Jochen Schneider: Es geht nur als Team

Der neue Sportvorstand Jochen Schneider hat sich am Montag (4.3.) den Mitgliedern des Aufsichtsrats persönlich vorgestellt. Im Interview mit schalke04.de skizziert der 48-Jährige seine ersten Aufgaben und personellen Überlegungen, zudem spricht er über die aktuelle sportliche Situation und eine seit Kindertagen anhaltende Faszination für Königsblau.

Jochen Schneider, herzlich willkommen auf Schalke. Nach Christian Heidels Rückzug wurden viele Namen für dessen Nachfolge öffentlich gehandelt. Allerdings nicht der Name Jochen Schneider.
Das spricht für den FC Schalke 04. Gemeinsam haben wir die Zusammenarbeit sehr professionell abwickeln können, da von keiner informierten Seite – auch von meinem ehemaligen Verein RB Leipzig – keine Infos an die Öffentlichkeit gedrungen sind. Das passt zu meiner Auffassung. Ich bin nicht der Typ, der Dinge herausposaunt oder sein Gesicht jeden Tag in der Zeitung sehen möchte. Mir geht es darum, gemeinsam mit einem starken Team gute Arbeit zu leisten. Das habe ich schon immer so gehalten, und so wird es auch bleiben.

Beim VfB Stuttgart haben Sie zweimal mit Huub Stevens zusammengearbeitet, der seit Juni 2018 zum Aufsichtsrat des FC Schalke 04 zählt. Hat er eine entscheidende Rolle bei der Verpflichtung eingenommen?
Während unserer gemeinsamen Zeit habe ich Huub Stevens sehr gut kennen- und auch schätzen gelernt. Ihn damals zweimal als Trainer geholt zu haben, war eine goldrichtige Entscheidung, da er den VfB jeweils in einer schwierigen Situation übernommen und zum Klassenverbleib geführt hat. Diese gemeinsame Vergangenheit hat mir zuletzt sicherlich nicht geschadet, als es darum ging, einen neuen Sportvorstand für den FC Schalke 04 zu finden. Auch Clemens Tönnies und ich kennen uns schon einige Zeit. Vor rund neun Jahren habe ich mit ihm über die Modalitäten des Wechsels von Horst Heldt zum FC Schalke 04 verhandelt.

Ich bin nicht der Typ, der Dinge herausposaunt oder sein Gesicht jeden Tag in der Zeitung sehen möchte.

Jochen Schneider

An Clemens Tönnies‘ Seite haben Sie zuletzt in der VELTINS-Arena das 0:4 gegen Fortuna Düsseldorf verfolgt. Wie haben Sie die 90 Minuten und die Ereignisse nach dem Abpfiff wahrgenommen?
Das Spiel war natürlich äußerst unerfreulich. Deshalb kann ich den Frust der Fans verstehen. Sie kommen mit großen Erwartungen ins Stadion – und diese Erwartungen sind in dieser Saison bislang leider zu häufig enttäuscht worden. Wir müssen es schaffen, nun eine Trendwende herbeizuführen. Dabei sollten Mannschaft, Trainerteam, Vereinsführung, Mitarbeiter und Fans zusammenhalten. Es geht nur gemeinsam.

Welche Aufgaben stehen auf Ihrer Agenda an vorderster Stelle?
Zunächst einmal ist eine Analyse notwendig: Was finde ich im Ressort Sport vor? Vorrangig zählt natürlich, die aktuell schwierige Situation zu bewältigen und gleichzeitig zu schauen, was wir für die Zukunft verbessern können. Wenn ich eines in den vergangenen Jahren gelernt habe, dann ist es Strukturen zu schaffen, neue Wege zu gehen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die anstehenden Aufgaben werde ich mit Besonnenheit angehen, gleichzeitig aber auch Entscheidungen treffen, wenn dies notwendig ist.

