Hannover 96: Getrübte Vorfreude

Der Betriebsunfall ist korrigiert: Hannover 96 ist nach einem Jahr Abstinenz zurück in der Erstklassigkeit. Zwei ehemalige Königsblaue besitzen daran einen großen Anteil. Doch schon vor dem Start der neuen Spielzeit war die Aufstiegseuphorie verflogen. Die Probleme: hausgemacht.

Nach dem 23. Spieltag schien der vor der Saison als „alternativlos“ bezeichnete Aufstieg in Gefahr. Ein 0:2 in Karlsruhe ließ Hannover 96 auf den Relegationsrang drei zurückfallen. Die Verantwortlichen zogen die Reißleine und installierten Horst Heldt als neuen Manager. Als die Niedersachsen wenige Wochen später gar auf Platz vier rutschten, entließ Heldt, von 2010 bis 2016 Vorstandsmitglied bei den Königsblauen, Trainer Daniel Stendel und lotste einen alten Bekannten an die Leine.

Mit Andre Breitenreiter an der Seitenlinie fuhr 96 in den verbleibenden neun Spielen 21 Punkte ein und feierte im Mai die direkte Rückkehr ins Oberhaus. Der ehemalige Schalker Trainer ist nahe Hannover geboren und war selbst Spieler des Vereins. „Ich bin Hannoveraner Junge. Es ist ein Privileg, in meiner Heimatstadt den Posten des Chef-Trainers übernommen zu haben“, weiß sich der 43-Jährige glücklich zu schätzen.

In der ersten Saisonvorbereitung mit seinem neuen Team setzte Breitenreiter vor allem auf Teamgeist und Vielseitigkeit. „Wir als Hannover 96 müssen zusammenhalten und alle gemeinsam für das Ziel zusammenstehen“, erklärt der Coach, worauf es ankommen wird. Um dem Abstiegskampf möglichst von vornherein aus dem Weg zu gehen, wurden in der siebenwöchigen Vorbereitung – so früh startete kein anderer Bundesligist – gleich mehrere Spielsysteme einstudiert. Breitenreiter: „Nicht ausrechenbar sein – das ist mein Anspruch.“

In seine Planungen konnte der Fußballlehrer schon wenige Tage nach dem Aufstieg vier gestandene Bundesligaspieler neu einbeziehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Heldt bereits Michael Esser (Darmstadt), Julian Korb (Mönchengladbach), Matthias Ostrzolek (Hamburg) und Pirmin Schwegler (Hoffenheim) verpflichtet. Abgeschlossen waren die personellen Aktivitäten dadurch allerdings noch nicht. Erst vor wenigen Tagen wurde der Transfer des brasilianischen Stürmers Jonathas von Rubin Kasan finalisiert. Zudem besteht nach der Kreuzbandverletzung von Neu-Kapitän Edgar Prib Handlungsbedarf.

Weitaus schwerwiegender sind jedoch die Probleme abseits des Fußballplatzes. Die geplante mehrheitliche Übernahme durch Club-Boss Martin Kind stößt in großen Fan- und Mitgliederkreisen auf Kritik und Ablehnung. Der Unternehmer feiert im September sein 20-jähriges Jubiläum als Förderer des Vereins und kann dann dank einer Sonderregelung der DFL die 50+1-Regel umgehen.

Neben friedlichen Protesten sorgten einige Randalierer für den Abbruch eines Vorbereitungsspiels im englischen Burnley. Wenig später beschloss die aktive Fanszene des Vereins einen Stimmungsboykott, der in den ersten beiden Pflichtspielen bereits konsequent umgesetzt wurde. Sehr zum Leidwesen der sportlichen Protagonisten. „Wir brauchen als Spieler unbedingt die Unterstützung der Fans, auch wenn sie ein Problem mit der Vereinsführung haben“, macht Stürmer Martin Harnik deutlich. Heldt reagiert mit leichtem Sarkasmus: „Gegen Schalke wird es auch laut sein. Aber es werden wohl nicht die eigenen Anhänger sein.“

Dabei ist allein die sportliche Herausforderung für die 96er groß genug. „Wenn ich die öffentliche Meinung wahrnehme, dann können wir schon erkennen, dass Hannover 96 als Absteiger Nummer eins gehandelt wird“, sagte Breitenreiter vor dem Auftaktspiel in Mainz. Dort gelang dank disziplinierter Abwehrarbeit und einem Kontertor von Harnik ein Auswärtssieg – wie eine Woche zuvor im Pokal beim Bonner SC (6:2). „Wir werden jeden eines Besseren belehren“, kündigt Breitenreiter an. Jetzt müssen weitere Taten folgen.

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