U23-Betreuer Michael Bruske: Kumpelherz

Von fallenden Fördertürmen und flammenden Schneidbrennern kann Michael Bruske schmerzlich genau erzählen. 34 Jahre lang fuhr der U23-Betreuer der Knappenschmiede auf Pütts im Ruhrgebiet an – und hat vier davon mit dichtgemacht.

Unweit der Zeche Hugo ist Bruske an der Horster Straße aufgewachsen. Heute lässt an dieser Ecke einzig die Rungenberghalde noch verrußte Erinnerungen aufleben – das Bergwerk ist seit 2000 stillgelegt. Für den heute 59-Jährigen begann dort einst die prägendste Episode seines Lebens als Untertage-Schlosser. „Ich hatte keine andere Wahl“, erklärt er. „Ich kam mit 15 aus der Schule, und meine Mutter hat mir den Lehrvertrag hingelegt.“

Von der Hauptschule direkt in die dreijährige Ausbildung auf Hugo. 1974 eine sichere Sache. Das Gewerbe mit dem schwarzen Gold bot Arbeit für ein ganzes Leben und länger. So schien es, bis die harte Realität einschlug. Den angehenden Lehrling störte damals aber was ganz anderes: „Ich wollte überhaupt nicht unter Tage malochen, sondern bei der Post anfangen. Dort waren alle meine Schulkollegen.“ Und die hatten ihm den Job mit täglichem Dienstschluss um 11 Uhr schmackhaft gemacht. Problem: schwarz-gelbe Uniform. Viel größeres Problem: „Darauf hat sich meine Mutter gar nicht eingelassen.“

Der Sohn beugte sich dem elterlichen Willen und schaffte erst zwei Jahre über Tage und schließlich ein Jahr darunter, bis er sich offiziell Schlosser nennen durfte und ihn das Steigerfieber gepackt hatte. Von Hugo zog er auf Hugo Ost, dann nach Wulfen, wo eine große Schachtanlage und eine Bergarbeitersiedlung entstehen sollten. Als dort Schlägel und Eisen fielen, wartete Schacht Fürst Leopold im Verbundbergwerk Lippe, anschließend Westerholt und Polsum. „Wir waren dort, wo die Arbeit anfiel“, rafft er die Zeit. „Die Strebe, Förderanlagen und Bandstraßen waren ja überall relativ gleich, da brauchte es keine Eingewöhnungsphase.“

Als in Wulfen die Zeche starb, blutete auch ihm das Herz. In der Nähe hatte er sich niedergelassen. Als der Förderturm abgesägt wurde, waren er und viele Kumpel live dabei. „Man ist jeden Morgen dorthin gefahren, auf denselben Parkplatz. Man hat seinen Kaffee getrunken, mit den Kollegen gequatscht, hat am Steigerbüro geguckt, was ansteht und ist gemeinsam angefahren“, berichtet Bruske. „Da überkam uns alle ein bedrückendes Gefühl. Ich musste mir die Tränen verkneifen.“

Umso tiefer haben sich dadurch die Bergbauwerte in die Lebensauffassung des U23-Betreuers eingebrannt; speziell der Zusammenhalt fernab jeglicher menschlichen Unterschiede und Rivalitäten, das Einstehen füreinander. Mit einigen Kumpeln brettert er weiter einmal im Jahr auf Motorrädern durch den Schwarzwald. Wichtig ist ihm, dass die Bergbaukultur in der Region verankert bleibt. „Es ist schön zu sehen, was in den Gebäuden für neue Dinge entstehen. Aber der Gedanke, dass dort nie mehr ein Förderkorb mit rasender Geschwindigkeit runtersaust, ist erschreckend für mich.“ 2008 war für ihn Schicht im Schacht, nach Kurzarbeit und Ausgleichsleistung kann er dann 2019 mit 60 Jahren offiziell in Rente gehen.

Dass der einstige Bergmann nun für die Königsblauen malocht, verdankt er dem Zufall. Wobei der nichts dafür konnte, dass Bruske schon als Knirps Knappe wurde: „Wer an der Horster Straße aufwächst, kann von Anfang an nur Schalker sein“, betont er. Dank freien Eintritts in der zweiten Halbzeit kam er früh in Verbindung mit dem Kumpel- und Malocherclub. Und er kickte selbst bei Schwarz-Weiß Buer-Bülse – unter Spielertrainer Bodo Menze.

„Wir haben uns gute drei Jahrzehnte aus den Augen verloren“, erzählt Bruske. Erst 2011, auf der Geburtstagsfeier eines Bekannten, vereinte erwähnter Zufall die einstigen Teamkollegen. Menze kümmerte sich mittlerweile um den S04-Nachwuchs und bot ihm kurzerhand den Betreuerjob bei der U23 an. „Ich habe mich unheimlich gefreut. Betreuer auf Schalke – das war der Wahnsinn!“ Seither ist der Ex-Kumpel für den Club tätig, bei dem das Steigerlied und ein tägliches Glückauf an der Tagesordnung sind.

Letzteres erschreckte den neuen Betreuer anfangs jedoch: „Was ist denn jetzt los?“, dachte er, als ihn die Mitarbeiter am Empfang oder in der Buchhaltung so begrüßten. „Aber es passt“, findet er, „und klingt besser als ein plattes ,Morgen‘.“ Michael Bruske genießt seine neue Tätigkeit. Und von seinem früheren Leben unter Tage bereut er keine Minute. Mit Blick auf die Postboten-Montur war es ohnehin die richtige Entscheidung.

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