Rouven Schröder im Kreisel-Interview: Ich brauche dieses Feuer

Nach dem harten Aufprall in der Zweiten Liga stand Rouven Schröder im Juni gleich zum Auftakt seiner königsblauen Karriere vor einem Scherbenhaufen. Im ausführlichen Interview mit dem Schalker Kreisel erklärt der 46-jährige Sportdirektor, warum er die Aufräumarbeiten nicht gescheut hat, welche Arbeitsphilosophie er bevorzugt und was ihn generell antreibt im Leben.

Rouven Schröder

Rouven, wie hast du Schalke 04 vor der ersten Kontaktaufnahme dein Leben lang wahrgenommen?
Das fing bereits in der Kindheit an, im Sauerland an der Grenze zum Ruhrgebiet hatten viele Freunde Schalke als ihren Verein ausgewählt, es gab viele Frotzeleien mit anderen Fans. Wenn ein S04-Anhänger über seinen Verein gesprochen hat, habe ich immer gestaunt, vor allem über die heftigen Ausschläge, wenn Sieg oder Niederlage über die Stimmung des ganzen Wochenendes entschieden haben. Ich habe immer noch das Bild vor Augen, wie die vielen Schalker in ihren Kutten sich getroffen haben, um mit Bussen Richtung Parkstadion zu fahren.

Was hat sich an der Wahrnehmung seit deinem Antritt geändert?
Emotionalität und Wucht spürst du vorher, wenn du aber erst mal mittendrin bist, dann packen sie dich noch mehr. Du verstehst, wie die Menschen Schalke leben, und durch diese Nahbarkeit ist man schnell auf einem guten gemeinsamen Level, etwa bei der Einstellung: „Wir schaffen das gemeinsam – die hauen wir weg!“

Königsblau hatte in den vergangenen anderthalb Jahren wenig positive Schlagzeilen produziert. Hast du gezögert, als der Anruf kam?
Es bedeutete eine unfassbare Herausforderung, aber wenn der eine oder andere sagt: „Mach es lieber nicht“, dann greife ich erst recht zu. Schalke ist ein riesiger Verein, es bot sich eine unheimliche Chance, hier etwas zu bewegen. Emotional musste ich nicht überlegen, aber eine gewisse Abwägung gehört dazu. Nur mit der Schalke-Fahne auf dem Schimmel loszureiten, das läuft so nicht. Ich habe auch eine Verantwortung gegenüber meiner Familie, die im Rhein-Main-Gebiet verwurzelt ist. Wir können schlecht umziehen und die Kinder in eine neue Schule schleppen, damit ich nach zwei Wochen denke: Was hast du denn da gemacht? Weil ich selbst Überzeugungstäter bin und das vorlebe, habe ich gespürt, dass die Verantwortlichen mich wirklich wollten.

Schalke ist ein riesiger Verein, es bot sich eine unheimliche Chance, hier etwas zu bewegen.

Rouven Schröder

Galt es bei der Kaderplanung eher, den freien Fall zu stoppen oder bereits eine Aufstiegsperspektive zu schaffen?
Wir waren uns einig, dass wir erst mal in der Liga ankommen müssen. Dieser Absturz war ja ein gefühlter Totalschaden. Ich war lange genug in der Zweiten Liga unterwegs. Wenn wir gedacht hätten, wir bauen mal eben eine Mannschaft, die dann sicher aufsteigt, wäre hier gar nichts vorangegangen. Wir mussten definieren: Was bedeutet es, in dieser Liga zu spielen? Welche Tugenden sind gefragt? Dann die Diskrepanz zwischen Zu- und Abgängen. Ich hörte immer nur, wir holen den und den und den – wir mussten zuerst Spieler abgeben, bevor die Kabine aus allen Nähten platzt. Jemanden in eine andere Kabine zu setzen oder eine Trainingsgruppe zwei zu starten, war keine Option für uns. Es geht auch um Respekt den Menschen gegenüber, schließlich haben beide Seiten einen Vertrag unterschrieben, selbst wenn sich die Rahmenbedingungen massiv verändert haben.

