Holzspäne und Grashalme: Luca Schuler hat sich ein zweites Standbein geschaffen

Klobige Sicherheitsschuhe und eine braune Arbeitshose – Equipment, das niemand in Verbindung mit einem Bundesliga-Debütanten bringt. Doch auch das zählt zur Ausrüstung von U23-Spieler Luca Schuler. Vor fünf Jahren setzt er auf zwei Talente: als Offensivkicker und Tischler-Lehrling. Drei Jahre schnitzt der 21-Jährige an seiner beruflichen Absicherung – und verrät im Schalker Kreisel heute, dass sich der Aufwand gelohnt hat.

Bevor Luca Schuler am späten Nachmittag seine Fußballschuhe schnürt, lässt er Späne fliegen. Der 1,93 Meter große Blondschopf verarbeitet Holz, setzt Möbelstücke zusammen, lernt dabei, Kreissäge und Hobelmaschine zu bedienen. Zweimal in der Woche packt er in der Werkstatt an, drei Tage drückt er die Schulbank. Die Entscheidung dafür trifft Schuler nach dem Realschulabschluss mit 16 Jahren. Ein Kindheitstraum? „Das ist eher mit der Zeit gekommen. Ich wollte nicht nur Abitur machen, weil die meisten so verfahren“, begründet er. Sein Opa, gelernter Schlosser, hatte schon immer viel mit ihm gehandwerkelt. „Das hat mir Spaß gemacht. Vor allem die gemeinsamen Arbeiten mit Holz. Ich war recht talentiert, weshalb mir die Entscheidung leichtfiel, neben dem Fußball eine Ausbildung zu starten.“

Wenige Kilometer entfernt liegt auch der Ursprung seiner Fußballkarriere. Zehn Jahre verbringt der gebürtige Rheinland-Pfälzer in der Nachwuchsabteilung des 1. FC Kaiserslautern, knapp 45 Minuten Fahrzeit von seinem Wohnort Meckenheim entfernt. Dort durchläuft er alle Stationen bis zur U17 und beginnt die Lehre. „Der Vorteil war, dass ich nicht zum Kunden musste. Also war ich nie auf Montage, alles lief in der Werkstatt ab. Um Punkt 17 Uhr war Schluss. Dafür habe ich nebenbei kein Geld verdient“, erklärt er den Unterschied zu einer Ausbildung im gewöhnlichen Betrieb. „Ansonsten wäre das Pendeln zwischen Fußball und Arbeit sehr schwierig geworden.“

2016 wechselt der gelernte Mittelstürmer vom FCK in die U19 des FC Elversberg, ein Jahr später in die A-Jugend des 1. FC Saarbrücken. „In Lautern hat alles optimal gepasst. Dann stand der Wechsel bevor, aber ich wollte die Ausbildung unbedingt zu Ende machen.“ Deswegen zieht Schuler mit 17 Jahren in seine erste eigene Wohnung nach Kaiserslautern. Zum Training nach Elversberg holt ihn teilweise der Fahrdienst, die restlichen Strecken übernimmt sein Vater. Mit 18 fährt er schließlich selbst.

Von Saarbrücken über die Zweite Mannschaft des 1. FC Köln kommt Schuler im Januar 2020 in die Knappenschmiede. „In Köln habe ich nicht viel gespielt. Nach einer Verletzung musste ich fast ein halbes Jahr pausieren und hatte danach nur Kurzeinsätze oder stand nicht mehr im Kader.“ Für den Offensivmann ist zu diesem Zeitpunkt klar: Er muss im Winter erneut wechseln, um Spielpraxis zu bekommen. Der S04 sucht zeitgleich für die Regionalliga-Mannschaft einen Stürmer, der aus demselben Holz geschnitzt sein soll: groß, schnell und einer, der Bälle festmacht. Zwischen ihm und Königsblau passt es auf Anhieb.

Seit einem Jahr wohnt der 21-Jährige nun in Gelsenkirchen. „Ich habe mich gut eingewöhnt. Je länger man hier ist, desto mehr lernt man kennen. Viele Orte, viele Leute“, sagt er. Man merkt: Ihm gefällt es in seiner neuen Heimat. „Ich bin auch extrem froh darüber, dass wir unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen und mit regelmäßigen Testungen in der Regionalliga West weiterspielen können. Da haben wir echt Glück.“ Neben Extraschichten achtet Schuler auf seine Ernährung. Überwiegend isst er glutenfrei, verzichtet auf Kuhmilchprodukte und konsumiert nur Puten- oder Hähnchenfleisch. Industriellen Zucker meidet er. „Das ist alles recht schwer, aber ich will dranbleiben.“

Das gilt nicht bloß für den sportlichen Werdegang: Auch sein erlerntes Handwerk verfolgt er weiterhin. Seine Teamkollegen wissen Bescheid. Der eine oder andere will es aber anfangs nicht ganz glauben. „Vielleicht, weil ich nicht sehr handwerklich geschickt aussehe“, sinniert er und schmunzelt. Bei den Mitspielern daheim musste er jedenfalls noch nicht anpacken. „Aber manchmal juckt es mir schon in den Fingern, in der Freizeit Holz zu verarbeiten.“