Wie bewerten Sie die aktuelle Tabellenkonstellation in der Bundesliga?
Sie ist kritisch. Da dürfen wir uns nicht in die Tasche lügen. Es wäre schön, wenn wir jetzt schon die mittel- oder gar langfristige Zukunft planen könnten. Aber das geht nicht. Wir müssen jetzt den Fokus auf die aktuelle Situation richten und die Mannschaft in die Lage versetzen, dass sie die notwendigen Punkte einfährt, um in der Tabelle zu klettern.

Zuletzt hieß es, dass neben Ihnen als Sportvorstand noch weitere neue Kräfte für den Verein gewonnen werden sollen. Wie sehen die konkreten Planungen aus?
Die zahlreichen Aufgaben, die tagtäglich anstehen, kann eine Person allein gar nicht bewältigen. Andere Vereine ähnlicher Größe haben sich in der Vergangenheit bereits breiter aufgestellt und die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt. Das werden wir auch machen und neben einem neuen Sportdirektor auch noch einen Technischen Direktor installieren.

Die aktuelle Tabellensituation ist kritisch. Da dürfen wir uns nicht in die Tasche lügen.

Jochen Schneider

Haben Sie sich einen Zeitrahmen für die Besetzung der Stellen gesetzt?
Bei der Auswahl der passenden Personen ist mir die Qualität deutlich wichtiger als die Schnelligkeit der Umsetzung. Denn nur Qualität bringt uns nach vorne. Ich habe schon klare Vorstellungen im Kopf. Die fachliche Komponente ist extrem wichtig, aber auch der Umgang untereinander muss passen. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, können wir den FC Schalke 04 gemeinsam nach vorne bringen. Es geht nur mit Teamplayern.

Ralf Rangnick bedauert, dass Sie ihr Amt in Leipzig niedergelegt haben, da er Sie und Ihre Arbeit nach eigener Aussage sehr schätzt. Gleichzeitig hat er aber auch gesagt, dass er sich sehr für Sie freue. Auch, weil Sie schon immer große Sympathien für den FC Schalke 04 gehegt haben sollen.
Ich kenne Ralf Rangnick seit mehr als 25 Jahren. Dass ich eine Leidenschaft für Schalke habe, hat er nicht vergessen (schmunzelt). Ich habe ihm das damals erzählt, als er Trainer auf Schalke war.

Sie sind in Süddeutschland geboren und aufgewachsen. Wie kam es dazu, dass Sie Königsblau die Daumen gedrückt haben?
Durch meinen Onkel, der nur zehn Jahre älter als ich war, leider aber viel zu früh verstorben ist. Er war großer Schalke-Fan. Wir sind wie Brüder aufgewachsen, er hat mich in verschiedensten Dingen geprägt. So auch im Fußball. Zur Wahrheit gehört es ebenso, dass ich aufgrund der regionalen Nähe irgendwann auch meine Verbundenheit zum VfB Stuttgart entdeckt habe, für den ich insgesamt 19 Jahre arbeiten durfte.

Klaus Fischer war der Held meiner Kindheit.

Jochen Schneider

Angefangen haben Sie in der Bundesliga beim VfB an der Seite von Manager Rolf Rüssmann, der als Spieler eine prägende Figur auf Schalke gewesen ist und 1972 zu jener Mannschaft gehörte, die Vizemeister und DFB-Pokalsieger wurde.
Rolf Rüssmann, der leider ebenfalls viel zu früh verstorben ist, war für mich wie ein Ziehvater. An seiner Seite hatte ich die vielleicht zwei schönsten Jahre meiner bisherigen Laufbahn.

Was hat Sie in jungen Jahren am FC Schalke 04 fasziniert?
Klaus Fischer! Im Alter von sieben Jahren habe ich mein allererstes Fußballspiel live im Stadion gesehen. Das war im November 1977 das Duell zwischen Deutschland und der Schweiz in Stuttgart, in dem Klaus Fischer das „Tor des Jahrhunderts“ gelungen ist. Ich habe es noch genau vor Augen: Flanke Rüdiger Abramczik, Fallrückzieher Klaus Fischer. Er war neben Karlheinz Förster der Held meiner Kindheit. Vor dem Spiel gegen Düsseldorf am Samstag habe ich ihn im Stadion getroffen. Das war ein sehr schöner Moment.

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