlich Tabellenvierter, nur zwei Punkte hinter Spitzenreiter Bayern München.

Doch es geht nicht nur bergauf für Wuttke und Co.: Ab dem 26. Spieltag muss der S04 ohne Klaus Fischer auskommen. Die Torjäger-Legende erleidet beim 1:2 gegen Uerdingen einen Schienbeinbruch, anschließend wird Königsblau in der Tabelle durchgereicht. Am Ende der Saison 1979/1980 steht nur Platz acht zu Buche, die angepeilte UEFA-Cup-Teilnahme ist dahin. Düstere Wolken ziehen auf. Ausgerechnet der Ur-Gelsenkirchener Rüdiger Abramczik wechselt im Sommer zum Erzrivalen Borussia Dortmund. Es ist der erste von mehreren Notverkäufen, die Schalkes Liquidität sichern sollen, letztlich aber auch das Ende der Erstklassigkeit einleiten.

Nach dem 1:4 gegen Frankfurt zum Auftakt der Saison 1980/1981 belegt Schalke einen Abstiegsplatz – ein trauriges Bild, an dem sich nur wenig ändern wird. Wobei Wolfram Wuttke lediglich bis zum 14. Spieltag zum Kader gehört. Die klammen Königsblauen benötigen dringend weitere Transfereinnahmen. Im Dezember 1980, noch vor Beginn der Rückrunde, wechselt der Dribbelkünstler für knapp eine Million D-Mark zu Borussia Mönchengladbach. Schalke-Legende Rolf Rüssmann landet fast zeitgleich beim BVB, der Wuttke am liebsten gleich mit verpflichtet hätte. Den ersten Abstieg seines S04 erlebt „Wutti“ aus der niederrheinischen Ferne. Mit Tränen in den Augen.

Doch auch in Gladbach weiß Wuttke zu glänzen – als fußballerisches Genie und als Spaßvogel. Wobei er manchmal übertreibt. Weil der Kopf seines Chef-Trainers Jupp Heynckes zuweilen Farbe annimmt, verpasst der Profi ihm in Anlehnung an eine Glühbirne den Spitznamen „Osram“. Auf Auswärtsreisen schmiert er seinen Kollegen gern mal einen Streifen Zahnpasta unter die Türklinken. Auch bei den Junioren-Nationalteams ist er berühmt-berüchtigt. Bei einem Lehrgang kippt der Ex-Schalker dem obersten deutschen Nachwuchstrainer Dietrich Weise einen Eimer Wasser ins Bett. Volker Abramczik erinnert sich: „Als ich zum ersten Mal in ein Junioren-Nationalteam berufen wurde, sagte Weise zu mir: ,Hoffentlich bist du nicht so schlimm wie dein Club-Kamerad Wuttke.‘“ Auf den Quälgeist verzichten wollte man beim DFB trotzdem nicht: „Dafür war er einfach zu gut.“

Kompliziertes Verhältnis zu Heynckes

In Mönchengladbach aber ist nach nur zwei Jahren Schluss. Das Verhältnis zu Heynckes bleibt kompliziert. Im Dezember 1982 kehrt der verlorene Sohn als vermeintlicher Retter nach Gelsenkirchen zurück. Aufsteiger S04 ist Vorletzter, als der inzwischen 21-Jährige am letzten Hinrunden-Spieltag sein Comeback gibt: Beim Hamburger SV kommt die Elf von Trainer Sigfried Held mit 2:6 unter die Räder, trotz Wuttkes Doppelpack. Bis zum Ende der Saison 1982/1983 gelingen dem Rückkehrer sieben Tore in 16 Einsätzen. Den zweiten Abstieg innerhalb von zwei Jahren kann indes auch er nicht verhindern. Im Sommer wechselt Wuttke für 900.000 Mark Ablöse zum HSV. Das königsblaue Trikot wird der Bengel aus Castrop nie wieder tragen.

Während seiner Zeit in Hamburg (1983 bis 1985) beschimpft Chef-Coach Ernst Happel den Unbeugsamen als „Parasit“. Von 1985 bis 1990 spielt Wuttke in Kaiserslautern, wo sie ihn wenige Monate vor dem DFB-Pokalgewinn aussortieren. Es folgen Engagements bei Espanyol Barcelona (1990-1992) und dem 1. FC Saarbrücken (1992-1993), ehe ein Schulterbruch die Karriere des 31-Jährigen beendet.

Wolfram Wuttke

Wuttkes fußballerisches Vermächtnis? Der offizielle DFB-Pokalsieg mit Lautern, ein paar Auftritte im A-National-Team („Ich habe vier gute Länderspiele gemacht – andere hatten 50, davon 49 schlechte …“) und die vielleicht umfangreichste Anekdotensammlung der Bundesliga-Geschichte. Dem herrischen HSV-Manager Günter Netzer befiehlt Wuttke bei einem Trainingskick: „Nun spiel mal richtig ab, du Arsch!“ In Kaiserslautern nimmt er seinen vierjährigen Sohn mit in eine Teamsitzung. Er habe Benjamin nur zeigen wollen, „mit was für einem Idioten ich hier zusammenarbeiten muss“, erklärt Wuttke. Gemeint ist Übungsleiter Sepp Stabel.

