Wie Brüder - lettische Wohngemeinschaft in der U23

So klein ist die Welt: Als der 18-jährige Janis Grinbergs Lettland verlässt, um für die Schalker U23 Fußball zu spielen, fühlt er sich einsam. Bis er bemerkt, dass dort ein Landsmann kickt, den er von früher kennt – der zwei Jahre ältere Andrejs Ciganiks. In Gelsenkirchen-Buer gründen die beiden eine Wohngemeinschaft, die über den bloßen Zweck hinausgeht. Grinbergs scherzt: „Andrejs ist wie eine Mutter für mich.“

Beide lachen, als er das erzählt und Andrejs währenddessen Spiegeleier, Tomaten und Schinken fürs Frühstück brutzelt. Ein Scherz mit wahrem Kern. Andrejs lebt seit vier Jahren in Deutschland und hat den Jüngeren unter seine Fittiche genommen. In Lettlands Hauptstadt Riga spielten beide in der Jugend des Rekordmeisters FK Skonto. Sie kennen sich flüchtig, als sie sich in Gelsenkirchen wiedertreffen. Nach dem U23-Trainingslager im Juli 2017 fragt Andrejs, ob sie zusammenziehen sollen. Sie suchen eine kleine Wohnung in Buer, keine nullvier Kilometer vom Trainingsgelände entfernt. Die Nachbarn sind sicher, dass die beiden stets lächelnden blonden Jungs Brüder sein müssen. Stimmt zwar nicht, fühlt sich aber beinahe so an.

Als Andrejs Ciganiks 2013 nach Deutschland kommt, ist er gerade 16 Jahre Jugendlichen. Bayer 04 Leverkusen holt das Talent und stattet es mit einem Vertrag aus, der den Jugendlichen zu den Profis führen soll. Einige Verletzungen und viel Zeit in der Reha verhindern das letztlich. Im neuen Land nimmt ihn eine Gastfamilie auf. Er bekommt täglich Deutschunterricht, spricht die Sprache inzwischen nahezu perfekt und baut sein Fachabitur mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Verwaltung. Das Heimweh allerdings hat ihn nach der anfänglichen Euphorie des von elterlicher Aufsicht entkoppelten Abenteuers monatelang im Griff. Auch deshalb will er Janka, so Grinbergs Spitzname, unterstützen. „Ich weiß, wie die Situation für ihn ist, so allein in einem neuen Land“, erklärt Andrejs. Er erinnert sich noch gut daran, wie es sich anfühlte, als er früher in der Kabine saß, seine Mitspieler flachsten, lachten und er nicht verstand, worüber – oder ob gar über ihn? „Vielleicht war es auch Schicksal, dass wir uns hier treffen“, sagt er. Janis nimmt das gerne an. Er erzählt, wie schwierig die ersten Wochen ohne Eltern, Freunde und Deutschkenntnisse für ihn gewesen sei en. Er lächelt. Dass sie sich getroffen haben, sei sehr gut. Für beide.

Inzwischen sind die Offensivspieler feste Größen in der U23 und nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Alltag ein gutes Team. Ihre Zwei-Zimmer-Wohnung ziert eine große Küche, Andrejs Reich. „Ich koche gerne“, sagt er. Kürzlich hat er sich einen neuen Fleischklopfer gegönnt. „Wir gehen zusammen einkaufen, dann bereite ich etwas zu, und Janis macht den Abwasch.“ Wenn etwas im Kochtopf besonders gelungen scheint, laden die Jungs Bilder oder Videos davon bei Instagram hoch. Eine Spülmaschine haben die beiden übrigens nicht. Auch den Wohnungsputz übernehmen sie selbst.

Wenn sie sich unterhalten, dann nicht auf Lettisch, sondern auf Russisch. Das mag überraschen, verweist aber auf die Heimat. Lettland mit seinen knapp zwei Millionen Einwohnern ist eine gespaltene Nation. Nach der Eingliederung in die Sowjetunion 1940 wuchs der Anteil der russischsprachigen Bevölkerung rapide und liegt heute bei noch immer rund 30 Prozent. Nach der Unabhängigkeit 1991 wollte sich die Regierung gegen den vermeintlich reaktionären Einfluss dieser Gruppe schützen. Sie führte den Status des sogenannten „Nichtbürgers“ ein, der vor allem russischsprachige Menschen betraf, diese quasi als staatenlos erklärte und damit beispielsweise das Wahlrecht beschnitt. Das betrifft längst nicht jeden russischsprachigen Menschen in Lettland. Diese demografische Situation ist dennoch bis heute eine existenzielle Streitfrage.

Janis ist ethnischer Lette. Seine Muttersprache ist Lettisch, er beherrscht aber auch Russisch. Andrejs wurde ebenfalls in Riga geboren und besitzt den lettischen Pass. Er hat zugleich ukrainische Wurzeln, seine Muttersprache ist jedoch Russisch. Deshalb, sagt er, fühle er sich „in Lettland als Russe“. Trikots der lettischen Jugendnationalmannschaften tragen aber beide. Sinnbild für die komplexe identitäre Gemengelage.

In Gelsenkirchen einigen sich die jungen Letten auf Russisch. Politische Spannungen existieren in der WG aber nicht. Klar, Andrejs gefällt es nicht, dass einige Letten Russischsprechende noch heute als Okkupanten betrachten. Das hält er für anachronistisch: „Es gibt keine schlechten Na tionalitäten, keinen schlechten Glauben, sondern nur schlechte Menschen.“ So einfach ist das. Und mit Blick auf Janka, der für ihn mittlerweile mehr Freund als nur Mitbewohner geworden ist, fügt er lächelnd an: „Er ist ein Guter.“

Vom Baltikum ins Ruhrgebiet

  • Andrejs Ciganiks (*12.04.1997) wechselte 2013 aus FK Skonto Rigas Zweiter Mannschaft zur U19 von Bayer 04 Leverkusen. Nach verletzungsbedingt belasteten Juniorenjahren trug er von 2016 bis 2017 eine Saison lang das Trikot von Viktoria Köln, mit der er Regionalliga-Meister wurde. Im Sommer holte Schalke den offensiven Außenbahnspieler für die U23.
  • Janis Grinbergs (*28.02.1999) spielte für seinen Ausbildungsverein FK Skonto Riga (2016-2017) sowie den FK RFS (2017) in der Virsliga, der höchsten lettischen Spielklasse. Auf Schalke absolvierte er bereits im Winter 2017 Probetrainings in der U19 und U23. Teammanager Gerald Asamoah wollte den quirligen Offensivgeist unbedingt für
    die Zweite Mannschaft haben.
  • Ciganiks und Grinbergs sind lettische Junioren-Nationalspieler und durchliefen sämtliche U-Teams. Aktuell sind sie Teil der U21. Den Fußball in ihrem Heimatland halten sie für ausbaufähig. „Bis zur U15 oder U17 ist die Ausbildung nicht schlechter als in Deutschland“, erklärt Ciganiks. Danach fehlten aber die Strukturen.

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