Vergangenes Jahr zu Weihnachten bereitet er für seine Großeltern eine besondere Überraschung vor. „Die beiden fahren oft nach Österreich in den Urlaub, in die Berge. Da gibt’s bestimmte Holzbänke, die sich perfekt an die Liegeposition anpassen sollen.“ Also
sucht er die Schreinerei seines besten Freundes auf und baut solch eine Liege in nicht einmal zehn Tagen nach. „Das gefällt mir an dem Beruf am meisten. Du arbeitest den ganzen Tag an etwas und am Ende siehst du, was du geschaffen hast. Das fertige Produkt
in den Händen zu halten, ist einfach ein schönes Gefühl.“ Sein Lieblingsstück ist ein selbstgemachter Couchtisch, Bestandteil seiner Gesellenprüfung, die er mit 1,8 abschließt. „Ich habe mich viel damit befasst, Zeit und Energie reingesteckt. Es war komplex, aber er ist mir insgesamt schon recht gut gelungen.“

Doch nicht nur ein guter Abschluss ist Schuler wichtig. Auch die Erkenntnis, wie ein „ganz normales Leben“ abseits des Fußballplatzes ablaufen könnte, reizte ihn damals. Und der Zeitplan hat es in sich; im Praktikum beginnt sein Tag damals zwischen 5 und 6 Uhr, endet frühestens um 17 Uhr. Bis auf eine kurze Mittagspause steht er in der Werkstatt und malocht. Heute besteht sein Alltag hauptsächlich aus Trainingseinheiten und Spielen an Wochenenden. Keinesfalls entspannt, aber insgesamt bleibt ihm mehr Freizeit. „Deswegen weiß ich es zu schätzen, hauptberuflich als Fußballer zu arbeiten. Es ist eine feine Sache und auf jeden Fall ein Privileg.“

Hey, ich habe gerade wirklich in der Bundesliga gespielt.

Luca Schuler

Einen kleinen Traum hat sich der U23-Stürmer mit seinem Debüt in der Bundesliga bereits erfüllt. Neun Minuten lang darf er sich im November im Spiel der S04-Profis gegen Borussia Mönchengladbach präsentieren. Den Moment kann das Nachwuchstalent im
Borussia-Park aber nicht wirklich genießen. „Kurz vor meiner Einwechslung war ich sehr konzentriert. Ich wollte unbedingt eine gute Performance abliefern und alles geben.“ Als ihn nach der Partie die ersten Glückwünsche erreichen, realisiert er: „Hey, ich habe gerade wirklich in der Bundesliga gespielt.“ Sein erstes Telefonat führt Schuler mit seinen Eltern, das Trikot rahmt er sich ein und hängt es in die Wohnung. Zur Motivation. „Ich habe auf jeden Fall Blut geleckt und Lust auf mehr.“

Chancen wie diese sind einer der Gründe, weshalb sich Schuler vor dem Wechsel für den Unterbau einer Bundesliga-Mannschaft entschieden hat. „Für einen Spieler, der gerade aus der A-Jugend kommt, ist es sehr schwierig, sich direkt bei den Lizenzspielern zu
beweisen.“ Diese Möglichkeit sieht er in der U23. Auf Schalke sind die VELTINS-Arena, die Nachwuchs- und die Profiabteilung alle an einem Ort. „Das ist schon etwas Besonderes. Wir trainieren oft zur selben Zeit, nur einen Platz weiter, neben den Profis. Das ist für uns alle ein Ansporn“, schwärmt er. „Und wenn du regelmäßig gute Leistungen zeigst, bekommst du vielleicht die Chance, oben mitzutrainieren oder gar Spielpraxis zu sammeln. Daraus kann man enorm viel mitnehmen.“

Weil eine sportliche Karriere nicht nur Höhepunkte bietet, weiß auch Schuler, dass ein zweites Standbein sehr wichtig ist. „Im Sport kann von heute auf morgen alles sehr schnell gehen. Manchmal genügt eine größere Verletzung, und du kannst nicht mehr weitermachen. Oder es reicht einfach nicht für die ganz große Karriere.“ Wer mit seinem Talent allein kein Geld verdienen kann, braucht eine berufliche Option. „Fängst du erst mit Mitte oder Ende 20 an, eine neue Beschäftigung zu erlernen, kann das sehr schwierig werden. Deswegen kann ich nur empfehlen, sich schon früh neben der sportlichen Karriere etwas aufzubauen.“

Schuler bereut seine Entscheidung definitiv nicht. Der 21-Jährige ist froh, dass er sich damals überwunden hat und eine handwerkliche Ausbildung vorweisen kann. „Irgendwie lässt es die Zeit neben dem Sport zu. Du musst dein Ziel immer klar vor Augen haben.“

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