Auch Rüdiger Abramczik erlebt Wolfram Wuttke aus der Trainer-Perspektive. In der Saison 1992/1993 fungiert „Abi“ als Assistent von Peter Neururer beim 1. FC Saarbrücken. „Ich kannte den ,Wutti‘ bis dato nur als Mitspieler, und da hatten wir immer riesigen Spaß gehabt. Aber als Trainer war es nicht leicht mit ihm. Oft genug mussten wir ihn am Montagvormittag, wenn er nicht pünktlich in der Kabine war, anrufen und fragen: „Junge, was ist los bei dir?‘“ Irgendwann ließ sich Neururer deshalb eine Sonderbetreuung für sein Sorgenkind einfallen, verrät Abramczik: „Wenn nachmittags eine Trainersitzung anberaumt war, meinte der Peter vorher zu mir: ,Hol doch den ,Wutti‘ dazu.‘ Er wollte den Jungen einfach im Auge behalten.“

Liebevoller Familienmensch

Benjamin Wuttke kennt all die Geschichten über seinen Vater. Manche, sagt er, seien maßlos übertrieben, andere komplett erfunden, viele einfach wahr. „Fakt ist, dass mein Vater nicht immer der Diplomatischste war“, weiß Wuttke junior. „Sonst hätte er sicher das eine oder andere Länderspiel mehr gemacht. Aber unabhängig von der Zahl seiner Einsätze im Nationaltrikot erinnern sich bis heute sehr viele Leute an ihn und seine Spielweise. Das macht mich ausgesprochen stolz. Ansonsten war mein Vater als Spieler eben so, wie er war: geradeheraus, dickköpfig, fast ein bisschen stur.“

Als Vater hingegen sei er ganz anders aufgetreten, erinnert sich sein Sohn: „Da war er stets der liebevolle Familienmensch, immer für eine Partie Fußball im Garten zu haben. Ich weiß noch, wie er mir mal versehentlicheinen Zahn rausgeschossen hatte. Er nahm mich in den Arm, klopfte mir liebevoll auf die Schulter und sagte: ,Komm Junge, ist doch nicht so schlimm!‘ Zum Glück war es nur ein Milchzahn.“ Als Benjamin, selbst ein talentierter Nachwuchskicker, eines Tages mit dem Fußball aufhört, verliert der Papa kein böses Wort. „Ich habe dann mit Tennis begonnen, und mein Vater hat mich auch dabei sehr unterstützt. Als ich später zum Golf wechselte, sagte er: ,Junge, wenn dir das Spaß macht, dann mach halt!‘“

Ungefähr zur selben Zeit zieht es Wolfram Wuttke mitsamt Familie zurück ins Ruhrgebiet. Der langjährige Fußballprofi eröffnet 1994 ein Sportgeschäft in Recklinghausen. Privat ist er fortan regelmäßiger Gast in Gelsenkirchen-Buer beim Stammtisch der ehemaligen S04-Profis im „Zutz“. Außerdem erfüllt er sich einen langgehegten Fan-Traum: Im März 1997 mietet Wuttke gemeinsam mit zwei Freunden ein Wohnmobil und reist zum Schalker UEFA-Cup-Auswärtsspiel nach Valencia. Inmitten von 5000 Blau-Weißen bejubelt er ein 1:1-Unentschieden und den Einzug ins Halbfinale.

Doch das Leben beschert Wolfram Wuttke nicht nur Feiertage. Im Jahr 2000 erkrankt er an Brustkrebs. Es folgen die Scheidung von Ehefrau Brigitte und die Insolvenz des Sportgeschäfts. Gejammert habe sein Vater trotzdem nicht, betont der Sohn. „Auch als ihm vom Geld und vom Ruhm nicht mehr viel geblieben war, hat er nie gesagt, früher wäre alles besser gewesen.“ 2015 stirbt Wolfram Wuttke mit nur 53 Jahren. Todesursache: multiples Organversagen infolge einer Leberzirrhose. „Eine der nettesten Beileidskarten kam übrigens von Jupp Heynckes“, erzählt Benjamin Wuttke hörbar bewegt. „Das zeigt mir, dass auch die Trainer, die früher Probleme mit ihm hatten, meinen Vater sehr geschätzt haben dürften.“

Schalker Kreisel

Der Text ist ursprünglich im Schalker Kreisel #1 der aktuellen Saison erschienen.

Schalker Kreisel Saison 2021/2022 Ausgabe 1

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