Wie prüfst du einen Kandidaten auf seine Tauglichkeit und erkennst, ob er wirklich passt?
Zum einen wünscht man sich, dass es sportlich passt. Wenn er von uns ein Video mit emotionalen S04-Bildern bekommen hat, gehst du im Gespräch auf die Szenen ein. Diese positive Energie kann ja auch umschlagen, daher ist Stressresistenz ein wichtiger Aspekt. Wie reagiert jemand, wenn es mal nicht so gut läuft? Ist er Nationalspieler? Hat er schon mal bei Traditionsvereinen gespielt? Simon oder Domme Drexler etwa haben beim 1. FC Köln eine Aufstiegssaison mit viel Wucht und Druck erlebt, die können auch mit Niederlagen umgehen. Beim Treffen entwickelst du ein Gefühl dafür, wie jemand dich anguckt, ob er introvertiert oder extrovertiert ist, wie er auf gewisse Fragen eingeht, den Verein wahrnimmt, seine eigene Rolle sieht, ob er kritisch ist, vielleicht sogar zu kritisch. Dazu ist wichtig, wie er in der Mannschaftsstruktur funktionieren kann mit all ihren Bausteinen, und wie er sich selbst einschätzt. Wäre schlecht, wenn einer nur erzählt: „Hey, ich bin der Geilste und weiß gar nicht, warum ich hier für die Zweite Liga sitze.“

Wie groß war der Druck für dich persönlich, ob und wann der riesige Umbruch funktioniert?
Der Druck ist dauerhaft da. Früher dachte ich immer, wenn du zwölf Stunden im Büro sitzt, denken die Leute, der macht viel. Aber das Kopfkino läuft den ganzen Tag, wo du auch bist. Da merkt die Familie, du sitzt am Tisch, aber irgendwie auch nicht, weil du grübelst, ob du deine Pläne abgebildet bekommst, weil deine Stimmung damit steht und fällt. Ich bin sehr ungeduldig und ehrgeizig. Das kann kontraproduktiv sein, also muss ich auch mal einen Tag warten können. Wenn du Dinge umsetzen willst, dann spiegelst du das deinem Team: André Hechelmann und René Grotus als enge Mitstreiter beim Vertragsmanagement und Scouting, die Kommunikationsabteilung, es hängen ja alle zusammen. Ich glaube, es haben alle gespürt, da will einer nach vorne, aber er will auch mitnehmen. Ich bin sehr dankbar und honoriere es, wenn jemand in seinem Gewerk Dinge für Schalke 04 erfolgreich abbildet. In der Transferzeit haben viele Menschen ewig im Büro gehockt, auf Neuigkeiten gewartet, standen parat, um einen Zugang zu interviewen, Meldung und Medieninfo rauszuschicken. So bekommst du eine Gruppendynamik rein. Kurzum: Ich spüre den Druck und die Verantwortung dem Verein gegenüber.

Ich glaube, es haben alle gespürt, da will einer nach vorne, aber er will auch mitnehmen.

Rouven Schröder

Wer dich erlebt, bekommt unweigerlich den Eindruck, deine Kerze lodert an beiden Enden. Was wiederum die Gefahr des schnellen Ausbrennens birgt. Achtest du auf so etwas?
Das beschäftigt mich schon. Ich brauche dieses Feuer, um Dinge umzusetzen, mich immer wieder anzutreiben. Es ist mit einem Dimmer vergleichbar: Jetzt dimm mal ein bisschen runter, nee, komm, noch einmal richtig aufdrehen, das bringst du erst zu Ende, danach kannst du den Schalter auch mal ganz ausmachen. Ich brauche was Visuelles, muss den Kader sehen, fühlen, muss den Haken setzen. Dann kommt das nächste Thema, Haken setzen, nächstes Thema … Das muss ich sehen, deswegen schreibe ich mir jeden Morgen frisch auf, was ich vorhabe, abends als Letztes notiere ich es noch mal neu und sauber. Und am nächsten Tag geht es wieder los. Aber das ist tatsächlich die Krux: mal runterzufahren, das Gefühl, einfach mal laufen gelassen zu haben, und das habe ich selten, muss ich gestehen.

Wie es aussieht, wenn Rouven Schröder trotzdem mal laufen lässt, was er vom S04 auf dem Rasen erwartet, und wofür ihm seine Patchwork-Familie schon mal die Gelbe Karte zeigt – all das lesen Vereinsmitglieder im neuen Schalker Kreisel.

Schalker Kreisel

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